LOHENGRIN – Greifswald, Theater Vorpommern

von Richard Wagner (1813-1883), Romantische Oper in drei Aufzügen, Text vom Komponisten, UA: 28. August 1850 Weimar, Großherzogliches Hoftheater

Regie: Dirk Löschner, Bühne/Kostüme: Christoper Melching, Dramaturgie: Katja Pfeifer, Choreinstudierung: Anna Töller

Dirigent: Golo Berg, Philharmonisches Orchester Vorpommern

Solisten: Junghwan Choi (Lohengrin), Anette Gerhardt (Elsa von Brabant), Thomas Rettensteiner (Friedrich von Telramund), Elena Suvorova (Ortrud), Alexandru Constantinescu (Heerrufer), Tye Maurice Thomas (König Heinrich), u. a.

Aufführung: 21. Dezember 2013 (Premiere)

mbb_4703Kurzinhalt

Elsa von Brabant wird von ihrem Vormund Friedrich von Telramund und seiner Frau Ortrud angeklagt, ihren Bruder, den Thronfolger, ermordet zu haben. König Heinrich sieht sich nicht imstande, über sie zu urteilen, und ruft das Gottesgericht an. Doch niemand will für Elsa gegen Telramund antreten. Da erscheint, von einem Schwan getragen, ein strahlender Ritter und bietet Elsa seine Dienste an. Er hält gleichzeitig um ihre Hand an unter der Bedingung, da? sie ihn niemals nach seinem Namen und seiner Herkunft befragen dürfe. Der Ritter besiegt Telramund, welcher mit seiner Familie verbannt wird. Allerdings bleibt er in der Nähe; Ortrud versucht, Elsa zu der verbotenen Frage zu bewegen, während Telramund das Ansehen des fremden Ritters in den Schmutz zu ziehen trachtet. Schließlich kann Elsa ihre Zweifel nicht länger beherrschen und fragt ihren Gemahl nach seinem Namen. Er stellt sich als Gralsritter Lohengrin vor, enthüllt Ortruds Lüge über den Tod von Elsas Bruder, womit Elsas Unschuld bewiesen ist, und entschwindet mit seinem Schwan.

Aufführung

Das Bühnenbild ist in dieser Aufführung als Zirkuszelt mit einer kleinen Bühne gestaltet. Dementsprechend bilden Kostüme und andere Elemente ein buntes Durcheinander: Das Volk erscheint in einer Mode, die vor dem zweiten Weltkrieg üblich war, die Soldaten in napoleonisch anmutenden Uniformen, König Heinrich erinnert an Abraham Lincoln. Lohengrin hebt sich als Samurai-Krieger deutlich ab und wirkt in Kostüm, Mimik und Gestik wie aus einer traditionellen japanischen Oper ausgeschnitten – er scheint tatsächlich aus einer anderen Welt zu kommen. Ortrud und Telramund treten nicht nur als Paar auf, sondern sind im Kontrast zur „reinen“ Liebe zwischen Elsa und Lohengrin mit drei Kindern zur Familie ergänzt. Ein tanzender Pantomime Pierrot kommentiert das Geschehen.

Sänger und Orchester

So steif und stilisiert Junghwan Choi (Lohengrin) in dieser Inszenierung auch auftreten muß, so flexibel und facettenreich klingt doch sein klarer, lyrischer Tenor, den er mit feinem Gestaltungsreichtum und höchster Musikalität einsetzt. Der minimale asiatische Akzent, den er gelegentlich bei der ansonsten ausgezeichneten Textartikulation erkennen läßt, paßt hervorragend zur Rollendarstellung. An seiner Seite überzeugt Anette Gerhardt (Elsa) durchweg mit hellem, lupenreinem Sopran und außerordentlicher emotionaler Intensität. Die dunkle, geheimnisvolle Stimme von Elena Suvorova (Ortrud) bildet dazu einen wunderbaren Kontrast. Durchschlagskräftig und ausdrucksstark präsentiert sich Thomas Rettensteiner (Friedrich von Telramund), ebenso wie in etwas milderem Maß Alexandru Constantinescu (Heerrufer). Tye Maurice Thomas (König Heinrich) wirkt ganz zu Beginn in den Randregistern etwas indisponiert und kann seinen warmen, volltönenden Baß erst im weiteren Verlauf der Oper voll zur Geltung bringen. Alle Darsteller bieten wieder einmal eine faszinierende, schauspielerische Leistung, die den Zuschauer unweigerlich in ihren Bann zieht.

Der Chor des Theaters Vorpommern, dessen eigene Personalstärke für ein solches Großprojekt nicht ausgereicht hätte, wird vom Chor der Oper Stettin verstärkt. Beide Chöre wurden von Anna Töller hervorragend vorbereitet und nehmen aktiv an der Handlung teil, auch wenn die Bewegungsfreiheit in den Massenszenen auf der kleinen Bühne stark eingeschränkt ist.

Das Orchester läuft angesichts der großen Herausforderung zu Höchstform auf. Golo Berg leitet souverän, die Abstimmung zwischen allen Registern sowie zwischen Sängern und Orchester funktioniert hervorragend. Ungewohnt differenziert, durchsichtig und ohne Hang zum Kitsch wird die hochromantische Musik präsentiert, wohl auch deshalb, weil die Besetzung im engen Graben nicht die sonst übliche Stärke erreichen kann – wieder einmal macht das kleine Theater aus der Not eine Tugend.

Fazit

Wenn das bunte Durcheinander auf der Bühne auch zunächst wenig Zusammenhang erkennen läßt, so bleiben doch einzelne großartige Ideen der Inszenierung in Erinnerung: Lohengrin als Samurai-Krieger mit Origami-Schwan aus einer anderen Welt erscheinen zu lassen, ist eine davon. Sein völlig berührungsloses Verhältnis zu Elsa im Gegensatz zu ihren sehr emotionalen Reaktionen, durch die ihre Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt scheint, eine andere.

Den Zuschauern bot sich ein überwältigendes Spektakel mit hochklassiger Musikdarbietung in einer Stimmgewalt, die in dem kleinen Haus stellenweise über die Schmerzgrenze hinausging. Will man unbedingt Kritik üben, so muß es diese sein: Dem empfindlichen Ohr sei in den Massenszenen Gehörschutz empfohlen.

Anna-Juliane Peetz-Ullman

Bild: Barbara Braun / MuTphoto

Das Bild zeigt: (v. l. n. r.) Anette Gerhardt (Elsa von Brabant), Junghwan Choi (Lohengrin), Mitglieder des Chores

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