ARTASERSE – Kortrijk, Schouwburg, Belgien

von Johann Christian Bach(1735–1782), Oper in drei Akten, Libretto von Pietro Metastasio, UA: 1760 Turin

Regie: Anne-Guersande Ledoux, Bühne und Kostüme: Bruno Forment, Anne-Guersande Ledoux, Hugo Moens

Dirigent: Ewald Demeyere, Orchester des königlichen Konservatoriums Antwerpen

Solisten: Ildiko van Dyck (Artaserse), Charlotte Cromheeke (Mandane), Dick Vandaele (Artabano), Sandro Rossi (Arbace), Naomi Beeldens (Semira), Alexandra Franck (Megabise)

Besuchte Aufführung: 22. Januar 2013

Kurzinhalt

Artabano hat den persischen König Xerxes, seinen Herrn, ermordet. Er übergibt seinem Sohn Arbace die Mordwaffe, ein blutiges Schwert, und verlangt von ihm, zu fliehen. Arbace ist der Freund des Thronfolgers Artaserse und liebt dessen Schwester Mandane. Artaserse wiederum ist in Arbaces Schwester Semira verliebt. Umso fassungsloser ist Artaserse, als Arbace mit dem blutigen Schwert ergriffen wird. Arbace beschwört seine Unschuld, ohne aber seinen Vater zu verraten, und wird ins Gefängnis gebracht. Artabanos heimliches Vorhaben ist, Artaserse aus dem Weg zu räumen und seinen Sohn Arbace zum König von Persien zu machen. Er versucht mit Hilfe des Generals Megabise einen Aufstand anzuzetteln und Artaserse zu vergiften. Doch seine Pläne werden durchkreuzt, und am Ende muß er seine Verschwörung gestehen und wird von Artaserse in die Verbannung geschickt. Dem Glück der beiden jungen Paare steht nun nichts mehr im Wege.

Aufführung

Die Inszenierung ist hinsichtlich der Kostüme und Gestik der Darsteller Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert verpflichtet. Eine außergewöhnliche Besonderheit stellt bei dieser Produktion jedoch das Bühnenbild dar: Es handelt sich dabei um Originale des Theatermalers und Bühnenbildners Albert Dubosq (1863–1940), die 1913, also vor exakt 100 Jahren, für ein Gastspiel der Comédie Française in Doornik entstanden. Im Theaterfundus der Schouwburg in Kortrijk lagern dreißig komplette Sets von Bühnenbildern, die von Dubosq angefertigt wurden Kortrijk (s. Abb.). Diese Sammlung ist weltweit einmalig. Die Bühnenbilder bestehen zeittypisch aus bemalten Leinwänden, Kulissen und anderen zweidimensionalen Requisiten und vermögen dem Zuschauer einen höchst lebendigen Eindruck davon zu geben, wie eine Theater- oder Opernaufführung zur Jahrhundertwende aussah. Es erübrigt sich zu sagen, daß diese historischen Dekorationen äußerst vorsichtig zu verwenden sind. Neben einem tropischen Garten ist das Interieur eines Palastes zu sehen. Durch Vorhänge auf der Bühne werden weitere Schauplätze angedeutet.

Sänger und Orchester

Angesichts der Tatsache, daß es sich bei den Ausführenden um Studenten des Konservatoriums Antwerpen handelt, sind an die musikalische Realisierung andere Maßstäbe anzulegen als an eine Aufführung durch ein professionelles, auf Alte Musik spezialisiertes Ensemble. Die Instrumente sind modern, entsprechen klanglich also nicht der historischen Aufführungspraxis. Dennoch bemühen sich die Instrumentalisten um eine Annäherung an den historischen Klang, etwa durch die Vermeidung des Vibratos, und spielen insgesamt mit großer rhythmischer Präzision. Von den Sängern sind besonders Naomi Beeldens (Semira) und Charlotte Cromheeke (Mandane) zu erwähnen. Obgleich ihre Sopranstimmen vollkommen unterschiedlich geartet sind – verglichen mit Cromheekes ist Beeldens Stimme nicht groß, spricht aber sehr leicht an und ist durch alle Register hindurch enorm homogen in der Klanggebung –, haben beide ein unverkennbares Talent zur Interpretation Alter Musik. Ildiko van Dyck in der Titelrolle war sicherlich die stimmstärkste Sängerin dieser Produktion, dürfte mit ihrer kräftigen Höhe aber wahrscheinlich eher das Repertoire des 19. Jahrhunderts anvisieren als die Oper des Barock und Rokoko. Dick Vandaele (Artabano) hat eine lyrische Tenorstimme, die in der Höhe leider ein wenig dem Gaumenton zuneigt und ist im Umgang mit ihr noch nicht souverän; an einigen Stellen überschlug sich seine Stimme. Sandro Rossi (Arbace) besitzt einen relativ leichten, etwas körperlosen Countertenor. Auch wenn sein Registerausgleich phasenweise noch nicht perfekt ist, war seine Leistung doch sehr vielversprechend. Keiner der Sänger fügte selbstständig Koloraturen oder Verzierungen ein, sondern man beschränkte sich im wesentlichen auf die Wiedergabe des Textes. Problematisch an der szenischen Seite der Aufführung war, daß die Sänger sich häufig sichtlich unwohl mit der barocken Gestik fühlten und sie noch nicht wirklich verinnerlicht haben. Es scheint, daß die Probenzeit für die gründliche Erlernung der historischen Körpersprache zu knapp bemessen war.

Fazit

Die Aufführung in Kortrijk war ein Experiment, das in vielerlei Hinsicht als geglückt betrachtet werden kann: Man bekam gleichzeitig einen Eindruck von historischen Hör- und Sehgewohnheiten und zudem ein rares und musikalisch ausgesprochen gediegenes Werk geboten. Daß die Sänger noch nicht vollständig mit der historischen szenischen Wiedergabe ihrer Rollen zurechtkamen, trübte den positiven Gesamteindruck ein wenig, ohne jedoch allzu sehr zu ins Gewicht zu fallen.

Dr. Martin Knust

Das Bild zeigt: Palais romain, Szenenbild (historisch) von 1914

 

 

 

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