PELLÉAS ET MÉLISANDE – Essen, Aalto-Theater

von Claude Debussy (1862-1918), Lyrisches Drama in 5 Akten, Libretto: Maurice Maeterlinck, UA 30. April 1902, Paris

Regie: Nikolaus Lehnhoff, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Andreas Schmidt-Futterer, Licht: Olaf Freese

Dirigent: Stefan Soltesz, Essener Philharmoniker

Solisten: Michaela Seliger (Mélisande), Jacques Imbrailo (Pelléas), Vincent le Texier (Golaud), Wolfgang Schöne (Arkel), Doris Soffel (Geneviève) u.a.

Besuchte Aufführung: 6. Oktober 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Im Märchenreich Allemonde: Golaud begegnet der geheimnisvollen Mélisande, einer schönen jungen Frau, deren Herkunft im Dunkeln liegt. Magisch von ihr angezogen, heiratet Golaud die Fremde und nimmt sie mit nach Hause. Seine Mutter Geneviève und sein Großvater, König Arkel, nehmen sie freundlich auf. Vor allem aber zwischen Golauds Halbbruder Pelléas und Mélisande entsteht eine innige Beziehung. Der eifersüchtige Golaud fordert Pelléas auf, Mélisande in Ruhe zu lassen, zumal sie schwanger sei. Trotzdem kommen sich die beiden immer näher. Außer sich tötet Golaud schließlich seinen Bruder. Mélisande stirbt, kurz nachdem sie eine Tochter geboren hat.

Aufführung

Die Kostüme lassen Mittelalter und Märchenwelt erahnen, mit einigen Anklängen an das Fin de Siècle, die Entstehungszeit des Werkes. Mélisande ist ein Fremdkörper: Während die Bewohner von Allemonde in schweren Samt gewandet sind (von dem Pelléas sich in der Szene unter Mélisandes Fenster vorübergehend befreit), trägt sie ein leichtes, schillerndes Kleid. Damit gleich sie einer Meerjungfrau, ein Eindruck, der durch ihre Bewegungen und die Anziehungskraft, die Wasser auf sie ausübt, noch verstärkt wird. Das Bühnenbild assoziiert mit dunkler Holzvertäfelung, Wänden und Treppen bürgerliche Enge, läßt sich aber in Teilen oder auch ganz nach hinten öffnen: die Möglichkeit für Pelléas und Mélisande, wenigstens vorübergehend aus dieser klaustrophobischen Atmosphäre auszubrechen. Projektionen und Lichteffekte, bei denen ein hauchdünner Vorhang vor der Bühne eine wichtige Rolle spielt, lassen in Sekundenschnelle aus dem gediegenen Saal ein Horrorszenario wie im dritten Akt (Golaud bedroht Pelléas) werden oder die Figuren während der Szenenwechsel langsam wie in einem Nebel verschwinden. Mélisandes Tod schließlich wird durch sechs stumme, schwarzgekleidete Frauen mit Totenkopfmasken angekündigt, die sich im Moment des Sterbens verschleiern. Mélisande gleitet in das durch die erneut nach hinten geöffnete Bühne einfallende Licht.

Sänger und Orchester

Der scheidende Generalmusikdirektor Stefan Soltesz läßt die Essener Philharmoniker zu Beginn seiner letzten Spielzeit aus dem Vollen schöpfen: Die Leidenschaft, die sich hinter der nur scheinbaren emotionalen Zurückhaltung der Partitur verbirgt, ist beispielhaft herausgearbeitet. Wunderbar zart sind die ruhigen Momente, von beinahe schmerzhafter Sprengkraft die Ausbrüche. Dabei läßt Soltesz, nicht wie mancher Kollege, ein verwaschen ineinanderfließendes Klangbild hören, sondern liefert höchste Präzision, die den feingliedrigen Rhythmen und raffinierten Details der Musik gerecht wird. Hier und da fehlt es ein wenig an Brillanz, an Farbsättigung – und trotzdem: ungetrübter Hörgenuß! Dazu passen die großartigen Sänger, an der Spitze Michaela Seliger (Mélisande) als einziges Essener Ensemblemitglied unter Gästen! Meisterhaft gelingt ihr die Balance zwischen Naivität, Verstörtheit und Ekstase – und ihr warmer, vor allem bei Mes longs cheveux descendent – Meine langen Haare fallen herab intensiv leuchtender Mezzo braucht internationale Vergleiche ohnehin nicht zu scheuen. Noch stärker ist Vincent le Texier (Golaud): Ein Bariton von schockierender Kraft, dabei mitunter verblüffend sanft und verletzlich. Golauds selbstzerstörerische Grausamkeit spielt le Texier bis zur Erschöpfung. Kein Wunder, daß er neben seinem Landsmann Laurent Naouri derzeit der gefragteste Interpret dieser Rolle ist. Das Gegenstück zu le Texiers Golaud ist der junge Bariton Jacques Imbrailo (Pelléas), der Pelléas‘ Unschuld glaubhaft verkörpert und sich mit weich dahinströmender Stimme mühelos zu ekstatischen Höhen aufschwingt (C’est le dernier soir – Dies ist der letzte Abend). Doris Soffel (Genieviève) und Wolfgang Schöne (Arkel) schließlich, beide auf eine lange Karriere zurückblickend, sind immer noch wunderbare Sängerdarsteller, ohne nennenswerte stimmliche Verschleißerscheinungen.

Fazit

Der kaum weniger als Sänger und Orchester bejubelte Regisseur Nikolaus Lehnhoff verzichtet auf eine „Deutung“ und läßt dem Stück seine rätselhafte, düstere Atmosphäre. Dafür kann sich die Musik ungehindert entfalten. Szenische Spannung entsteht durch intensive Bilder und ein raffiniertes Spiel mit Licht und Dunkel (Lichteffekte: Olaf Freese). Und wenn am Ende des dritten Aktes Golauds Schatten vor die Bühne projiziert wird und sich drohend auf das Publikum zuzubewegen scheint, ist das äußerst effektvolles, fast verstörendes Theater. Dazu eine musikalische Leistung, die kaum Wünsche offen läßt: Das Aalto Theater hätte die Meßlatte für diese Spielzeit kaum höher legen können.

Dr. Eva-Maria Ernst

Bild: Herman und Clärchen Baus

Das Bild zeigt: Vincent le Texier (stehend, Golaud), Jacques Imbrailo (Pélleas) und Michaela Seliger (Mélisande)

 

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