ORPHEUS IN DER UNTERWELT – Erfurt, Theater

von Jacques Offenbach (1819-1880), Opéra-bouffon in 2 Akten, Libretto: Hector Crémieux u. Ludivic Halévy; Deutsch von Peter Lund, UA: 1858, Paris (erste Fassung), 1874, Paris (zweite Fassung)

Regie: Bernd Mottl, Bühne/Kostüme: Friedrich Eggert

Dirigent: Johannes Pell, Philharmonisches Orchester und Opernchor des Theaters Erfurt, Choreinstudierung: Andreas Ketelhut

Solisten: Marwan Shamiyeh (Orpheus), Julia Neumann (Eurydike), Jens Goebel (Öffentliche Meinung), Andreas Schagerl (Pluto), Mate Solyom-Nagy (Jupiter), Astrid Thelemann (Juno), Michalina Bienkiewicz (Diana), Grit Redlich (Venus), Christoph Dyck (Cupido), Dario Süß (Mars), Dirk Biedritzky (Merkur), Jörg Rathmann (Hans Styx) u. a.

Besuchte Aufführung: 22. Oktober 2011 (Premiere)

Kurzinhalt

Orpheus und Eurydike haben sich auseinander gelebt. Orpheus, der die Nymphe Chloe verehrt, freut sich, daß seine Frau von Pluto, der sich als deren Geliebter Aristeus ausgegeben hat, in die Unterwelt entführt wird. Die Öffentliche Meinung jedoch verlangt von ihm, daß er Eurydike von den Göttern zurück erbittet. Zusammen mit dem Olymp tritt Orpheus die Reise in die Unterwelt an. Dort versucht Jupiter sie für sich selber in Gestalt einer Fliege zu entführen. Von Pluto ermahnt, sie Orpheus zurückzugeben, stellt er jenem die Bedingung, sich bei Verlassen des Hades nicht umzublicken, sonst müsse Eurydike in der Unterwelt verbleiben. Als Jupiter einen Blitzstrahl entsendet, blickt sich Orpheus doch noch um, und Eurydike verweilt voller Freude von nun an bei den Göttern.

Aufführung

Im ersten Akt sehen wir die bunte Wohnküche in der Art der Familie Feuerstein: Memos werden mit Hammer und Meißel in Stein geritzt. Kamin und moderne Couch dürfen nicht fehlen. Der Olymp gleicht einem Gartenpavillon auf einem Berggipfel mit Gartenstühlen und Liegen. Die Unterwelt ist ein Höhlensystem, das sich auf große Dino-Knochen stützt. Die Toten aus der Unterwelt haben wirres Haar und tragen verschmutze Leichengewänder. Pluto hat von Anfang an Teufelshörner und Motorrad-Rocker-Lederkluft – er macht gar nicht den Versuch, sich als Aristeus auszugeben. Die Götter haben wallendes Haar, lange Bärte und historisierende Gewänder im Faltenlook. Zusätzliche haben sie noch ihre Attribute in der Hand: Blitze für Jupiter, Bogen für Diana. Orpheus und Eurydike sind Figuren – wie sollte es anders sein – der Familie Feuerstein (amerikanische Zeichentrickserie in den 1960 Jahre) entlehnt.

Sänger und Orchester

Die öffentliche Meinung mit Jens Goebel zu besetzen kann man als Theatercoup, aber auch zwiespältig sehen, denn der ehemalige Thüringer Kultusminister wurde mit der Schließung kultureller Einrichtungen in Zusammenhang gebracht, die lokale Presse verwendete die Bezeichnung Banause. Über eine abgeschlossene Sprechausbildung verfügt der Professor für Mathematik ohrenscheinlich nicht, macht seine Sache aber doch ganz gut.

Johannes Pell nimmt den richtigen Schwung für diese klassische Operette. Das geht nicht auf Kosten der vielen Details und musikalischen Kostbarkeiten Offenbachs. Auch achtet er beispielhaft darauf, daß die Sänger das richtige Tempo für eine deutliche Artikulation haben. Der Chor paßt ebenfalls in diesen Kanon: Und wenn er nicht nur in der Bewegung harmoniert, sondern auch mit seinen vierzig Stimmen mit dem Orchester eine Einheit bildet, da kann es passieren, daß das Publikum beim Cancan mitklatscht. Die Sängerriege befindet sich einheitlich auf gutem Niveau: Wie gewohnt souverän Mate Solyom-Nagy als Jupiter, der aber auch gewaltig donnern kann. Sein Gegenspieler Andreas Schagerl als Pluto hat als Operettentenor sowohl lyrische als auch dämonische Momente. Marwan Shamiyeh ist ein erfreulich klangschöner Tenor, der die Rolle des Orpheus mit viel Durchschlagskraft singen kann, aber auch die lyrischen Töne trifft in der Gluck-Arie Ach ich habe sie verloren. Dagegen bleibt die Eurydike Julia Neumann eher blaß. Der Operetten-Spielbariton Jörg Rathmann kommt in der Baß-Partie des Hans Styx auch mit den tiefen Tönen erstaunlich gut zurecht. Auch die Göttinnen sind rollengerecht besetzt: Michalina Bienkiewcz (Diana) singt sehr klangschön, ebenso Grit Redlich als Venus, während Astrid Thelemann als Jupiter-Gattin Juno mit Haaren auf den Zähnen auch den hysterisch keifenden Ton sehr gut trifft.

Fazit

Vieles macht diesen Abend zu einem Gewinn: Zum einen, daß hier fast ohne Striche oder Umstellungen gearbeitet wird, denn Arien, Chöre und sonstige Einlagen sind kaum verändert oder aktualisiert. Darüber hinaus bemühen sich alle Sänger, absolut textverständlich zu singen und siehe da: Sogar der Humor der Originalfassung sorgt für so manchen Lacher. Ein buntes, comicartiges Bühnenbild, hippe hellenistische Kostüme und eine absolut perfekte Bewegungschoreographie (absolut sehenswerter Höllen-Cancan zum Mitschunkeln!) führen so zu einem heiter beschwingten Abend, den das belustigte Publikum mit viel Beifall goutiert.

Oliver Hohlbach

Bild: Lutz Edelhoff

Das Bild zeigt: Der Schiedsspruch des Jupiter: Orpheus darf Eurydike nicht ansehen beim Hinausführen

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