Gera, Bühnen der Stadt – LOHENGRIN

von Richard Wagner (1813-1883); Romantische Oper in drei Aufzügen; Dichtung vom Komponisten; Uraufführung: 28. August 1850 in Weimar.
Regie: Florian Lutz, Bühnenbild: Dieter Richter, Kostüme: Andrea Kannapee
Dirigent: Thomas Wicklein, Philharmonisches Orchester Altenburg-Gera; Opernchor von Theater&Philharmonie Thüringen und Slowakischer Philharmonischer Chor Bratislava
Solisten: Bernhard Hänsch (König Heinrich), Lohengrin (John Horton Murray), Franziska Rauch (Elsa), Teruhiko Komori (Telramund), Susanne Gasch (Ortrud), Serge Novique (Heerrufer), Matthias Otto, Günter Markwarth, Ji-Su Park, Matthias Dennerle (Brabantische Edle)
Besuchte Vorstellung: 25. April 2008 (Premiere:)

Inhalt
gera-lohengrin.jpgKönig Heinrichs ruft die Brabanter auf zu einem Feldzug. Graf Telramund von seiner Gattin Ortrud angestachelt, beschuldigt Elsa von Brabant, des Mordes an ihrem Bruder Gottfried. Ein Gottesgericht in Form eines Zweikampfs soll über Elsas Schuld oder Schuldlosigkeit entscheiden: Keiner aber will gegen Telramund antreten. Da erscheint in Fremder einem Boot, von einem Schwan gezogen, und stellt sich dem Kampf. Er besiegt Telramund. Dieser Fremder will Elsa heiraten unter der Bedingung, daß sie nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen würde. Elsa willigt ein.
Doch Ortrud gibt nicht auf. Freundschaft und Mitgefühl heuchelnd, verunsichert sie Elsas Vertrauen zu ihrem Geliebten. Am Hochzeitstag bezichtigen Ortrud und Telramund vor dem Münster den Fremden der Zauberei und des Betruges. Doch Elsa vertraut ihrem Bräutigam weiter. Doch später, als sie allein sind, bricht Elsa ihr Versprechen und fragt ihren Bräutigam nach seiner Herkunft. Im gleichen Moment dringt Telramund mit seinen Verschwörern in das Brautgemach ein, um Lohengrin zu töten. Im Zweikampf stirbt Telramund. Danach offenbart Lohengrin vor dem König und den Landesvertretern seinen Namen und seine Herkunft. Ortrud triumphiert. Doch durch sein Gebet bewirkt Lohengrin die Rückkehr des totgeglaubten Knaben Gottfried, des rechtmäßigen Thronnachfolgers.
Aufführung
Das Paradox einer tragischen Märchenoper in der äußeren Form eines politischen Historiendramas – so charakterisiert der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus Wagners Lohengrin: In der Figur des Schwanenritters verbinden sich politische und ästhetische Utopien, die für Wagner von Bedeutung waren. Im Scheitern Lohengrins, dessen Verschwinden am Schluß des Stückes einer Flucht gleicht, zeigt sich somit das Scheitern einer Revolution von oben.
In dieser Handlung ist eigentlich nur eine historische Inszenierung möglich – bevorzugt mit Schwanenhelm, Mittelalter und historischem Münster. Versucht man den Lohengrin ins Hier und Jetzt zu verlegen, um ihn unter politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten von heute darzustellen, ist eigentlich ein Scheitern vorprogrammiert, weil die Verhaltensmuster der handelnden Personen in Wagners Oper heutzutage kaum nachvollziehbar sind. Jedoch muß man der überaus couragierten Inszenierung am Theater Gera ein Scheitern – wenn überhaupt – auf höchstem Niveau attestieren. Aus sozialpolitischem Blickwinkel gelingt eine sehenswerte und detailverliebte Analyse der politischen Entwicklung Thüringens und Geras in der Zeit zwischen Wiedervereinigung und heute.
König Heinrich in der Gestalt des Kanzler Schröder kommt nach Gera, um für einen Einsatz der UNO eine Hilfstruppe zusammen zu rufen. Nun sucht man für Elsa einen Gatten und einen Einsatzleiter aus dem Volk. Mit einem Nun langt es mir aber erhebt sich ein 68er-Intellektueller aus dem Publikum. Er schlägt den Industriellen Telramund, den er als Heuschrecke karikiert und im Duell mit Tinte besiegt: Die Macht der Feder schlägt das Schwert. Die gescheiterten Telramund und Ortrud spinnen eine Intrige und schleichen sich auf Elsas Bachelor-Party ein. Die Party ist ein Thüringer Heimatabend, an dem auch Goethe und Schiller vom Denkmal herabsteigen, Luther schlägt seine Thesen an die Bühnenwand und das Brautbett steht auf der Festwiese. Lohengrin wird als Versager entlarvt, er muß fliehen und hinterläßt eine gescheiterte UN-Mission für Kanzlerin Merkel (König Heinrich). Hier ist Bernhard Hänsch in der Doppelrolle als Schröder und Merkel sehr überzeugend.
Sänger
Musikalisch stellen die Bühnen der Stadt Gera ihre hohe Leistungsfähigkeit unter Beweis, einzig der Chor mußte verstärkt werden. Eine dynamische Interpretation mit recht mitreißenden weil flotten Tempi unter Thomas Wicklein. Die wenigen Abstimmungsfehler zwischen Chor und Orchester sind dem Premierenfieber geschuldet.
Eine Entdeckung zum Weiterempfehlen ist die Sopranistin Franziska Rauch als Elsa, eine glockenklare Stimme, die mit viel Durchschlagskraft wortsicher überzeugen konnte. Ausgezeichnete Leistungen, muß man sowohl Teruhiko Komori als Telramund bescheinigen, der lyrisch und gleichmäßig diese mörderische Partie meisterte, ebenso wie Susanne Gasch (Ortrud), Serge Novique (Heerrufer) und Bernhard Hänsch als König Heinrich, der auch in Frauenkleidern eine überzeugende Figur macht. John Horton Murray (Lohengrin) sprang kurzfristig ein und rettete damit die Premiere.
Fazit
Insgesamt betrachtet ist das hochmotiviertes, sehr unterhaltsames Theater, das ein klein wenig über das Ziel hinaus schießt. Aber aus soziologischen Aspekten unbedingt sehenswert!

Oliver Hohlbach
Bild: Bühnen der Stadt Gera
Das Bild zeigt Brautgemach zwischen Thüringer Volksfest und Bacchelor-Party.

Veröffentlicht unter Gera, Landestheater

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