Der Rosenkavalier – Kopenhagen, Königliche Oper

von Richard Strauss (1864–1949), Komödie für Musik in drei Aufzügen, Libretto von Hugo von Hofmannsthal, UA: 26. Januar 1911

Semperoper, Dresden

Regie: Elisabeth Linton, Bühnenbild: Julia Hansen, Kostüme: Anja Vang Kragh, Licht: Ulrik Gad, Choreographie: Miles Hoare

Dirigent: Marie Jacquot, Königlich dänische Hofkapelle, Chor der dänischen Hofoper, Leitung: Michael Schneider

Solisten: Gisela Stille (Feldmarschallin), Patrick Zielke (Baron Ochs auf Lerchenau), Elisabeth Jansson (Octavian), Jens Søndergaard (Herr von Faninal), Clara Cecilie Thomsen (Sophie), My Johansson (Jungfer Marianne), Morten Staugaard (ein Polizeikommissar), Granit Musliu (ein Sänger), u.v.a.

Besuchte Aufführung: 26. März 2026 (Premiere)

Kurzinhalt

Die Handlung spielt im Wien der 1740er Jahre. Nachdem sie eine Liebesnacht mit ihrem jugendlichen Geliebten, dem Graf Octavian, verbracht hat, wird die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg durch den Besuch ihres Vetters, Baron Ochs auf Lerchenau, gestört. In Hast verkleidet sich Octavian als Kammerzofe und hat sich fortan den Nachstellungen des Barons, der sich mit seinen zahllosen Affären brüstet, zu erwehren. Der verarmte Baron plant Sophie, die Tochter des Parvenüs Herrn von Faninal, zu heiraten, um an dringend benötigtes Geld zu kommen. Die Marschallin macht den Vorschlag, durch seinen entfernten Vetter Octavian eine silberne Rose an die zukünftige Braut überbringen zu lassen, welchem der Baron zustimmt. Darauf empfängt die Fürstin etliche Bittsteller und wird verstimmt. Sie weist sie alle ab und erklärt dem enttäuschten Octavian, daß ihre Affäre früher oder später enden werde. Im zweiten Aufzug empfängt Herr von Faninal seinen zukünftigen Schwiegersohn, der seine Braut Sophie allerdings mit seiner Grobschlächtigkeit abstößt. Sie findet den jungen Rosenkavalier Octavian viel interessanter, dem die Schmähungen des Barons zu weit gehen, so daß er zum Degen greift und ihn verwundet. Faninal läßt ihn hinauswerfen und droht seiner Tochter, sie ins Kloster zu geben, wenn sie den Baron nicht ehelichen wolle. Im dritten Aufzug lädt der Baron Ochs in der Hoffnung auf eine weitere Affäre die Kammerzofe der Marschallin, bei der es sich in Wahrheit um den verkleideten Octavian handelt, zum Souper ein. Nachdem eine Unbekannte, die sich als seine Frau ausgibt, mit vielen Kindern auftaucht, die ihn Papa nennen, ruft man nach der Sittenpolizei, die auch auf den Plan tritt. Die Maskerade wird beendet, doch nicht ohne daß Herr von Faninal sich zuvor ein Bild von der zweifelhaften Moral seines zukünftigen Schwiegersohns machen kann. Die Marschallin löst die angespannte Situation auf, indem sie den Baron fortschickt, Herrn von Faninal ihre Kutsche anbietet und Octavian mit Sophie zusammenführt. Das junge Paar gelobt sich ewige Treue.

Aufführung

Die Handlung spielt nicht im 18. Jahrhundert, sondern in der Zeit um 1900, also in der Entstehungszeit dieser Oper. Außerdem spielen alle drei Akte in den holzgetäfelten Sälen und im Kellerarchiv der Kopenhagener Börse. Die Choristen und viele der kleinen Rollen sind als Männer mit Zylinder und Bart gekleidet, die Sängerinnen eingeschlossen. Vor diesem Hintergrund bekommt der Handel zwischen Faninal und dem Baron und der Empfang der Bittsteller den Charakter einer Geschäftsbeziehung. Der dritte Akt spielt im Keller der Börse, in dem sich die „Gespenster“, die den Baron erschrecken, zwischen den Regalen verstecken und der Archivar in die Rolle des Sittenpolizisten schlüpft. Die Marschallin und Sophie heben sich durch ihre helle Kleidung von den Männern in Zylindern ab.

Die Personenregie ist intensiv und die Figuren befinden sich in ständiger Bewegung, womit sie den Gesangstext verdeutlichen oder kommentieren. Auch von dem für Trickfilme charakteristischen Mickey-Mousing, also der exakten Synchronisierung von Gebärden und musikalischem Rhythmus, macht die Regie Gebrauch, um komische Effekte zu erzeugen.

Sänger und Orchester

Diese Produktion wartet in den größeren Partien mit Sängerinnen und Sängern auf, deren darstellerische Fähigkeiten ihren soliden bis überragenden musikalischen Leistungen in nichts nachstehen. Gisela Stille (Feldmarschallin) verfügt über eine ihrer Rolle sehr gut anstehende distinguierte Körpersprache, eine ausgeglichene, volle Stimme und eine mustergültige Aussprache, die ebenso wie bei Patrick Zielke (Baron Ochs auf Lerchenau) den Blick auf die Übertitel überflüssig machte. Zielke ist ein ausgezeichneter Schauspieler, dessen Gestaltung der Rolle vergnüglich anzuschauen war. Sein Ochs auf Lerchenau wird nicht zuletzt wegen seiner ständigen Selbstüberschätzung zu einer lächerlichen Figur und bemerkenswerterweise trotz seiner unbeholfenen und lauten Art nicht unsympathisch. Elisabeth Jansson (Octavian) hat die größte darstellerische Aufgabe zu bewältigen, denn sie verkörpert die Titelfigur der Oper, die in dieser Produktion auch die eigentliche Hauptfigur war. Die Entwicklung dieser Figur und die zahlreichen Stimmungs- und Rollenwechsel, die es hier darzustellen gilt – vom nachdenklichen oder leidenschaftlichen jugendlichen Liebhaber über die naive Kammerzofe und zurück – gelangen vollauf. Ihr Mezzo hat einen warmen, raumfüllenden Charakter. Einzig ihre Aussprache könnte phasenweise etwas deutlicher sein, was vor allem im ersten Akt auffiel. Jens Søndergaard (Herr von Faninal) hat stimmlich alles, was es für seine Rolle braucht, und agierte, passend zu ihrem eindimensionalen Charakter, etwas eckig. Publikumsliebling unter den Solisten war jedoch Clara Cecilie Thomsen (Sophie), die in höchster Lage seidenweiche, leise Töne zu setzen in der Lage ist. Ihre Stimme harmonierte in den Duetten und dem Terzett im zweiten und dritten Alt hervorragend mit denen von Jansson und Stille. Von den kleineren Partien sind Morten Staugaard (ein Polizeikommissar) als gemütlicher alter Archivar und Granit Musliu (ein Sänger) hervorzuheben, der seine beim Publikum traditionell beliebte kurze Rolle als italienischer Tenor mit allem nur wünschenswerten stimmlichen Glanz ausfüllte. Daß Sänger und Hofkapelle an diesem Abend tadellos miteinander zusammenspielten ist Marie Jacquot zu verdanken, die die richtigen Tempi und Lautstärkegrade wählte. Die berühmten raffinierten Klangmischungen der Strauss’schen Partitur kamen schön heraus und es gelang ihr dabei, eine persönliche Note zu setzen. Jacquots Rosenkavalier ist weniger ein kulinarischer Fluß von angenehmen Klängen, sondern stellenweise durchaus explosiv und rhythmisch zupackend. Im Verbund mit der abwechslungsreichen Personenregie kam es zu keinem musikalischen Leerlauf, sondern der Takt des szenischen Geschehens blieb hoch.

Fazit

Sämtliche Solistinnen und Solisten wurden verdientermaßen mit Beifall bedacht; besonders euphorisch wurde Clara Cecilie Thomsen beklatscht. Für die Dirigentin und das Orchester gab es hingegen zu Recht stehende Ovationen. Die Inszenierung nimmt die Figuren der Handlung ernst und fügt durch die zeitliche und räumliche Versetzung der Handlung an die historische dänische Börse einen Subtext ein, der sicherlich niemanden verstört; tatsächlich trägt das Stück laut Hugo von Hofmannsthal Züge seiner Entstehungszeit in sich, die dadurch zum Vorschein kommen. Der neue Kopenhagener Rosenkavalier ist musikalisch gelungen und so liebevoll wie kurzweilig inszeniert.

Dr. Martin Knust

Bild: Miklos Szabo

Das Bild zeigt: Gisela Stille (Feldmarschallin), Elisabeth Jansson (Octavian)

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