London Covent Garden – Royal Opera House – CARMEN

von Georges Bizet, Opéra comique in vier Akten, Text: Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach einer Novelle von Prosper Mérimée; Uraufführung: 3. März 1875, Paris
Regie: Francesca Zambello, Designs: Tanya McCallin, Choreographie: Arthur Pita, Licht: Paule Constable
Dirigent: Daniel Oren, Orchester und Chor des Royal Opera House, Chorleitung: Renato Belsadonna
Solisten: Nancy Fabiola Herrera (Carmen), Marcelo Álvarez (Don José), Kyle Ketelsen (Escamillo), Susan Gritton (Micaëla), Alan Ewing (Zuniga), Jacques Imbrailo (Moralès), Elena Xanthoudakis (Frasquita) Monika-Evelin Liiv (Mercédès), Roderick Earle (Le Dancaïre) Harry Nicoll (Le Remendado), u.a
Besuchte Aufführung: 28. März 2008 (Premiere: 8.12.2006, Wiederaufnahme 25.3.2008)

Kurzinhalt
london-carmen.jpgEin Platz im Sevilla des 19ten Jahrhunderts: Gelangweilt amüsieren sich Wachsoldaten über die lokale Bevölkerung. Nach der feierlichen Wachablösung ist der Pausenflirt mit den Mädchen der gegenüberliegenden Tabakfabrik die Hauptattraktion der Soldaten. Carmen, eine Zigeunerin, die auch dort arbeitet, ist die Begehrteste unter ihnen. Doch sie gibt sich kühl und unnahbar: sie besingt ihre Philosophie der Liebe als Ode an die Freiheit (L’amour est un oiseau rebelle). Gleichwohl findet sie Interesse an Don José, einem Unteroffizier der Wachsoldaten, der gedankenverloren und desinteressiert ihr Spiel beobachtet. Es gelingt ihr jedoch, seine Gefühle zu erwecken und Don José behält die von ihr zugeworfene Rose.
Ein Tumult entsteht in der Fabrik und Wachsoldaten unter Don José versuchen, Ordnung zu schaffen. Carmen wird für schuldig befunden, einen Messerkampf entfacht zu haben. Stolz und widerspenstig lehnt sie ab, den Vorfall zu kommentieren. Sie bleibt unter der Obhut Don Josés, um ins Gefängnis abgeführt zu werden. Allein mit ihm gesteht sie ihm ihre Liebe. Don José erlaubt ihr die Flucht und wird nun selbst gefangen gesetzt.
Nach seiner Freilassung wartet Carmen auf Don José in der Kneipe von Lillas Pastia, einem Treffpunkt der Schmuggler, zu denen auch Carmen gehört. Während sie wartet, erscheint der erfolgreiche Stierkämpfer Escamillo und läßt sich feiern. Er flirtet auch mit Carmen, doch sie widersteht ihm, nicht zuletzt aus Dankbarkeit gegenüber Don José. Als dieser endlich in der Schenke erscheint, ist es schon spät. Das Wiedersehen der Liebenden wird vom Zapfenstreich überrascht, und ein Streit entsteht, als Don José zur Kaserne zurückkehren will. Als nun auch noch der Carmen nachstellenden Leutnant Zuniga, Don Josés Vorgesetzter, erscheint, wird Don José handgreiflich. Es gibt nun keinen Weg zurück, er schließt sich den Schmugglern an.
Im Schmugglerlager wird Carmen Don Josés zunehmend überdrüssig, spürt jedoch das herbeinahende Unglück und auch das Befragen der Karten prophezeit ihren baldigen Tod. Escamillo, der Carmen ins Lager gefolgt ist, wird vom wachhabenden Don José entdeckt und eifersüchtig in einen Messerkampf verwickelt. Carmen und die Schmuggler trennen die beiden und Carmen folgt einer Einladung Escamillos zum Stierkampf nach Sevilla. Trotz Escamillos Triumph in Sevilla bleibt Carmen allein vor der Stierkampfarena. Don José war ihr heimlich nach Sevilla gefolgt und erreicht sie noch vor der Arena. Stolz und standhaft widersteht Carmen seinen Annäherungen. Darüber gerät José so in Wut, daß er sie ersticht.
Die Aufführung
Francesca Zambellos Inszenierung ist ein Traum in Orange; manchmal funktioniert er und manchmal nicht. Eine Bühne aus runden, orangenen Einzelteilen, die konkav zur Zigarrettenfabrik und konvex zur Stierkampfarena ausgerichtet sind. Ein wunderschöner erster Akt mit Zitronenbaum, freilaufenden Hühnern und viel sonstigem Detail, wurde kontrastiert von einer enttäuschenden Lillas Pastia Kneipe: die Schenkenatmosphäre der Schmuggler zeigte einen zu nüchternen Kontrast der schlichten Holztischen vor orangfarbenem Hintergrund. Da half auch keine noch so ansprechende Beleuchtung.
Die Wechselhaftigkeit der Inszenierung spiegelte sich auch in der Choreographie (Artur Pita) wieder. Der perfekt abgestimmte parallele Wachwechsel von Soldaten und Kindern im ersten Akt war ästhetisch und passend. Hingegen wirkt die Eröffnungsszene des zweiten Aktes hilflos und das Zigeunerchanson Les tringles des sistres tintaient gestampft und plump. Der vierte Akt mit dem festlichen Einzug Escamillos und Blütenregen, mit reichlich vielen Banderilleros und Picadores sowie einer waschechten Madonna entschädigte jedoch letzten Endes für vieles.
Eine illustre Schar von Solisten bot hohen musikalischen Genuß auf breiter Basis. Allen voran der Argentinier Marcelo Álvarez, der sich selbst und der Rolle des Don José mit seinem vollen klaren Tenor wahrhaft gerecht wurde, und Susan Gritton, die als Micaëla mit ihrem wunderschönen klaren Sopran überraschte. Insbesondere im Duett mit Álvarez (José) Parle-moi de ma mère! klangen die beiden fast unwirklich. Auch Kyle Ketelsen (Escamillo) überzeugte stimmlich und mit durchaus spanischer Matadorarroganz. Nancy Fabiola Herrera sang eine durchaus akzeptable, jedoch schauspielerisch und gesanglich wenig überraschende Carmen.
Daniel Oren dirigierte das gewohnt präzise Orchester des Royal Opera House so schnell, daß man sich fragte, ob er nach der Aufführung vielleicht noch ein Flugzeug erreichen mußte. Die Chöre brillierten in ihrer hohen Qualität. Insgesamt ein schöner Abend, insbesondere musikalisch.

Dr. Dominik Zenner
Bild: Catherine Ashmore
Das Bild zeigt Nancy Fabiola Herrera als Carmen

Veröffentlicht unter London Covent Garden-Royal Opera House

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