La clemenza di Tito – Die Milde des Titus – Gent, Vlaamse Opera

von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Dramma serio per musica in 2 Akten, Libretto: Caterino Tommaso Mazzolà nach dem Dramma per musica (1734) von Pietro Metastasio, UA: 6. September 1791 Prag, Gräflich Nostizsches Nationaltheater

Dirigent: Stefano Montanari, Symfonisch Orkest, Opera Vlaanderen, Koor Opera Vlaanderen

Regie: Michael Hampe, Bühne: Germán Droghetti, Kostüme: Germán Droghetti , Licht: Hans Toelstede, Choreinstudierung: Jan Schweiger

Solisten: Lothar Odinius (Tito), Agneta Eichenholz (Vitellia), Anna Goryachova (Sesto), Cecilia Molinari (Annio), Anat Edri (Servilia), Markus Suihkonen (Publio)

Besuchte Aufführung: 6. Mai 2018 (Premiere)

Kurzinhalt

Die Tochter des Imperator Vitellius, den Titus vom Thron vertrieben hatte, liebt Titus. Dieser hat Berenice, die Tochter des Königs von Judäa, die eine Orientalin war und daher von den Römern nicht angenommen wurde, wegschicken müssen, obwohl er sie liebte. Dieses Verhalten Titus‘ versetzte Vitellia in Wut. Sie veranlaßt Sextus, der sie unterwürfig liebt, gegenüber Titus eine Verschwörung anzuzetteln, in dessen Verlauf Sextus den Imperator töten sollte.

Nachdem er Berenice hat wegschicken müssen hat Titus den Wunsch, Servilia, Annius‘ Geliebte, zu ehelichen. Doch Servilia hat den Mut, das Ansinnen des Imperators zurückzuweisen, da Annio ihre erste Liebe sei. Schließlich entscheidet sich Titus, Vitellia zur Gattin zu nehmen. Als diese dies erfährt, erschrickt sie, denn sie hat Sesto auf den Weg zum Kapitol geschickt. Doch bevor Sesto das Kapitol betreten will, geht es in Flammen auf.

Titus überlebt und sucht nach den Urhebern der Verschwörung. Es ist Sesto, der sich dazu bekennt. Titus ist tief enttäuscht, da er Sextus für einen echten Freund hält. Dennoch unterschreibt er das vom römischen Senat ausgesprochene Todesurteil gegenüber Sextus. In letzter Minute erscheint Vitellia vor Titus und gesteht ihm, daß sie die eigentliche Urheberin des Aufruhrs gewesenen sei. Aber Titus verzeiht allen. Das Volk rühmt seine Großherzigkeit und Milde.

Vorbemerkung

In den Rahmen fürstlich-kaiserlicher Festlichkeiten gehörte von alters her eine Opera seria (ernste Oper). Zu Mozarts Zeiten war sie eigentlich schon außer Mode. Doch dieses Operngenre mußte her, um den prunkvollen Rahmen zur Wahl des Kaisers Leopold II. zum böhmischen König zu wahren. Hier wurde der römische Kaiser Titus als Beispiel eines Herrschers mit großer Mildtätigkeit ausgewählt. In der römischen Geschichte war Titus ein Kaiser der Milde (Clemenza).

Mozart sollte mit einer solchen Huldigungsoper zur Pracht der Krönungsfeierlichkeiten (sie waren für den 6. September 1791 vorgesehen) beisteuern. Er übernahm einen Operntext für ähnliche Gelegenheiten von Pietro Metastasio (1698-1782). Diesen Operntext hatten schon vorher viele bedeutende Komponisten (u.a. Antonio Caldera, J.A. Hasse, Chr. W. Gluck) als Libretto gedient. Caterino Mazzolà bearbeitete das Libretto von Metastasio. Mozart hatte nicht die Zeit, die Rezitative selbst anzufertigen. Er beauftragte daher seinen Schüler Franz Xaver Süßmayr wie auch andere Schüler mit der Arbeit.

Wir sollten hinsichtlich einer Huldigungsoper im Auge behalten, daß auch in unserer Zeit noch Opern dieser Art komponiert werden. Die Oper Die Tiefe des Raums wurde zur Weltmeisterschaft 2006 sogar mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung uraufgeführt.

Aufführung

Die Bühne zeigt ein Boudoir mit einer Récamière im Stil Louis XIV., versehen mit Goldfüßen und mit rotem Velours bedeckt. Viele Kissen säumen die Lehnen beiderseits. Der Hintergrund verschwindet hinter einem roten Vorhang. Schräg daneben steht ein Frisiertisch in ebensolchem Louis XIV. Stil.

Im zweiten Bild erblickt man durch einen riesigen Torbogen im Hintergrund die goldene Kapitolkuppel. Flankiert rechts und links wird die Porta von Wänden, die mit Pilastern verziert sind. Im nächsten Bild ist der Torbogen durch hohe Holztüren verschlossen. Es zeigt ein Zimmer in Titos Palast. (Die Namen der Solisten werden später im Text italienisch benannt.)Dieses Zimmer wird in den weiteren Szenen noch mehrmals gezeigt.

Zum Ende des zweiten Akts steht das Kapitol in Flammen; später sind die ausgeglühten Teile der Kuppel ineinander verkeilt zu sehen. Die eleganten, farbenprächtigen Kostüme sind dem Empire Stil nachgebildet.

Sänger und Orchester

In flottem Tempo legt Stefano Montanari und das Symfonisch Orkest der flämischen Oper die Ouvertüre hin, wobei die Streicher in ihrer Genauigkeit hervorzuheben sind. Lothar Odinius (Tito) bringt die rechte Statur mit, einen Herrscher – Imperator – darzustellen. Leider hat seine Stimme wenig einschmeichelndes Timbre. Neben den Problemen mit der Höhe legt er wenig Wert auf ausgefeilte Koloraturtechnik. Dieser Eindruck ändert sich im Handlungsverlauf: seine Stimme wird konzentrierter und männlicher in seiner Arie: Del più sublime soglio l’unico frutto è questo – Des allerhöchsten Thron ist dies die einzige Frucht.

Einen warmen, melodischen Eindruck von großer Geschlossenheit vermittelt das Liebesduett von Cecilia Molinari (Annio) und Anat Edri (Servilia). Letztere erklärt: ah, tu fosti il primo oggetto, che finor fede‘ amai – Ach du warst der erste, den ich bis jetzt treu liebte.

Die russische Sopranistin Anna Goryachova als Sesto zeigt mit: come ti piace imponi – wie’s dir gefällt, so befiel es und tutto farò per te – alles werd ich für dich tun (1. Akt, 1.. Szene) und später Deh per questo instante – verzweifelt werde ich sterben (2. Akt, 10. Szene) einen ruhigen, ausgeglichenen Melodiefluß. Ihre Intonation ist tadellos, das Timbre ihrer Stimme erklingt warm und lyrisch und die hoch liegenden Stimmlagen erreicht sie mühelos. Es ist eine Freude ihr zuzuhören. Häufiger Szenenapplaus begleitet ihre Auftritte. Der einzige Baß im Stimmenensemble ist Markus Suihkonen (Publio). Er besitzt eine grundierte, wohlklingende Stimme. Doch die Koloraturen werden allzu nachlässig angegangen.

Hauptperson neben Sesto ist die Imperatortochter Vitellia, die Agneta Eichenholz verkörpert. Bei ihrer Auftrittsarie (mit Blick auf Sesto) singt sie: deh se piacer mi vuoi, lascia i sospetti tuoi – ach, wenn du mir gefallen willst, laß dein Mißtrauen. Dabei kann sie nicht recht für sich einnehmen. Später, bei der entscheidenden Arie (2. Akt, 15. Szene): non più di fiori vaghe catene – um aus Blumen anmutige Ketten zu flechten überrascht sie mit deutlicher Aussprache, Intonationsprägnanz und Dramatik ihrer Stimme. Mit virtuosen Läufen begleitet ein Bassetthorn (Tenorklarinette) ihren Gesang, was dieser Arie eine besondere Wertigkeit verleiht.

Fazit

Regisseur Michael Hampe und sein Bühnenbildner Germán Droghetti haben die Angaben im Libretto ernst genommen und nicht schon wieder eine „Einheitsbühne“ geboten, die die Zuschauers zwingt, mehr als zwei Stunden die Blicke parallel zu richten. Mit den Kostümen und den abwechslungsreichen Bühnenbildern (wirklichkeitsgetreue Darstellung des Feuers des Kapitols und seiner Kuppel!) war das Geschehen auf der Bühne eine Augenweide. Die Sangesleistung war gut, könnte aber – der Autor vermutet zu wenig Probezeit – besser sein. Das betraf besonders die Rezitative, die durchweg unverständlich dargeboten wurden, wenn auch das Continuo (Tafelklavier und Violoncello) sich bemühte, eine lebhafte, zum Teil überraschende Begleitung abzuliefern. Daß der Handlungsverlauf zeitweilig etwas spannungslos verlief, lag keinesfalls an dem Regisseur Michael Hampe oder am Dirigenten/Orchester oder Solisten, sondern an dem Genre einer Huldigungsoper. Wäre es nicht aufregender, diese Oper am 11. Juli, dem Nationaltag in Belgien, darzubieten?

Dr. Olaf Zenner

Bild: Annemie Augustijns

Das Bild zeigt: Lothar Odinius (Tito), Bild Mitte und Chor

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