Alcina – Paris, Théâtre des Champs-Élysées

von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Dramma per musica in drei Akten, unbekannter Bearbeiter nach dem Libretto von Antonio Fanzaglia zur Oper L’isola di Alcina (Rom 1728) komponiert von Ricardo Broschi, nach dem 6. und 7. Gesang des Epos‘ Orlando furioso (1516) von Ludovico Ariosto, UA: 16. April 1735, Covent Garden Theatre, London

Regie: Christof Loy, Bühne: Joannes Leiacker, Kostüme: Ursula Leiacker, Choreographie: Bernd Purkrabek, Licht: Thomas Wilhelm

Dirigent Emmanuelle Haïm, Orchestre et Chœur du Concert d’Astrée

Solisten: Cecilia Bartoli (Alcina), Philippe Jaroussky (Ruggiero), Julie Fuchs/Emöke Baráth (Morgana) Varduhi Abrahamyan (Bradamante), Christoph Strehl (Oronte), Krzysztof Bączyk (Melisso) Barbara Goodman (Cupido)

Besuchte Aufführung: 14. März 2018 (Premiere, Produktion des Opernhauses Zürich 2014)

Kurzinhalt

Bradamante, als Mann verkleidet, ist auf der Suche nach ihrem Verlobten Ruggiero. Dieser ist auf der geheimnisumwitterten Insel Alcinas gelandet. Morgana, Alcinas Schwester, verliebt sich beim ersten Sehen in den angeblichen Jüngling und führt Bradamante im Hof Alcinas ein. Hier findet Bradamante Ruggiero, der ganz dem Zauber Alcinas verfallen ist und sich an seine Verlobte nicht mehr erinnert. Schließlich gelingt es, Ruggiero vom Zauber zu erlösen, woraufhin Alcina Rache üben will, da sie Ruggiero wirklich liebt und ihn nicht wie ihre vorherigen Liebhaber einfach in ein Tier, in eine Pflanze oder einen Stein verwandeln will. Bradamante und Ruggiero können fliehen und auch die in Tiere u.a. Verzauberten erlösen, denn Alcinas Zauberkräfte waren durch ihre Liebe zu Bradamante außer Kraft gesetzt worden.

Vorbemerkung

Händels Libretto basiert auf einem Libretto Die Insel der Alcina von Antonio Fanzaglia. Es ist dem Märchen aus Ludovico Ariostos Epen 6. und 7 über die Zauberin Alcina entnommen. Der Impresario des Covent Garden, John Rich, hatte eine französische Ballettruppe unter Marie Sallé engagiert, um damit die konkurrierende Opera of the Nobility im Haymarket Theatre auszustechen. Händel hat Alcina als Ausstattungsoper mit viel Maschineneffekten (u.a. Zerfall des Zauberschlosses am Opernende) ausgestattet. Das Werk ist dabei aber auch eine der reichsten Opernpartituren Händels, und sie besitzen wegen der Tänze und rhythmisch tänzerisch gehaltenen Arien einen starken französischen Einschlag.

Aufführung

Zu Anfang ist die Bühne geteilt: die obere Ebene zeigt Alcina mit ihrem Hof. Dort oben tanzen sechs Tänzer in Rokokokostümen höfische Tänze wie Musette, Menuett, Gavotte, Sarabande. Auf der unteren Ebene erscheinen Bradamante als Jüngling verkleidet, und Ruggieros Erzieher Melisso. Beide sind in schwarzen modernen Anzügen gekleidet.

Die „Begrüßung“ des Hofstaats mit Alcina und Ruggiero in reichen Barockkostümen ereignet sich auf der oberen Ebene, danach steigen sie auf die untere Ebene herab.

Im zweiten Akt ist die obere Spielebene verschwunden. Man sieht einige nebeneinander angeordnete Zimmer, in denen in eine Starre sich verhaltene Menschen aufhalten. Hier spielen erleben wir die Auseinandersetzungen von Ruggiero, Alcina, Morgana, Bradamante und Melisso.

Zum Opernende sind Säulen, Torbögen u.a. als Begrenzung zu sehen. Die Bühne nur spärlich beleuchtet. Im Grunde ist alles in grau und schwarz gehalten, unterschiedlich zum Anfang, wo alles in hellstem Licht auf der Oberbühne sich ereignete. Der Zusammensturz der Gebäude sieht man im Bühnenhintergrund angedeutet. Dabei erscheint ein sich riesiger Kronleuchter, der sich immer weiter erhellte und der Szene intensiven Lichterglanz gibt.

Sänger und Orchester

Emmanuelle Haïm beginnt mit ihrem Spezialensemble Concert d’Astrée temperamentvoll und rhythmisch präzis die Ouvertüre, wobei der zweite, fugierte Satz sehr schnell angegangen wird. Dieser Eindruck der metrischen Genauigkeit, trotz teilweise irrwitziger Tempi, hält das Ensemble den gesamten Opernverlauf bei. Eindrucksvoll ist dabei die einfühlsame Sängerbegleitung, wobei Haïm sich genau den verschiedenen Lautstärken des Gesangs anpaßt, etwas, was nicht vielen Orchester gelingt.

Der eröffnende Chorgesang Das ist der Himmel der Glücklichen auf der oberen Szenenebene zeigt mit dem beseligenden Dreiertakt das „Paradies“ der Auserwählten. Es folgen zwei Tänze (Musette und Menuett) von Tänzern dort oben.

Morgana, Alcinas Schwester, begrüßt Bradamante und Melisso auf der unteren Ebene. Die erkrankt Julie Fuchs stellt Morgana auf der Bühne dar, wird aber aus dem Graben von Emöke Barath gut vertreten. Bei ihrer Eröffnungsarie im Blick auf Bradamante O s’apre al riso , o parlo, o tace – ob er lächelt, spricht oder schweigt gelingt ihr über die Maßen gut. Ihr heller, angenehm timbrierter Sopran hat keinerlei Schwierigkeiten weder mit den großen Höhen, noch mit dem Rhythmischen. Die Abstimmung mit der Darstellung von Julie Fuchs könnte nicht besser sein. Großer Applaus.:

Cecilia Bartoli als Alcina kann mit ihrer Auftrittsarie Di cor mio, quanto t’amai – erzähle, mein Herz, wie verliebt ich war keine Begeisterung im erwartungsvollen Publikum hervorrufen, zu viele Intonationstrübungen waren zu bemerken. Kein Applaus!

Später wird ihr Gesang viel besser und der erwartetet Applaus für diese berühmte Sängerin stellt sich ein und ist am Opernende sogar begeistert bei Ah! Mio cor! Schernito sei! – Ah! Mein Herz! Du wirst verhöhnt! (8. Szene, 2. Akt) oder bei Ma quando tornerai – Doch wenn du wiederkehrst (2. Szene, 3. Akt).

Riesigen Applaus war die dankbare Antwort auf Verduhi Abrahamyans (Bradamante) Wutarie: È gelosia – es ist Eifersucht (6. Szene, 1. Akt). Ihr gut fokussierter Alt entfesselt eine enorme Energie durch blitzsaubere Koloraturen, die sie mit langem Atem auszusingen weiß.

In den Genuß von Philippe Jarousskys (Ruggiero) Sangeskunst mußte man sich bis zum zweiten Akt gedulden. Seine Arien im ersten Akt sind gestrichen. Wahrscheinlich hinderte ihn die Perücke am klaren Singen? So erlebte man den exquisiten Counter (in der Lage eines Mezzosoprans) erst mit Mi lusinga il dolce affetto con l’aspetto del mio bene. – Mich lockt das süße Gefühl beim Anblick meiner Geliebten. (3. Szene, 2. Akt). Hier fällt neben den makellosen Koloraturen bei untadeliger Atemtechnik seine Verzierungskunst in den Wiederholungen (Da Capo Arie) auf. Kaum ein anderer Counter kann so etwas! Der Applaus ist auch entsprechend langanhaltend.

Davor hat Krzysztof Bączyk (Melisso) in seiner Arie Penso a chi geme d’amor spiegata – Denke an die, die an verletzter Liebe leiden (2. Szene, 2. Akt) seinen wohlklingenden, runde Baßstimme mit Kraft demonstriert. Dabei gelingt ihm im Ausdruck eine gute Mischung zwischen Trösten und Ermahnen, etwas, was einem Erzieher von Ruggiero eigen sein sollte.

Ebenso muß Christoph Strehl (Oronte) erwähnt werden. Sein Countertenor ist strahlend hell, auftrumpfend und energisch, wie es sich für seine Rolle gehört.

Die zum Opernanfang gestrichenen Tänze Gavotte, Sarabande, Menuett (1. Akt) ebenso die Tänze der angenehme, schreckliche, angenehm-erschreckende Träume zum Ende des zweiten Akts sind gestrichen. Dafür (?) wurde die fulminante Arie Ruggieros Sta nell‘ircana pietrosa tana tigre – in einem Felsloch in Hykanien (Landschaft) verbirgt sich die wilde Tigerin regelrecht „vertanzt“. Jaroussky selbst rennt pausenlos in wilden Bewegungen trotz schnellsten Koloraturen an anderen, ebenso pechschwarz gekleideten Männern vorbei, die sich fortwährend bewegen, rennen und waagerecht übereinander hinwegspringen. Eine rasante, ungemein sportliche Tanzeinlage, bei der einem, Überraschung und Erstaunen überkommt. Dennoch kann man das das Gefühl nicht ganz verdrängen, ob hier trotz unbestreitbarer Überraschung dem Geist der Händelschen Musik nicht allzu arg zugesetzt wird? Muß man das alles wegwischen und sich an der Unmittelbarkeit erfreuen?

Fazit

Regisseur Christof Loy hat zumindest diese Händel Oper durchdacht und es dabei nicht versäumt, die wichtigste Figur, die des Cupido, die „Seele“ der Liebe im Barocktheater, zu den handelnden Personen hinzuzufügen. Barbara Goodman (Cupido) ist ihrer Aufgabe als stummes „Engelchen“ unbedingt gewachsen. Als die Liebe zwischen Bradamante und Ruggiero u.a. wieder in Ordnung gebracht und mit der Befreiung alle Verwandelten aus Tieren zu wahren Menschen gelungen ist (nach dem Zusammensturz von Alcinas Zauberschloß), zeigt sie stolz ihre beiden Bizeps-Muskeln, was von allgemeiner Heiterkeit quittiert wird. Und was Loy auch vorzüglich gelingt ist seine Personenführung.

Alles in allem eine hervorragendes Sänger- und Orchesterensemble, ein sehens- und hörenswerter Opernabend.

Dr. Olaf Zenner

Bild1: © Vincent Pontet

Das Bild 1 zeigt: Cecilia Bartoli (Alcina) re., Philippe Jaroussky (Ruggiero) li.

Bild2: Alcina © Monika Rittershaus

Das Bild zeigt: Auf der oberen Bühnenebene: Cecilia Bartoli (Alcina) li von ihr: Philippe Jaroussky (Ruggiero), zwischen beiden: Julie Fuchs (Morgana), li u. re Hofstaat und Tänzer (in beigen Kostümen)

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