ELEKTRA – Kassel, Staatstheater

von Richard Strauss (1864-1949) Tragödie in einem Aufzug, Libretto: Hugo von Hofmannsthal; UA 25. Januar 1909, Dresden.
Regie: Markus Dietz, Bühne: Ines Nadler, Kostüme: Henrike Bromber

Dirigent: Patrik Ringborg, Staatsorchester Kassel, Opernchor des Staatstheaters Kassel (Choreinstudierung: Marco Zeiser Celesti)

Solisten: Ingela Brimberg (Elektra), Vida Mikneviciute (Chrysothemis ), Ulrike Schneider (Klytämnestra), Johannes An (Aegisth), Young Doo Park (Orest), Marc-Olivier Oetterli (Pfleger des Orest, alter Diener), Nayeon Kim (Vertraute), Inna Kalinina (Schleppträgerin), Bassem Alkhouri (junger Diener), Doris Neidig (Aufseherin), Almerija Delic, Maren Engelhardt, Marta Herman, Ani Yorentz, Lin Lin Fan (Mägde)

Besuchte Aufführung: 18. Februar 2017 (Premiere, deutsche Übertitel)

Kurzinhalt

Klytämnestra hat mit ihrem Buhlen Aegisth Agamemnon, ihren Mann im Bad erschlagen. Ihr Sohn Orest wurde in Sicherheit gebracht, Tochter Elektra muß sich schlimmste Demütigungen gefallen lassen und lebt nur noch für den Tag, an dem Orest Vergeltung üben wird. Da wird die vermeintliche Todesnachricht des Orest überbracht. Die Schwester Chrysothemis flieht, als Elektra das Beil, mit dem der Vater erschlagen wurde, in wilder Entschlossenheit ausgräbt. Als der Trauerbote sich als ihr Bruder Orest zu erkennen gibt, mahnt Elektra die rächende Sühne an. Als Aegisth naht, führt ihn Elektra scheinbar freundlich ins Haus, wo auch er gerichtet wird. In übermäßiger Freude beginnt sie einen wilden, ekstatischen Tanz, bevor sie tot zusammenbricht.

Aufführung

Im Prinzip besteht das Bühnebild nur aus einer weißen Wand, die rot bemalt wird und als große Video-Projektionsfläche für Augen dient oder an der einfach nur das Blut hernieder rinnt. Auf der Fläche vor der Wand gibt es Lachen von Blut, die immer wieder aufspritzen. Am Anfang stehen die vier Namen der Kinder des Königs auf der Wand, davor stehen Kinderstatisten, die sich im späteren Verlauf immer wieder als Erinnerungen manifestieren. Nach und nach wird die Wand aufgerissen, es entstehen Ausguckposten oder Zugänge zur „Burg“. Die festlichen Kostüme sind eher in der heutigen Zeit verortet, die weißen Kleider bleiben aber nicht lange weiß.

Sänger und Orchester

Ingela Brimberg als Elektra verfügt über einen dramatischen Sopran, der nicht frei ist von Schärfen. Mit etwas Kraft werden die Haßausbrüche sehr glaubhaft, aber im Dialog mit Orest gelingen ihr auch nachdenklichere Momente – durch ein tragfähiges Piano der Stimme. Vida Mikneviciute als Chrysothemis versucht einen jugendlichen, schwebend leichten, lyrischen Klang zu erreichen, bleibt aber über weite Strecken zu blaß. Lediglich im Forte kann sie Emotionen erzeugen. Man könnte das als Hysterie bezeichnen.

Young Doo Park leiht als hell timbrierter Baß dem Orest seine Stimme. Er kann die Tiefen dieser gespaltenen Persönlichkeit ausloten und zeichnet mit Wohlklang einen mitfühlenden, aber auch seelisch kranken Charakter. Ulrike Schneider stellt ein großes Ausdrucks- und Gestaltungsvermögen als Klytämnestra vor. Dabei trifft sie einen keifigen, hämischen Ton, auch im Forte verliert sie die Gesangslinie nie. Johannes An macht aus dem kurzen Auftritt als Aegisth das beste. Er verfügt über eine strahlende baritonale Mittellage, seine tenoralen Höhen klingen manchmal etwas eng. Marc-Olivier Oetterli ist ein durchschlagsstarker Bariton, der sich als Pfleger des Orest meist dezent im Hintergrund stimmlich zurückhält, um dann mit Furor einzugreifen.

Die zahlreichen Nebenrollen sind aus dem Ensemble oder dem Opernstudio besetzt und stehen für die hohe Leistungsfähigkeit des Opernensembles in Kassel. Patrik Ringborg gelingt es erneut ein Fingerspitzengefühl für feinfühlige großformatige Klangwelten unter Beweis zu stellen und so dem Staatsorchester Kassel eine Erzählung von Haß und Liebe zu entlocken. Das Orchester kann diese zu Harmonien bündeln – und es gelingt, die exstatische Raserei im Orchester zu bändigen.

Fazit

So richtig klar wird die Intention der Regie nicht. Sie schwankt zwischen Kindheitserinnerungen und wirren Alpträumen der Protagonisten, in denen auch ein lebender Agamemnon und Iphigenie vorkommen. Iphigenie ist schwierig in der Handlung einzuordnen, denn sie kommt dort eigentlich nicht vor, weil sie ja von Agamemnon geopfert und von den Göttern entrückt wurde. So bleibt ein etwas wirrer Eindruck einer Produktion, in der das Blut in Strömen fließt, die auch beim Publikum wenig Gefallen findet.

Umjubelt hingegen die musikalische Leistung auf hohem Niveau: Ganz besonders für Patrik Ringborg und für die aus den eigenen Ensemble heraus besetzten Hauptdarsteller, die nur mit drei herausragenden Gästen (Ingela Brimberg als Elektra, Vida Mikneviciute als Chrysothemis und Young Doo Park als Orest) ergänzt wird.

Oliver Hohlbach

Bild: Nils Klinger

Das Bild zeigt: Vida Mikneviciute (Chrysothemis), Daria Zolotov, Nelio Neumann (Kinder), vorne: Young Doo Park (Orest)

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