AUS EINEM TOTENHAUS – Nürnberg, Staatstheater

von Leoš Janáček (1854-1928), Oper in drei Akten, Libretto: Leoš Janáček nach Fjodor M. Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, in tschechischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln, UA: 12. April 1930 Brünn.

Regie: Calixto Bieito, Bühne: Calixto Bieito und Philipp Berweger, Kostüme: Ingo Krügler

Dirigent: Marcus Bosch, Staatsphilharmonie Nürnberg, Herrenchor und Chorgäste des Staatstheaters Nürnberg, Choreinstudierung: Tarmo Vaask

Solisten: Tilman Unger (Luka Kuzmic bzw. Filka Morozov), Edward Mout (Skuratov), Hans Kittelmann (Sapkin/Kedril), Antonio Yang (Siskov), Kay Stiefermann (Alexandr Petrovic Gorjancikov), Cameron Becker (Aljeja), Marcell Bakonyi (der Platzkommandant) u.a.

Besuchte Aufführung: 12. März 2016 (Premiere)

Nürnberg Totenhaus 06Kurzinhalt

Alexandr Petrovic Gorjancikov wird als Sträfling in ein Gefangenenlager gebracht. Zwischen den beiden Gefangenen Luka Kuzmic (alias Filka Morozov) und Skuratov bricht ein Streit aus, und Luka erzählt Aljeja, warum er den Mord begangen hat, für den er nun seiner Strafe verbüßt. Skuratov berichtet von seiner großen Liebe Luisa, die aber mit einem reichen Verwandten verheiratet wurde, den er aus purer Verzweiflung erschossen hat. Die Sträflinge improvisieren zwei Theaterstücke: Ein Stück über Don Juan und seinen Diener Kedril sowie eine Pantomime über eine untreue Müllerin. Das Fest endet im Streit: Gorjancikov wird von Gefangenen provoziert und Aljeja verletzt. Nun erzählt Siskov von seinem Verbrechen: Akulina war Filka Morozov zur Ehe versprochen, der wollte sie aber nicht mehr heiraten da er schon mit ihr geschlafen hatte. Siskov heiratet sie, doch sie gesteht ihm, noch immer Filka zu lieben und wird deshalb von ihm ermordet. Siskov erkennt im sterbenden Luka seinen Feind Filka Morozov. Gorjancikov wird begnadigt.

Aufführung

Diese Produktion ist eine Neubearbeitung der Baseler Premiere vom 8.November 2009. Regie, Kostüme und Bühnenbild ist weitgehend identisch, wurde aber in Nürnberg neu erstellt. Der in Merseburg gekaufte Doppeldecker Antonow An-2 wurde mit viel Aufwand als zentrale Kulisse hergerichtet. Calixto Bieitos Lesart des Sujets raubt jedem Charakter den letzten Funken Menschlichkeit und Würde, den er vielleicht noch ins Lager gerettet hat. Eine nahezu pornographische Darstellung brutaler Gewalt, Erniedrigung und triebhafter Sexualität dominiert die Szenerie. Auf die Pflege eines kranken Adlers (eigentlich Bestandteil der Handlung), Sinnbild für menschliches Verhalten, wird hier verzichtet; dafür wird ein Flugzeug auf die Bühne gestellt, ein Symbol für Freiheit, um das man die Gefangenen tanzen läßt wie um das goldene Kalb. Die übrige Kulisse bilden kalte, abweisende Wellblechwände. Die beiden Theaterstücke innerhalb der Oper werden grotesk verzerrt: Don Juan wird zum Triebtäter, der Humor der Handlung kippt ins Morbide und Gewalttätige, übergroße Genitalien aus Gummi schmücken die Kostüme der Männer, und alles wirkt wie eine einzige große Travestieshow, die in der (nicht in der Originalhandlung vorkommenden) Vergewaltigung Aljejas mündet. Einige Gefangene werden hingerichtet und bleiben in Leichensäcken inmitten des Geschehens liegen. Sprichwörtlich wird hier von der Regie über Leichen gegangen. Die abschließende Begnadigung von Alexandr Petrovic Gorjancikov, die vom Aufsteigen des Flugzeugs begleitet wird, das bis dahin in der Mitte der Bühne steht, wird umgedeutet: Auch er wird am Ende erschossen.

Sänger und Orchester

Das einzige Individuelle, was den Inhaftierten noch bleibt, ist ihr jeweiliges persönliches Schicksal. Die Sänger interpretieren ihre Rollen eindrucksvoll und mit viel Sensibilität für den psychischen Zwiespalt und für die Frage nach Schuld und Rechtfertigung ihrer Verbrechen. Da es keine wirkliche Gesangsrolle in dieser Oper gibt, in der in großen Soloabschnitten brilliert werden kann, ist die schauspielerische Ensemble-Leistung aller Akteure enorm wichtig. Mit Eindringlichkeit meistern sie ihre Partien. Besonders zu erwähnen sind Cameron Becker (Aljeja), dessen schlanker Tenor seiner Figur jederzeit gerecht wird, aber auch Antonio Yang (Siskov) mit seinem voluminösen Bariton, dem ein reiches Nuancenspektrum abverlangt wird. Eine bühnenbeherrschende Vorstellung mit schwerem Baß gibt Marcell Bakonyi als der Platzkommandant. Der Männerchor des Staatstheaters Nürnberg agieren im perfekten Zusammenspiel mit dem guten Solistenensemble. Marcus Bosch leitet ein zupackend aufspielendes Orchester: Die Balance zwischen den musikalischen Gegensätzen vermag er zwar herzustellen und findet für die verschiedenen Stimmungen, die diese nicht einfach zu spielende Musik transportiert, eine entsprechende klangliche Vielfalt. Allerdings bleibt er über weite Strecken viel zu sehr im Fortissimo, dabei gehen volksliedhafte Nuancen verloren, die genau wie in der Inszenierung nicht zum Zug kommen.

Fazit

Üblicherweise wird im Magazin OPERAPOINT nur wenig die Regie beurteilt. Meist genügt das auch. Bei der vorliegenden Aufführung machen wir eine Ausnahme, da der Calixto Bieito ist ein spanischer Regisseur auf fast allen deutschen Opernbühnen Regie geführt hat. Mit seinen meist gewalttätigen und bewußt sexualisierten Inszenierungen nennt man ihn einen  Skandalregisseurs. Diese Inszenierung ist definitiv Geschmackssache und auf Schockwirkung hin angelegt. Man sieht eine oberflächliche Deutung der Handlung, die ohne jegliche Rücksichtnahme auf die Vorlage – eine Handlung, die trotz aller Unmenschlichkeit den Glauben an das Humane zum Thema hat – aus der Oper Janáčeks eine blutrünstige und vor Gewalt strotzende Show macht. Im Gegensatz dazu bemühten sich Sänger, der Musik den angemessenen Tiefgang zu geben, indem sie feinsinnig die unterschiedlichsten Nuancen herausarbeiteten und ihre Partien konstruktiv interpretierten. Heftige Buh-Rufe für die Regie-Team und ein Paar Buh-Rufe für Marcus Bosch. Heftiger Jubel für die Solisten, besonders für Publikumsliebling Antonio Yang wegen seiner Rollengestaltung des Siskov.

Oliver Hohlbach

Bild: Ludwig Olah

Das Bild zeigt: Kleines Flugzeug, Cameron Becker und Chor

Veröffentlicht unter Nürnberg, Staatstheater, Opern
Aida Triumphmarsch, live Arena di Verona