ARTASERSE – Kassel, Staatstheater

von Leonardo Vinci (1690-1730), Dramma per Musica in drei Akten, Libretto: Pietro Metastasio, U.A: 4. Februar 1730 Rom, Teatro delle Dame

Regie: Sonja Trebes, Bühne: Dirk Becker, Kostüme: Isabell Heinke

Dirigent: Jörg Halubek, Staatsorchester Kassel, ergänzt um barocke Instrumente wie Theorbe

Solisten: Yuriy Mynenko (Artaserse), Maren Engelhardt (Mandane), Bassem Alkhouri (Artabano), Lin Lin Fan (Arbace), Ani Yorentz (Semira), Inna Kalinina (Megabise)

Besuchte Aufführung: 12. Dezember 2015 (Premiere)

Artaserse

Artaserse

Kurzinhalt

Artabano ermordet den Perserkönig Serse, um seine Dynastie an die Macht zu bringen. Doch man findet bei Artabanos Sohn Arbace den blutigen Dolch – alle halten ihn nun für den Mörder. Artabano will seine Tochter Semira zwingen, Megabise zu heiraten, doch sie liebt Artaserse, den neuen König. Semira fleht um Gnade für ihren Bruder Arbace, der aber nicht aussagen will, um seinen Vater zu schützen. Artaserse, der seinen Freund Arbace für unschuldig hält, läßt ihn frei. Dieser stoppt die Rebellion Artabanos gegen Artaserse und tötet General Megabise. Bei der Krönung Artaserse versucht Artabano den König mit einem Giftbecher zu ermorden. Arbace will den Becher austrinken, aber sein Vater hindert ihn daran, gesteht den Mord an Serse und wird dafür verbannt. Artaserse und Semira wie auch Arbace und Mandane finden zueinander.

Aufführung

Eine Kulisse für einen mystisch-zeitlosen Monumental-Schinken wurde für diese relativ einfache Geschichte eines Königsmordes gebaut. Diese Kulisse besteht eigentlich nur aus einer halbkreisförmig geschwungenen „Großen Mauer“, in der Mitte befinden sich drei Wandelemente, die verschoben werden können und so Durchgänge bilden. Durch diese Durchgänge kommen nicht nur die schwarzen Skinhead-Schlägertrupps mit synchron geschwungenen Baseballschlägern, sondern auch weitere Wandelemente, die so etwas wie einen Thron oder ein Bett auf die Bühne bringen. Über den Durchgängen befindet sich ein monumentales Zeichen, das aus ineinander gesetzten Pfeilen oder Kreuzen zu bestehen scheint und genauso wie die Kostüme – oder die aufgesetzte Handlung – aus Phantasiefilmen wie Conan der Barbar oder Herr der Ringe entsprungen zu sein scheint. Einzig der hellblaue Anzug Artaserse paßt ganz sicher nicht hierher.

Sänger und Orchester

Nominell ist die Besetzungsliste sehr kurz: Sechs Solisten sind genannt, ein Chor ist nicht vorgesehen. In der Uraufführung sind diese Rollen mit fünf Kastraten und einem Tenor besetzt. Im Jahre 1730 waren in Rom Frauen auf der Bühne nicht zulässig, der Bösewicht war seinerzeit meist eine Tenorrolle, in diesem Falle Artabano. Die Oper wurde 2012 von Concerto Köln in Nancy, Paris und Köln mit großem Aufsehen in einer solchen Besetzung aufgeführt, nun spielt sie das Staatstheater Kassel nach, allerdings nur noch mit einem Countertenor, einem Tenor und vier weiblichen Stimmen: Yuri Mynenko war 2012 als Megabise dabei, hier singt er als Countertenor den Artaserse. Mit weichem, warmen aber immer volltönenden baritonal gestütztem Timbre als Ausgang klettert er technisch sicher durch die Koloraturen, begeistert mit wunderschönen Klangbildern, singt mit langem Atem alle Noten voll aus. Ein Paradebeispiel für dynamische Koloraturgestaltung ist LinLin Fan dank ihres bravourösen und hochbeweglichen jugendlichen hohen Soprans. Da sie jedoch sehr an der Gesangslinie klebt, hört man einzelne Noten teilweise sehr deutlich aus den Koloraturen heraus. Hinreißend gestaltet sie aber die berühmte Koloraturarie am Schluß des ersten Akts Vò solcando un mar crudele. Etwas weniger eloquent kann Maren Engelhardt die Mandane gestalten, ihrem Mezzo fehlt der Glanz in den Höhen. Da kann Ani Yorentz sich schon eher als liebreizende Tochter Semira produzieren, ihr jugendlich heller und sprungsicherer Sopran ist genauso überzeugend wie Bassem Alkhouri als Artabano. Er ist der Universal-Haustenor und kann doch dieser kritischen Rolle das Rollenporträt eines finsteren Bösewichts abgewinnen – mit viel Härte, sicherer Höhe und noch mehr Durchschlagskraft. Inna Kalinina ist ein volltönender Mezzo und gibt dem bösen Erfüllungsgehilfen Megabise authentische Glaubwürdigkeit und Dominanz. Man kann sie mühelos auch in den Ensembleszenen und Duetten heraushören. Dem ausgewiesenen Barock-Experten Jörg Halubek gelingt es erneut dem Staatsorchester Kassel einen silbrigen, erzählfreudigen Klang zu entlocken, entsprechend der derzeitigen barocken Aufführungspraxis, so kommen z.B. Barockbögen zum Einsatz. Für spezielle barocke Instrumente wie Violoncello, Laute oder Theorbe wird das Staatsorchester mit entsprechenden Gästen aufgefüllt. Zwar kommt es gerade im Vorspiel und im ersten Akt zu zahlreichen Ungereimtheiten und Asynchronitäten im Zusammenspiel, aber seine etwas geruhsame Interpretation und die harmonische Abstimmung mit den Solisten, läßt die Welt des Barock wieder auferstehen, stellt die Forderung nach weiteren Aufführungen der Werke Vincis in den Raum.

Fazit

Ein zweischneidiges Ergebnis bringt dieser Premierenabend: Musikalisch ein großer Erfolg für die barocke historische Aufführungspraxis am Staatstheater Kassel, szenisch hingegen scheitert dank der üblichen Regietheater-Einfälle der Versuch eines heiteren Opernabends. Dieser Versuch ist manchmal zumindest erheiternd, die Kampfszenen oder die Personenregie in den Dialogen ist wirklich durchdacht, aber manchmal geht es doch zu weit, z.B. wenn man den General Megabise (einen Countertenor-Rolle) mit einer Sängerin besetzt und diesen Rollenwechsel dazu verwendet eine „lesbische Verwicklungsgeschichte“ anzudeuten. Da wäre es doch angebracht, auch die szenisch barocke Aufführungspraxis aufzugreifen. Das Kasseler Publikum sieht darüber hinweg und spendet einen etwas kurzen, aber sehr freundlichen Applaus für alle Beteiligten.

Oliver Hohlbach

Bild: Nils Klinger

Das Bild zeigt: Lin Lin Fan (Arbace), Yuriy Mynenko (ganz rechts: Artaserse) und (v.l.) Michael Hinze und Daniel Hellwig (Statisterie)

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