NORMA – Paris, Théâtre des Champs-Élysées

von Vincenzo Bellini (1801-1835), Oper in zwei Akten, Libretto: Felice Romani nach Alexandre Soumet, UA: 26. Dezember 1831 Mailand, Teatro alla Scala

Regie/Bühne: Stéphane Braunschweig, Choreographie: Johanne Saunier, Kostüme: Thibault Vancraenenbroeck, Licht: Marion Hewlett

Dirigent: Riccardo Frizza, Orchestre de chambre de Paris, Choeur de Radio France, Einstudierung: Sofi Jeannin.

Solisten: Maria Agresta (Norma), Sonia Ganassi (Adalgisa), Marco Berti (Pollione), Riccardo Zanellato (Oroveso), Sophie Van de Woestyne (Clotilde), Marc Larcher (Flavio).

Besuchte Aufführung: 8. Dezember 2015 (Premiere)

NORMA -

NORMA –

Kurzinhalt

Norma, die Tochter des Druiden Orveso ist selbst Priesterin und höchste moralische Instanz ihrer Gemeinschaft. Gleichzeitig aber hat sie eine geheime, verbotene Liebesbeziehung mit Pollione, dem Oberbefehlshaber der römischen Besatzungstruppen in Gallien, dem sie zwei Söhne geboren hat. Um ihren Geliebten zu schützen, ruft Norma bei der Zeremonie im Tempel die sanfte Mondgöttin an, und bittet um Frieden, statt Rebellion und Krieg gegen die Römer zu fordern, wie die Gallier es wünschen. Nach der Zeremonie erscheint Pollione. Er hat Norma fallengelassen und wirbt jetzt um die junge Priesterin Adalgisa. Diese verspricht nach langem Zögern mit ihm nach Rom zu ziehen. Sie vertraut Norma ihre Gewissensqualen an. Norma zeigt Verständnis bis sie erfährt, um wen es sich handelt. Um sich an ihrem Liebhaber zu rächen, spielt sie mit dem Gedanken seine Kinder zu töten. Doch Adalgina verhindert es. Sie verzichtet auf ihre Liebe zu Pollione, als sie Normas Schicksal erfährt, und will nun Pollione überreden, zu Norma und ihrer beider Kindern zurückzukehren. Als Pollione sich weigert, droht Norma, Adalgisa öffentlich des Verrats anzuklagen. Doch schließlich klagt sie sich selbst an. Sie vertraut dem entsetzten Oroveso ihre Kinder an. Als Pollione, sieht, was er angerichtet hat, findet er seine Liebe zu Norma wieder und folgt ihr in den Flammentod.

Aufführung

Stéphane Braunschweigs Inszenierung der Tragödie Norma überzeugt nicht, aber sie steht dem Genuß der Oper glücklicherweise auch nicht sonderlich im Wege. Bei ihm wird der Druidentempel zu einem Betonbunker der Widerstandskämpfer, wo man heimlich Pistolen verteilt. Das steht in krassem Gegensatz zu dem Messing-Doppelbett (à la La Traviata) vor einen roten Wandvorhang, in dem die beiden Kinder Normas schlafen. Beide Teile sollen das Doppelleben der Norma symbolisieren. Die heilige Eiche Irminsul wird zu einem Bonzai unter Glasglocke, erst im zweiten Akt schwebt ein richtiger Baum vom Himmel auf die Bühne herunter. Die Kostüme sind einfache Straßenanzüge für die Männer, hellblaue lange Kittel für die Frauen, alles unter dicken farblosen Wintermänteln. Die Choreographie ist sehr mittelmäßig, wobei der Druidenritus in eine Art Hexensabbat ausartet.

Sänger und Orchester

Maria Agresta singt die schwierige Titelrolle mit vollem, kraftvollem Sopran. Es gelingt ihr sowohl die Leichtigkeit der lyrischen bel canto-Szenen als auch die dramatischen, leidenschaftlichen Ausbrüche schauspielerisch wie stimmlich ausdrucksstark und einleuchtend zu gestalten. Die für eine Sängerin so berühmt trügerisch-schwere casta diva-Arie (1. Akt, 4. Szene) singt sie mit lang ausgedehnten, klaren Gesangslinien. Dieselbe Subtilität finden wir bei Sania Ganassi als Adalgina. Beide junge Sängerinnen haben hin und wieder noch etwas Schwierigkeiten, die dramatischen Spitzentönen souverän zu meistern. Ansonsten ähneln sich ihre Stimmen und verschmelzen und erwidern einander sehr reizvoll in der Duettszene (2. Akt, 3. Szene), sowohl im lyrischen Mira, o Norma wie im zuversichtlichen Si, fino all’ore estreme.

Marco Berti hat eine klangvolle metallisch timbrierte Tenorstimme, doch fehlt ihm leider für die Belcanto-Rolle des Pollione die nötigen stimmlichen Feinheiten. Riccardo Zanellatos kraftvoller Baß kommt in seinen beiden Arien mit Chor wirkungsvoll zu Geltung. Der Choeur de Radio France ist auffallend gut einstudiert. Riccardo Frizza dirigiert das ausgezeichnete Orchestre de chambre de Paris (mit einem hervorragenden Bläserensemble), den Chor und die Solisten mit Genauigkeit und verhaltener Dynamik, die alle romantischen Exzesse vermeidet.

Fazit

Trotz der enttäuschenden Inszenierung war es musikalisch, von kleineren Mängeln abgesehen, eine sehr gute und erfreuliche Aufführung einer besonders schönen, aber schwierigen Oper.

Es gab sehr viel Applaus für die Sänger und Musiker und einige Buh-Rufe für den Regisseur.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Théâtre des Champs-Élysées

Das Bild zeigt: Maria Agresta (Norma)

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