PLATÉE – Paris, Opéra Comique

von Jean Philippe Rameau (1683-1764), Ballet bouffon (comédie lyrique) in drei Akten mit einem Prolog, Libretto: Adrien-Joseph le Valois d’Orville, UA: 31. März 1745 Versailles, Grand Manège (4. Februar Paris, 1749, Académie de Musique)

Regie: Robert Carsen, Bühne und Kostüme: Gideon Davey, Licht: Robert Carsen und Peter Praet, Choreographie: Nicolas Paul, Dramaturgie: Ian Burton

Dirigent: Paul Agnew, Les Arts Florissants und Chor

Solisten: Marcel Beekman (Platée), Simone Kermes (La Folie), Virginie Thomas (Thalia), Cyril Auvity (Merkur, Thespis), Emmanuelle de Negri (Clarine, Amor), Edwin Crossley-Mercer (Jupiter), João Fernandes (Momus), Marc Mauillon (Citheron, Momus des Prologs), Emilie Renard (Juno), Tänzer und Statisten

Besuchte Aufführung: 20. März 2014 (Premiere), Koproduktion mit dem Theater an der Wien

Paris PlateeVorbemerkung

Wir sind im Jahre 1745, noch im Zeitalter der Barockoper, aber in Frankreich hat sich die Musik, nicht zuletzt durch Rameaus Erneuerungen, von den strengen Riten eines Lully und Louis XIV weitgehend gelöst, ist freier geworden. Rameau ist der vielseitigste, produktivste und klügste Kopf unter den französischen Musikern seines Zeitalters, als Komponist der bedeutendste seiner Generation. Findet auch keine seiner Opern Aufnahme im Ausland, so wirkt doch kein anderer französischer Musiker des 18. Jahrhunderts, ausgenommen vielleicht André-Ernest-Modeste Grétry, so über die Grenzen Frankreichs hinaus, Arnold Feil in Metzler Musik.

Darüber hinaus ist Rameau ein Satiriker, ein Mann von zügellosem Humor und diesem Charakterzug verdanken wir ein Unikum in der Musikgeschichte: die Oper Platée. Für die Hochzeit des Dauphin geschrieben, (was für eine Thema für eine Hochzeit!), wird sie in Versailles als „geschmacklos“ abgelehnt, erfährt aber vier Jahre später in der Académie Royale de Musique in Paris einen regelrechten Triumph, und trägt damit viel dazu bei, daß diese komische Oper immer häufiger in diesem strengen Tempel der Tragödie (Académie Royale) Einlaß findet. 

Kurzinhalt

Im Prolog, nach einem ausgiebigen Bacchanale, beschließen Thespis, Thalia und Momus eine Satire der Götter und Menschen zu spielen und wählen dazu das Thema, wie Jupiter es anstellen soll, die ihn mit ihrer ewigen Eifersucht verfolgende Juno davon zu heilen: Jupiter soll vorgeben, sich in die törichte, häßliche Nymphe Platée zu verlieben, die dennoch davon überzeugt ist, daß alle Männer ihr nachstellen. Wenn Juno dann das unwahrscheinliche Liebespaar überrascht, würde sie einsehen, wie sinnlos ihre Eifersucht sei. Sie würde dann aufhören ihrem Mann nachzuspionieren.

Platée, von Merkur über Jupiters Liebe zu ihr unterrichtet, wartet ungeduldig auf den Göttervater. Nach einigen Verkleidungen erscheint Jupiter in voller Herrlichkeit, umgeben von seinen Freunden, die Platée bewundernd huldigen, sich aber insgeheim über sie lustig machen. Auch La Folie erscheint und unterhält die Versammelten mit ihren Geschichten. Platée ist außer sich vor Freude. Da Amor an der Groteske nicht teilnehmen wollte, muß Mumus sich als Amor verkleiden. Gerade als Jupiter und Platée sich auf ihr „Hochzeitslager“ zurückziehen wollen, erscheint die bestellte Juno, bricht beim Anblick der „Braut“ in helles Gelächter aus. Der Schürzenjäger Jupiter und Juno versöhnen sich. In der allgemeinen Heiterkeit bleibt Platée hilflos, enttäuscht und gedemütigt allein zurück. Ein groteskes, grausames Ende.

Aufführung

Robert Carsen hat die Satire in die heutige Zeit versetzt. Der Prolog spielt in einem Nachtclub mit der üblichen Spiegelkugel am Plafon und rundherum Staniolpapierstreifen-Vorhänge, die sich im Luftzug bewegen und alles Licht wiederspiegeln. Eine fröhliche Menge, trinkt, tanzt und vergnügt sich in altgriechischen Gewändern wie bei einem Maskenball.

Im folgenden spielt die Handlung im Milieu der Haute Couture, welche ein Grand Hotel bevölkert. Erst im Speisesaal, dann im Prunksaal und zuletzt in der Hochzeitssuite. Alles ist in einer Art déco Stil gehalten. Die Kostüme ebenso verschiedenartig wie extravagant, das ergibt eine  wogende bunte Menge. Eine richtiggehende Modenschau läuft ab, als  im zweiten Akt die verschiedenen Verwandlungen des Jupiter als Gladiator, als Vögel aller Art usf. und als zuletzt im Hochzeitkleid vorbeiziehen. Im dritten Akt sieht man auf dem großen Bildschirm eine phantastische Modenschau in der Hochzeitssuite .

Um das Modeelement noch weiter zu unterstreichen, erscheint Jupiter mit Frackjacke und engen, schwarzen, ledernen Hosen, eine weiße Angorakatze im Arm, Abbild Karl Lagerfelds. Merkur ist ein, manchmal etwas überforderter, Hoteldirektor Citheron. Der beflissene Barman, will es all seinen verwöhnten Kunden recht machen. Aber auf der Theke sich von Platée vergewaltigen lassen will er nicht. Die nymphomane Platée ist hinreißend töricht und häßlich und lächerlich, wenn auch in ihrer Eitelkeit von Gegenteil überzeugt. Juno ist eine matter-of-fact-no-monkey-busniness-Dame in Coco-Chanel Kostüm. La Folie repräsentiert den gefeierten Rockstar des Hochzeitsfestes.

Sänger und Orchester

Die Oper steht und fällt mit der Rolle der Platée, die Marcel Beekman mit unwiderstehlicher Komik und großer Musikalität ausfüllt, ein wahrer Marathon. Bisweilen tut er mit vollendeter Stimmtechnik seinem hohen wohlklingenden Tenor (ténor à la française) Gewalt an, läßt ihn gequetscht oder übernasal klingen, um die Lächerlichkeit der Rolle zu unterstreichen. Auffallend bei ihm, wie bei allen Solisten, ist die ausgezeichnete Diktion. Als La Folie in extravaganten Kostümen und mit entsprechender Mimik spielt und singt Simone Kermes mit ihrer reichen Sopranstimme, die beiden einzigen wirklichen Arien der Oper, wahre Bravourarien mit endlosen Koloraturen, auch in den Spitzentönen vollendet kontrolliert. Diese Bravourarien sind in Wirklichkeit Rameaus Parodie der damals exzessiv virtuosen italienischen Oper. Ceryl Auvity entledigt sich seiner Rolle als Merkur und Hoteldirektor, (auch Thespis im Prolog), mit heller, fast beschwörender Contratenor-Stimme. Marc Mauillon ist sein treuer Barmann Citheron mit schön timbriertem Bariton. Der volle, warme Baßbariton Edwin Crosslex-Mercers macht ihn zu einem würdigen Jupiter. Mit allen übrigen Solisten, dem Chor, den Tänzern und Statisten ergibt das ein eindrucksvolles, unglaublich energiegeladenes, schwungvolles Ensemble, das choreographisch vorbildlich koordiniert ist, wobei die Regie für Sänger und Schauspieler bis ins einzelne Detail humorvoll ausgeklügelt ist.

Schon das Finale des Prologs ist eine eindruckvolle Szene des Zusammenwirkens von Orchester, Solisten, Chor, Tänzern und Statisten. Es folgen viele andere. Die modernen Tanzeinlagen sind in den meisten Fällen gut auf das Geschehen abgestimmt.

Paul Agnew, der für den genesenden William Christie hatte einspringen müssen, dirigiert dieses vielköpfige Ensemble und die sich in Rythmen und tempi überschlagende Partitur mit ihren programmusikalischen Elementen mit großem Können. Chor und Orchester der Arts Florissants halten sich, wie immer, vorbildlich, zumal Rameau seit Jahrzehnten zum ihrem Spezialrepertoire gehört.

Fazit

Die Oper ist ein fabelhafter Klamauk und war es wohl schon zu Zeiten Rameaus. Offensichtlich liegt dieses Thema Robert Carsen mehr als das der Zauberflöte (vgl. Besprechung vom 17. 3. 2014). Nur die minimal gekleidetete Platée in der Schlußszene ist nicht nur grotesk, sondern richtig peinlich  und fällt aus dem sonstigen ästhetischen Rahmen. Schade, denn sonst ist es eine der witzigsten und best gelungensten modernen Anpassungen einer Barockoper seit David McVicars legendärer Agrippina Inszenierung. Dennoch wäre es vielleicht für das Aufrechterhalten der Spannung von Vorteil gewesen, die eine oder andere der Balleteinlagen im dritten Akt zu streichen und damit die Oper etwas zu verkürzen.

Diese Neu-Inzenierung von Platée, die schon im Theater an der Wien in Österreich Triumphe gefeiert hat, wurde auch in Paris mit Begeisterung aufgenommen. Und geht danach weiter nach New York. Auch dem im Publikum anwesenden William Christie wurde Beifall gezollt.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Monika Rittershaus (Aufnahme aus dem Theater an der Wien)

Das Bild zeigt: Cyril Auvity (Mercure), Marcel Beekman (Platée), Edwin Crossley-Mercer (Jupiter), Marc Mauillon (Cithéron), João Fernandes (Mommuss) und  A. Schoenberg Chor

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