EIN TRAUMSPIEL – Weimar, Deutsches Nationaltheater

von Ingvar Lidholm (* 1921), Oper in einem Vorspiel und zwei Akten nach August Strindberg; UA: 1992 Stockholm, Königliche Oper

Regie/Bühne: Christian Sedelmayer, Kostüme Caroline von Voss, Video: Bahadir Hamdemir, Dramaturgie: Michael Dissmeier

Dirigent: Stefan Solyom, Staatskapelle, Schola Cantorum Weimar, Opernchor,

Solisten:  Heike Porstein (Agnes), Uwe Schenker-Primus (Offizier), Sebastian Campione (Advokat), Friedrich Aurich (Zettelankleber) u.a.

Besuchte Aufführung: 20. April 2012 (Premiere)

Vorbemerkung
Ingvar Lidholm gilt als einer der angesehensten gegenwärtigen schwedischen Komponisten. Ein Traumspiel wurde zu seiner bisher einzigen großen Oper, mit der er das surrealistisch-sozialkritische, gleichnamige Drama Strindbergs musikalisch umsetzt. Es spiegelt die Hilflosigkeit und Verzweiflung Strindbergs über die Qual des einfachen „Daseins“ wieder, die sein Leben zur Entstehungszeit des Dramas prägte.

Kurzinhalt
Agnes – Tochter des Gottes Indra – steigt in Menschengestalt auf die Erde hinab, um das Rätsel  menschlichen Unglücks zu lösen und beheben. Zunächst begegnet sie in einem gläsernen Schloß dem Offizier, der seit sieben Jahren hoffnungslos in die Theatersängerin Victoria verliebt ist. Der Zettelankleber des Theaters hingegen wünscht sich sehnsüchtig ein grünes Fischernetz. Nachdem ein Polizist den Theatermitarbeitern die Öffnung einer geheimnisvollen Tür verbietet, machen sich alle auf zum Advokat, der kurz vor Verleihung seiner Doktorwürde steht, die dann aber ungerechterweise dem Offizier statt ihm zuerkannt wird. Agnes ehelicht den Advokat, muß aber feststellen, wie mühsam ein Leben in Armut ist und folgt schließlich dem blinden Offizier an einen Strand gegenüber der Bucht Freudenwieck. Währenddessen möchte der Offizier in einer Klasse von Erstklässler geistig reifen und beweist mit dem Beleg von 2×2=2 die unlogische Logik. Schließlich soll das Geheimnis um die Tür gelüftet werden, um das sich die Dekane verschiedener Fakultäten streiten – doch hinter dieser Tür liegt nichts als Leere. Ernüchtert beschließt Agnes, die Erde zu verlassen.

Aufführung
Auf die vollkommende Dunkelheit von Bühne, Orchestergraben und Zuschauerraum während des orchestralen Vorspiels folgt im ersten Akt als Handlungsort ein dreieckiger Spiegelraum mit verspiegelten Türen bzw. Ausgängen, der im zweiten Akt einer schwarz-weiß gestreiften Gestaltung weicht, sich zum Ende allerdings wieder in den verspiegelten Raum zurückverwandelt. Ein teilweise ausgesprochen farbenfrohes Lichtspiel ziert den verspiegelten Raum. Die Solisten tragen ihren jeweiligen Funktionen und zum Teil dem Bühnenbild angepaßte Alltagskleidung: Neben Agnes weiß-schwarzem Kleid erschien der Offizier im Frack, der Advokat im Anzug und der Zettelankleber im Arbeitsanzug. Die Kostüme Opernchores bestehen in hautfarbenen Anzügen, vor denen sie zeitweilig Papierkleider mit unterschiedlichsten Motiven (Alltagskleidung, Statuenbilder, Hotdog etc.) tragen.

Sänger und Orchester
Heike Porstein (Agnes) setzte mit ihrer gesanglichen Leistung an diesem Abend Glanzpunkte: Sie bewältigte ohne Einschränkung ihre komplizierte Sopranpartie, die in Ambitus und durch z.T. unsangliche Melodieführung sehr viel abverlangte. Doch zeigte sie saubere Intonation bis in die Spitzentöne sowie eine differenzierte klanglichen Gestaltung Es ist schade um euch Menschen (1. Akt). Eine ebenso überzeugende Leistung lieferte Uwe Schenker-Primus als Offizier. Ihm gelang es, seiner vollen, tragenden Baßstimme eine gebührenden samtenen Anstrich zu verleihen, um zärtlich das Himmelskind zu besingen, dann aber sofort auf eine gewisse Härte und Kraft umzuschwenken, wenn er kurze Zeit später über seine ungerechte Kindheit philosophiert. Auch die eingestreuten gesprochenen Kommentare und Erzählungen verstand er mit charmantem Witz auszugestalten Der Herbst ist mein Lenz – da beginnt die Theatersaison! Da muss sie kommen!  ( alles 1. Akt)). Sebastian Campione in der Rolle des Advokaten zeigte zu Beginn seines Auftrittes eine gute Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Orchesterklang, die dann leider zeitweilig nachließ, aber im zweiten Akt wieder zurückkehrte. Er verfügte über ein sorgsam ausgeglichenes Vibrato, womit dennoch eine sehr gute Textverständlichkeit einherging. Diese kann auch Friedrich Aurich (Zettelankleber) zugesprochen werden. Besonders gelang ihm eine humorvolle Mimik und Gestik, die – von seinem kräftigen Baß untermalt – ihre Wirkung besonders bei seiner Schwärmerei über das grüne Fischernetz (1. Akt) nicht verfehlte. Ein besonderes Lob muß dem Opernchor und der Staatskapelle unter der Leitung von Stephan Solyom gelten. Es gelang eine musikalisch ausgezeichnete Leistung, die sich im exakt abgestimmten Zusammenspiel mit den Sängern wie in dynamisch ausdifferenzierter und effektreicher musikalischer Gestaltung, dem Einsatz verschiedener Klangfarben und Artikulation zeigte.

Fazit
Der Premierenabend wurde mit reichlich Beifall für alle Beteiligten gewürdigt, das Publikum reagierte begeistert und der modernen Inszenierung gegenüber sehr aufgeschlossen.

Friederike Jurth

Bild: Matthias Horn

Das Bild zeigt:  Heike Porstein (Agnes) im Theaterflur

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