Essen, Aalto-Theater – CHESS – SCHACHSPIEL

von Benny Anderson und Björn Ulvaeus, Musical in zwei Akten, Text von Time Rice
Uraufführung: 14. Mai 1986, London (Prince Edward Theatre)
Regie/Choreographie: James de Groot und Paul Kribbe, Bühnenbild: Dirk Becker, Kostüme: Martina Feldmann
Dirigent: Heribert Feckler, United Rock Orchestra, Opernchor des Aalto-Theaters, Ensemble des Aalto Ballett Theater Essen, Statisterie des Aalto Theaters,
Solisten: Henrik Wager (Frederick Trumper), Femke Soetenga (Florence Vassy), Serkan Kaya (Anatoly Sergievsky), Claudia Dilay Hauf (Svetlana Sergievsky), Romeo Salazar (Arbiter), Michael Haag (Alexander Molokov), Günter Kiefer (Walther De Courcey), Marie-Helen Joël
Besuchte Aufführung: 13. September 2008 (Premiere)

Vorbemerkung
essen-chess.jpgAnderthalb Jahre nachdem das Abba-Musical Mamma Mia im Essener Colosseum Theater Premiere feierte, wagt sich auch das Opernhaus der Stadt an ein Werk aus der Feder der musikalischen Köpfe der Kultband. Im Gegensatz zu Mamma Mia bedient sich Chess nicht alter Abba-Hits, sondern ist dasjenige Projekt, dem sich die Komponisten nach der Auflösung ihrer Gruppe gemeinsam mit dem Texter Tim Rice widmeten. Anstoß zum behandelten Thema fand dieser im exzentrischen Auftreten des Amerikaners Bobby Fischer gegenüber den sowjetischen Spielern Boris Spasski und Anatoli Karpow während der Schachweltmeisterschaften der Jahre 1972 und 1978.
Kurzinhalt
Und so spielt die Handlung von Chess vor dem Hintergrund der (fiktiven) Schachweltmeisterschaft von 1980 in Meran. Der amerikanische Weltmeister Frederick Trumper wird vom Sowjeten Anatoly Sergievsky herausgefordert. In die Enge gedrängt, verläßt Trumper unter skandalösen Umständen die Spielfläche. Seine Managerin und Lebensgefährtin Florence Vassy erklärt ihm daraufhin, daß sie seine Exzesse nicht länger toleriert. Sie lernt Sergievsky kennen und entdeckt ihre Zuneigung zu ihm. Nach dessen Titelgewinn siedeln sie gemeinsam in die USA über.
Ein Jahr später findet die Schachweltmeisterschaft in Bangkok statt, Trumper ist mittlerweile beim Fernsehen angestellt und Sergievsky muß seinen Titel gegen einen ehemaligen Landsmann verteidigen. Hinter den Kulissen verabreden CIA und KGB, daß Vassys Vater, der in russischer Gefangenschaft darbt, im Gegenzug zum Weltmeistertitel frei gelassen werden soll. Florence begegnet Svetlana, Anatolys Ehefrau, sie stellen fest, daß ihr Geliebter nicht geschaffen ist für eine Beziehung, sondern sein Sport höchste Priorität genießt.
Allen Abmachungen zum Trotz gewinnt Sergievsky das Turnier, erkennt aber gleichzeitig, daß er nur eine Figur auf dem Schachbrett der politisch Mächtigen ist.
Aufführung
Wie in Anatolys Leben ist auch auf der Bühne alles auf Schach eingestellt. Mit übergroßen weißen Quadraten orientiert sich das Bühnenbild von Dirk Becker an der Originalproduktion, ohne diese zu imitieren. Große weiße bewegliche Quader heben sich vom sonst schwarzen Hintergrund ab, durch deren ständiges Verschieben und das abwechslungsreiche Einsetzen der Hebebühnen kommt niemals Stillstand auf – es sei denn, es ist in Inszenierung und Choreographie (James de Groot und Paul Kribbe) so beabsichtigt. Von den Kostümen (Martina Feldmann) sind diejenigen des Chores, der Tänzer und der Statisterie besonders einfallsreich: mal als Schachfiguren verkleidet, mal in Südtiroler Trachten gehüllt, mal traditionell fernöstlich. Eine kongeniale Inszenierung, in der die Akteure ihren Interpretationen ausreichend Raum geben können.
Ausführende
Für die Besetzung der Hauptrollen entschied man sich, das in der letzten Spielzeit so erfolgreiche Gespann Henrik Wager (Frederick Trumper) und Serkan Kaya (Anatoly Sergievsky) für eine weitere Musicalproduktion zu verpflichten. Zu Recht, sind doch beide enorm stimmgewaltig und charismatisch und können eine nahezu leere Bühne allein durch ihr Talent füllen. Ihnen eine geeignete Protagonistin an die Seite zu stellen, ist mit der Wahl, Femke Soetenga zu engagieren überaus gelungen. Ihre Interpretation lässt keine Wünsche offen, das Duett mit Claudia Dilay Hauf (Svetlana Sergievsky), von deren warmer Stimme man eine größere Rolle hätte hören wollen, bleibt im Langzeitgedächtnis.
Heribert Feckler als erfahrener Musicaldirigent hat das United Rock Orchestra fest in der Hand. Dadurch gelingen die häufigen Stilwechsel, Pop-Rock-Nummern kommen ebenso glaubwürdig an wie die klassisch angehauchten Passagen. Diese musikalische Vielschichtigkeit kann der Opernchor, der sonst andere Töne gewohnt ist, brillant umsetzen. Einzig von den Tänzern hätte man etwas mehr Synchronität erhofft, wo doch die Choreographie nicht zu schwierige Schrittfolgen verlangte.
Fazit
Große Begeisterung und lauten Beifall für sämtliche Beteiligten! Der ein oder andere mag vom Stück überrascht gewesen sein, solche Klänge ist man von vermeintlichen Popbarden nicht gewohnt. Doch ist es, gerade in einer so fabelhaften Interpretation, zu Unrecht wenig bekannt und jeden Besuch wert.

Chr. Lauter

Bild: Harald Reusmann

Das Bild zeigt Henrik Wager (Frederick Trumper), Romeo Salazar (Arbiter) und Serkan Kaya (Anatoly Sergievsky).

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