Köln, Oper – ROTTER

von Torsten Rasch, Oper in zwei Akten, Text: Katharina Thalbach und Christoph Schwandt nach Thomas Brasch
Uraufführung: 23. Februar 2008, Köln
Regie: Katharina Thalbach, Bühnenbild: Momme Röhrbein
Dirigent: Hermann Bäumer, Gürzenich-Orchester Köln, Chor der Oper Köln
Hans-Georg Priese (Rotter), Albert Bonnema (Lackner), Regina Richter (Elisabeth), Ulrich Hielscher (Fleischer), Shannon Chad Foley (Hauptmann), Johannes Beck (Vorsitzender), Alexander Fedin (Kunde/Polizist/Maschke), Stefan Kohnke (Rotmaler), Hauke Möller (Grabow/1. Arbeiter), David Pichlmaier (Tetzner/2. Arbeiter), Jong Min Lim (Kutz/dritter Arbeiter), Julia Giebel (Fräulein Berthold), Machiko Obata (Radio)
Besuchte Aufführung: 23. Februar 2008 (Uraufführung)

Kurzinhalt
rotter.jpgDu bist der Gleiche geblieben, der du immer warst. Diese Erkenntnis am Ende des Stücks liest sich wie ein Fazit aus den letzten zwei Stunden Operngeschehen, aber auch aus einem gesamten Menschenleben. Karl Rotter, ein Kind der Weimarer Republik, durchläuft verschiedene Stationen des Zeitgeschehens des 20. Jahrhunderts in Deutschland: Erst ist er Metzgerlehrling, dann im SS-Hemd und schließlich Baustellenleiter in der noch jungen DDR. Daneben bestimmen ihn eine gescheiterte Ehe mit Elisabeth, eine Haßliebe zu seinem Gegenspieler Lackner und die über Jahre hinweg quälende Frage, ob das Kind, das Elisabeth nicht bekommen hat, von ihm oder doch von Lackner war.
Rotter will immer weitermachen, auch, wenn um ihn herum alles schon mit neuen Dingen beschäftigt ist. Er läßt sich benutzen, ohne es zu merken, wird er lästig, schickt man ihn in den Ruhestand. Selbst im Angesicht des Todes will er wieder von neuem anfangen. Er ist der Gleiche geblieben, auch wenn sich um ihn alles verändert hat.
Inszenierung
Ein ständiges Kommen und Gehen beherrscht das Geschehen. Da liegt es nahe, die Haupthandlungsstätte eines Bahnhofs als Bühnenbild dominieren zu lassen. Geschickt lassen sich die Stahlkonstruktionen, die an Stützen einer Bahnhofsüberdachung erinnern, im zweiten Akt zu einer Baustelle neu herrichten, zumal auch hier das Motiv der Eisenbahn in Gestalt einer Werksbahn erneut auftritt.
Die Kostüme sind schlüssig aus dem jeweils dargestellten Zeitabschnitt deutscher Geschichte gewählt, Charlestontänzer sind dadurch genauso legitimiert wie NS-Uniformen und FDJler.
Katharina Thalbachs Regie orientiert sich nah an den Konventionen des Schauspiels, was für eine Oper, die sich politischen Themen widmet, mehr als angebracht ist, um den Handlungsstrang klar, direkt und ohne unnötige Ausschmückungen darzustellen. Daneben frischen innovative Elemente, die durchaus durch den Text begründet sind, wie Samba tanzende Schweine, das Gezeigte auf.
Komposition
Torsten Rasch beweist mit seiner ersten Oper einen originellen Geist. Er weiß mit der menschlichen Stimme umzugehen und traditionelle Opernelemente sinnvoll einzusetzen. Während im Gros der Oper der syllabische Stil überwiegt, dienen z.B. Melismen der Textausdeutung, ein Wort besonders zu betonen, so geschehen beim Erwähnen des Führers, bei dem durch eine aberwitzige Koloratur die Verbundenheit und Bewunderung Rotters für diese Person ausgedrückt wird. Das Instrumentarium ist besonders in den tiefen Lagen und im Schlagwerk erweitert. Die dadurch entstehenden klanglichen Möglichkeiten stimulieren sehr genau das Gefühl (die Affekte): So dient ein Glissando in den Streichern dazu, Rotters Zurückstreichen der Haare, um dem Führer zu ähneln, zu untermalen, Hammerschläge auf der Baustelle werden lautmalerisch im Schlagwerk dargestellt. Nahezu symbolhaft ist der Einsatz der Celesta, die immer dann erklingt, wenn die Alten Kinder als Chor auftreten, vergleichbar mit dem kommentierenden Chor des antiken griechischen Dramas. Aber auch wenn Kinder agieren oder ein Kinderlied angestimmt wird, erklingt das Schlagwerk der Celesta wie eine Spieluhr aus der Ferne.
Insgesamt ist die Komposition freitonal, es treten jedoch auch kurze lyrische Passagen auf, die ein tonales Zentrum aufweisen. Diese Stellen sind gezielt gesetzt und dienen der Textverdeutlichung, z.B. während der Deportation von Juden. Durch diese kurzen tonalen Momente erscheint der Aufbruch ins Freitonale noch krasser und der Zuschauer verliert sich nicht im bloßen Zuhören, sondern wird immer wieder zum genauen Hinhören aufgefordert. Besonders imponierend ist das Orchesterzwischenspiel vor der fünften Szene des ersten Aktes. Hier wird das Kriegstreiben lautmalerisch ausgedeutet. Dazu findet auf der Bühne eine groteske Engführung von Schlacht, Tänzerinnen, spielenden Kindern und Schneegestöber statt, was den beklemmenden Charakter der Musik unterstützt.
Ausführende
Die Besetzungswahl ist weitestgehend überzeugend. Leider gelingt es nicht allen Sängern, insbesondere in den Nebenrollen, über das in Extremlagen spielende Orchester hinweg in den Zuschauerraum vorzudringen.
Beeindruckend ist die Leistung von Hans-Georg Priese in der Rolle des Karl Rotter. Nahezu in jeder Szene muß er stimmlich und schauspielerisch präsent sein. Da er vor drei Jahren vom Baritonfach ins schwere Tenorfach wechselte, beherrscht er auch die verhältnismäßig tiefen Passagen einwandfrei. Regina Richter (Elisabeth) brilliert mit ihrem klaren Mezzosopran und weiß ihn sowohl verführerisch, als auch energisch und verbittert einzusetzen. Einzig die Wahl, die Figur Lackners, dessen Partie überwiegend im Parlandostil geschrieben ist, mit dem aus den Niederlanden stammenden Albert Bonnema zu besetzen, bleibt bisweilen fragwürdig. Gerade in einem Stück, in dem beinahe jedes Wort von politischer Relevanz ist, sollte besonderer Wert darauf gelegt werden, daß, trotz der mitlaufenden Übertitel, das Gesungene durchweg verständlich ist.
Das Gürzenich-Orchester Köln erweist sich unter der Leitung von Hermann Bäumer als überaus fähig, den Ansprüchen einer durchdachten Komposition gerecht zu werden. Der Chor der Oper Köln kann insbesondere in den sphärisch anmutenden Passagen durch einen äußerst homogenen Klang überzeugen.
Fazit
Man muß schon eine gewisse Neigung zu Neuer Musik haben, um von Rotter begeistert zu werden. Doch auch dann wird einem die Aufführung nicht gefallen, wenn man nur in die Oper geht, um (frei nach Brecht) romantisch zu glotzen. Was einen erwartet, ist durchaus schwere Kost, die zu probieren, es sich allerdings sehr lohnt.
Christine Lauter                                                                        Bild: Klaus Lefebvre
Das Bild zeigt Lackner (Albert Bonnema) und Chor der Oper Köln.

Veröffentlicht unter Köln, Bühnen der Stadt

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