von Richard Strauss (1864–1949), Komödie für Musik in drei Aufzügen, Libretto von Hugo von Hofmannsthal, UA: 26. Januar 1911, Semperoper, Dresden
Regie: Marie-Ève Signeyrole, Bühnenbild: Fabien Teigné, Kostüme: Yashi, Licht: Sascha Zauner, Videodesine: Céline Baril, Dramaturgie: Sandra Pocceschi
Dirigent: Andrés Orozco-Estrada, Gürzenich-Orchester Köln, Chor Gürzenich Köln, Leitung: Rustam Samedov
Solisten: Magdalena Hinterdobler (Feldmarschallin), Patrick Zielke (Baron Ochs auf Lerchenau), Bianca Andrew (Octavian), Christian Miedl (Herr von Faninal), Giulia Montanari (Sophie), Claudia Rohrbach (Jungfer Marianne), Valzacchi (Martin Koch), Annina (KS Dalia Schaechter), Lucas Singer (ein Polizeikommissar), Young Woo Kim (ein Sänger), u.v.a.Besuchte Aufführung: 27. September 2026 (Eröffnungspremiere des wiedereröffneten Kölner Opernhauses)
Im Mittelpunkt der Handlung steht die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, die eine heimliche Liebesbeziehung mit dem deutlich jüngeren Octavian hat. Octavian ist ein junger Mann, der sich teilweise als Frau verkleidet und dadurch für einige komische Situationen sorgt.
Eines Tages erscheint Baron Ochs bei der Feldmarschallin. Er möchte die junge Sophie von Faninal heiraten. Nach einer alten Tradition soll ein sogenannter Rosenkavalier der Braut eine silberne Rose überreichen und damit den Heiratsantrag symbolisch bestätigen. Die Feldmarschallin schlägt dafür Octavian vor.
Als Octavian Sophie die silberne Rose überreicht, verlieben sich die beiden auf den ersten Blick ineinander. Octavian erkennt dabei, dass seine Gefühle für Sophie stärker sind als seine bisherige Liebe zur Feldmarschallin. Auch Sophie erwidert seine Gefühle. Dadurch entsteht ein Konflikt, denn Sophie soll eigentlich Baron Ochs heiraten.
Octavian und Sophie versuchen gemeinsam, die geplante Hochzeit zu verhindern. Dabei wird Baron Ochs schließlich bloßgestellt und gibt seine Heiratspläne auf. Währenddessen erkennt die Feldmarschallin, dass sie Octavian verlieren wird. Obwohl sie ihn liebt und unter der Situation leidet, akzeptiert sie seine Entscheidung und lässt ihn gehen.
Am Ende ermöglicht die Feldmarschallin Octavian und Sophie, zusammen zu sein. Sie erkennt, dass ihre Beziehung zu Octavian nicht von Dauer sein kann und dass sie den Lauf der Zeit akzeptieren muss. Octavian und Sophie finden schließlich zueinander, während sich die Feldmarschallin mit großer Würde von ihrer vergangenen Liebe verabschiedet.
Aufführung
Die Aufführung des „Rosenkavalier“ überrascht bereits im ersten Aufzug mit einem ungewöhnlichen Bühnenkonzept. Statt das Geschehen in einem historisch eingerichteten Schlafzimmer mit Rokoko-Möbeln zu zeigen, wird das Publikum in eine laufende Filmproduktion versetzt. Auf der Bühne befinden sich neben den Chormitgliedern auch Mitglieder eines Filmteams. Kameras und andere Aufnahmegeräte sind sichtbar und werden nicht hinter den Kulissen verborgen (Brecht-Effekt). Dadurch entsteht von Beginn an der Eindruck, dass die Handlung gleichzeitig aufgeführt und für einen Film produziert wird. Während der gesamten Aufführung läuft ein Video auf der hinteren Bühnenwand. Besonders auffällig ist die Filmklappe, die von einem Assistenten bedient wird. Dabei wirkt die Filmproduktion bewusst nicht vollkommen reibungslos: Die Klappe wird mehrfach in die falsche Richtung gehalten oder am Ende einer Szene zu spät beziehungsweise falsch geschlagen. Die Marschallin befindet sich gemeinsam mit Octavian im vorderen Bühnenbereich, während sich gleichzeitig Mitglieder des Filmteams um sie herum bewegen. Eine zentrale Funktion hat dabei der Regiestuhl, auf dem die Marschallin als Filmregisseurin sitzt und von dem aus sie das Geschehen kontrolliert. Auch beim Übergang zum zweiten Aufzug wird die Filmwelt nicht aufgegeben. Die Bühne wird vollständig umgebaut, diesmal im Stil einer Oscar-Preisverleihung.
Ein wichtiges sichtbares Requisit des zweiten Aufzugs ist die silberne Rose. Ihre Übergabe an Sophie wird unmittelbar auf der Bühne der Preisverleihung dargestellt.
Im dritten Aufzug wird schließlich eine Wirtshaussituation geschaffen. Die Wirtshausszene erscheint gleichzeitig als Handlung und als inszenierter Dreh. Hinzu kommt das ungewöhnliche Auftreten des Ochs, der mehrfach weitgehend beziehungsweise vollständig unbekleidet auf der Bühne erscheint. Der menschliche Körper wird damit selbst zu einem auffälligen visuellen Element der Inszenierung. Im Schluss verschiebt sich der Blick schließlich auf Octavian und Sophie. Nach dem Terzett bleiben die beiden jungen Figuren auf der Bühne und beginnen, sich sehr langsam auszuziehen.
Die Produktion überzeugt insbesondere durch ein Ensemble, dessen darstellerische Präsenz den durchweg überzeugenden musikalischen Leistungen ebenbürtig ist. Magdalena Hinterdobler (Feldmarschallin) gestaltet ihre Rolle mit einer ebenso distinguierten wie natürlichen Körpersprache und beeindruckt mit ihrer volltönenden Stimme sowie einer mustergültigen Artikulation. Auch bei Patrick Zielke (Baron Ochs auf Lerchenau) ist die Textverständlichkeit hervorragend. Als Darsteller gelingt ihm eine besonders prägnante und unterhaltsame Charakterisierung des Ochs: Seine ständige Selbstüberschätzung macht ihn zu einer komischen Figur, ohne dass er dabei trotz seiner unbeholfenen und bisweilen lauten Art an Sympathie verliert. Eine besonders anspruchsvolle darstellerische Aufgabe bewältigt Bianca Andrew (Octavian), die die eigentliche Hauptfigur verkörpert. Die zahlreichen Facetten und Verwandlungen des Octavian – vom nachdenklichen und leidenschaftlichen jugendlichen Liebhaber bis zur naiven Kammerzofe (als Mariandl) und wieder zurück – gestaltet sie mit großer Sicherheit und überzeugender Bühnenpräsenz. Ihr warmer, raumfüllender Mezzo trägt diese wechselnden Charaktere wirkungsvoll. Lediglich die Aussprache könnte stellenweise noch etwas prägnanter sein, was insbesondere im ersten Akt auffällt. Christian Miedl (Herr von Faninal) verfügt über das nötige stimmliche Format für seine Partie und zeichnet deren eher eindimensionalen Charakter mit bewusst kantigem Spiel. Viel Zuspruch beim Publikum erhielt Giulia Montanari (Sophie), die mit ihrer Fähigkeit zu seidenweichen, leisen Tönen in der höchsten Lage bezaubert. In den Duetten und im Terzett des zweiten und dritten Aktes fügt sich ihre Stimme ausgesprochen harmonisch ein. Auch in den kleineren Partien gibt es bemerkenswerte Leistungen. Lucas Singer (ein Polizeikommissar) verleiht seiner Figur einen gemütlichen, sympathischen Charakter, während Young Woo Kim (ein Sänger) seinen kurzen, beim Publikum traditionell beliebten Auftritt als italienischer Tenor mit glänzendem vokalem Format ausfüllt. Dass Sänger und Orchester an diesem Abend so präzise und selbstverständlich zusammenfinden, ist nicht zuletzt Andrés Orozco-Estrada und dem Gürzenich-Orchester Köln zu verdanken. Orozco-Estrada verleiht der Interpretation eine eigene Handschrift: Dieser Rosenkavalier erschöpft sich keineswegs in einem bloßen Fluss angenehmer Klänge, sondern besitzt immer wieder explosive, rhythmisch pointierte und unmittelbar packende Momente.
Fazit
Unterm Strich gelingt der Oper Köln mit dem Rosenkavalier ein durchaus achtbarer, wenn auch nicht rundum überzeugender Wiedereinstand am Offenbachplatz. Musikalisch trägt vor allem das Gürzenich-Orchester den Abend mit großer Klangfülle und Strauss’schem Farbenreichtum. Auch das Ensemble findet immer wieder zu starken und berührenden Momenten.
Die Inszenierung von Marie-Ève Signeyrole setzt eigene Akzente und sucht einen heutigen Blick auf das Stück, bleibt dabei allerdings nicht immer so zwingend, wie man es sich wünschen könnte. Manches wirkt zugespitzt, manches verliert etwas von der Leichtigkeit und dem feinen Wiener Humor, die den Rosenkavalier auszeichnen.
Trotz dieser Einwände ist der Abend vor allem eines: ein wichtiger und atmosphärisch eindrucksvoller Neubeginn. Nach vierzehn Jahren im Ausweichquartier kehrt die Oper Köln endlich in ihr Stammhaus zurück – und allein die Tatsache, dass hier wieder Oper am Offenbachplatz stattfindet, ist von großer Bedeutung.
Der Rosenkavalier ist damit ein Eröffnungsfeuerwerk mit Licht und Schatten, aber durchaus einer, der Lust auf die kommende Kölner Opernsaison macht.
Bilder: 1. Young Woo Kim, Magdalena Hinterdobler, Patrick Zielke, Lucas Singer, Bianca Andrew, Statisterie der Oper Köln, Foto: Matthias Jung
- Blick von der Bühne in den Zuschauerraum, Foto: Jann Höfer

