Mittwoch aus Licht – Deutsche Oper Berlin

von Karlheinz Stockhausen (1928–2007), Oper in einem Gruß, vier Szenen und Abschied, Libretto, Aktionen und Gesten vom Komponisten, UA: 2012 Birmingham

Regie: Susanne Kennedy, Bühnenbild: Markus Selg, Kostüme: Andrea Dumitrascu, Licht: Marcel Weber/MFO, Video: Warja Rybakova und Markus Selg, Dramaturgie: Beate Breidenbach

Musikalische Leitung: Maxime Pascal, Ensemble Le Balcon, Klangregie: Florent Derex, Computermusikdesigner: Augustin Muller, Streichquartett und Chor der Deutschen Oper Berlin, Chordirigent: Jeremy Bines

Besuchte Aufführung: 19. September 2026 (deutsche Erstaufführung)

Kurzinhalt

Diese Oper hat im herkömmlichen Sinne keine eigentliche Handlung. Stattdessen dominieren Rituale in der ersten und vierten Szene – die Sitzung des Weltparlamentes und die Wahl eines neuen Präsidenten darstellend – und auch die dritte mit dem Titel Orchester-Finalisten, in der elf Solisten auf ihren Instrumenten nacheinander brillieren. Die dritte Szene, die unter den Kompositionen der Nachkriegsavantgarde einen schon legendären Ruf hat, ist das Hubschrauber-Streichquartett. Wenige Tage vor der Premiere war es auf einem Flugplatz bei Berlin aufgeführt und aufgezeichnet worden. Während Stockhausens Einführung zu dem Stück aus den Lautsprechern zu hören ist, steigen die vier Mitglieder des Streichquartetts der Deutschen Oper in ihren jeweiligen Hubschrauber ein. Wie in der Rede erklärt, wird ihr Spiel während des Fluges mit Hilfe eines Click-Tracks synchronisiert. Nicht nur das Tremolo der Streicher, sondern auch das Knattern der Rotorblätter sind ein Teil der Komposition. Auch wenn die gesamte dritte Szene nicht live aufgeführt wurde, sondern das Publikum Video- und Tonaufnahmen des 25-minütigen Hubschrauberflugs verfolgte, rief diese dritte Szene bei der Premiere die euphorischsten Reaktionen hervor.

In der vorausgehenden zweiten Szene, die rein instrumental ist, wird oktophone – also über acht Audiokanäle abgespielte – elektronische Musik aus den Lautsprechern mit elf Instrumentalsoli kombiniert. Die Instrumentalisten haben laut den Vorgaben des Komponisten dabei über der Szene zu schweben, während in den unterschiedlichen Abschnitten Tiere, Fahrzeuge und Gebäude auf der Bühne zu sehen sind. Die Video-Projektionen der Aufführung folgten diesen Vorgaben, die Solisten spielten und agierten jedoch mit beiden Füßen auf der Erde. Die letzte Szene handelt von der Wahl eines neuen Weltparlaments-Präsidenten, als welcher sich das Luzikamel mit einem Tanz qualifiziert. Es übersetzt Kurzwellensignale und mit einem Sextett klingt die Szene aus.

Aufführung

Im Foyer empfangen und entlassen die Zuschauer die elektronischen Klänge der Gruß- und Abschiedsmusik. Sie sind auch im Saal zu hören, bevor die erste Szene beginnt. In dieser Szene, die die Zusammenkunft des Welt-Parlamentes darstellt, und in der letzten, dem Michaelion, kommt dem Chor eine tragende Rolle zu. Die Choristen sind identisch gekleidet und führen die von Stockhausen vorgeschriebenen Gesten und Handstellungen aus. Nicht selten hat jeder der Choristen eine individuelle Stimme auch singen, wodurch ein dichtes klangliches Geflecht entsteht. Neben Tönen sind auch Laute und isolierte Silben zu singen, sprechen, rufen oder flüstern. Neben den Sängern gibt es noch sechs Performer, die tänzerische und dramatische Gebärden zeigen. Die Bühne bleibt während der gesamten Aufführung offen und das Bühnenbild gleich. Es zeigt eine stilisierte Wüstenlandschaft mit einer mächtigen eckigen Skulptur in der Mitte. Große Bedeutung kommt den Videoprojektionen im Hintergrund zu, die Computeranimationen von Landschaften, Tieren, Geräten und phantastischen Architekturen zeigen. Insgesamt werden die heterogenen Teile der Oper durch das im wesentlichen unveränderte Szenenbild in einen visuellen Zusammenhang gebracht. Etliche der gelinde gesagt visionären Ideen Stockhausens zur Umsetzung auf der Bühne werden lediglich angedeutet oder ganz ignoriert. Das Geschehen bleibt insgesamt eher statisch.

Sänger und Instrumentalisten

Angesichts des Fehlens eines Orchesters und längerer Gesangssoli – die Koloratursopranpartie der Ersatz-Präsidentin, die von Rachel Pinevska gesungen wurde, ausgenommen – und der hyperkomplexen Partitur ist eine Beurteilung der musikalischen Leistungen nach konventionellen Maßstäben nur schwer möglich. Alle Musiker, ob Sänger oder Instrumentalisten, müssen auch darstellerisch in Erscheinung treten. D.h. sie haben sowohl bestimmte Bewegungen wie Rotationen, Schritte oder Handzeichen auszuführen. Im Falle der elf Orchester-Finalisten in der zweiten Szene werden sowohl instrumentales Spiel als auch Rufe, Gesang oder Sprachfetzen von den Musikern verlangt, mit deren Hilfe sie Charaktere schaffen, etwa den ruppig spielenden und vokalisierenden Kontrabassisten, der eine humoristische Note in die Abfolge der Soli einbringt.

Auf all die Details und Feinheiten der Musik, samt ihrer gestischen Momente und ungewöhnlichen Spiel- und Gesangsweisen einzugehen, ist schlicht unmöglich. Von ihrer Gesamtwirkung her kann man die Klänge, die die Sänger, Instrumentalisten und Klangregie erzeugen, als eher ruhig und erhaben bezeichnen. Wie dem Bühnenbild eignet auch ihnen zumindest in erster und letzter Szene eine gewisse Statik und sie entfalten damit eine meditative Wirkung. Was bei dieser Musik vielleicht am ungewöhnlichsten ist, ist die Nutzung des Raumes als ein entscheidender musikalischer Parameter. Vor allem die elektronische Musik und Alltagsgeräusche – Insektenbrummen, Vogelgeschrei und das Knattern der Rotoren etwa –, die aus mehreren Lautsprecherkanälen ertönen und mit den akustischen Klängen kombiniert werden, wandern dank der im Zuschauerraum verteilten Lautsprecher eindrucksvoll durch den Saal. Es gibt also zu jedem Zeitpunkt eine schier unerschöpfliche Fülle an musikalischen Informationen, in die man sich als Zuhörer vertiefen kann.

Fazit

Wie deutlich geworden sein dürfte, erwartet den Besucher von Stockhausens Mittwoch eine in allen Belangen ungewöhnliche Produktion. Wenn man auch keine zusammenhängende Erzählung präsentiert bekommt oder einen roten Faden, der alle Teile durchzieht, vermissen dürfte, wird man dennoch von der Perfektion der Darbietung dieser die Grenzen der Konventionen in alle Richtungen überschreitenden Musik fasziniert sein. Die szenische Umsetzung der nicht selten rätselhaften Handlungen ist unvoreingenommen, ja, vielleicht sogar ein wenig naiv. Sie versucht nicht, das Geschehen zu deuten, zu kommentieren oder gar zu hinterfragen. Man wohnt folglich einem langen Ritual bei, dessen Ablauf wie auch derjenige der Musik nicht vorhersehbar ist. Sofern man dafür bereit ist, eröffnen sich Möglichkeiten für musikalisch-klangliche Erlebnisse, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen – oder das laut dem Komponisten zumindest vorgeben. Allein das Hubschrauber-Streichquartett, ein in jeder Hinsicht singuläres Ereignis in der Musikgeschichte, lohnt einen Besuch der wenigen Aufführungen. Das Publikum im ausverkauften Haus war am Abend der Erstaufführung von den musikalischen Leistungen angetan, die szenische Umsetzung gefiel jedoch nicht allen.

Dr. Martin Knust

Bild: Julian Roeder

Veröffentlicht unter Opern