Salzburger Festspiele 2012

CARMEN von George Bizet

Regie: Aletta Collins, Bühne: Miriam Buether

Dirigent: Sir Simon Rattle, Wiener Philharmoniker, Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Salzburger Festspiele Kinderchor, Einstudierung: Ernst Raffelsberger & Wolfgang Götz

Solisten: Jonas Kaufmann (Don José), Kostas Smoriginas (Escamillo), Magdalena Kožená Carmen), Genia Kühmeier (Micaëla), Christina Landshamer (Frasquita), Rachel Frenkel (Mercédès), Christian van Hoorn (Zuniga), Andre Schuen (Moralès), u.a.

Besuchte Aufführung: 14. August 2012 (Premiere)

LA BOHEME von Giacomo Puccini

Regie: Damiano Michieletto, Bühne: Paolo Fantin

Dirigent: Daniele Gatti, Wiener Philharmoniker, Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Salzburger Festspiele-Kinderchor, Einstudierung: Ernst Raffelsberger & Wolfgang Götz

Solisten: Anna Netrebko (Mimì), Piotr Beczala (Rodolfo), Nino Machaidze (Musetta), Massimo Cavalletti (Marcello), Alessio Arduini (Schaunard), Carlo Colombara (Colline), Davide Fersini (Benoît), Peter Kalman (Alcindoro) u.a.

Besuchte Aufführung: 15. August 2012


Vorbemerkung

Salzburg im Sommer ist eine pulsierende Stadt voller Leben. Die barocke Altstadt zieht Touristen an und Mozart ist ein Touristenmagnet. Viele Spielstädten gibt es: das Festspielhaus, die Felsenreitschule, das Haus für Mozart, das Mozarteum und der Domplatz für den Jedermann. Ein großes gastronomisches Angebot ist in einer Großstadt natürlich selbstverständlich, die österreichische Küche traditionell sehr gut: Hier wird jeder irgendwo glücklich und satt. Parkplätze gibt es in unmittelbarer Nähe zum Festspielhaus in den Parkgaragen, das Tagesticket ist schon ab 10 Euro zu haben.

Aufführung

Damiano Michieletto versucht wieder einmal eine Aktualisierung der Bohème indem er die Handlung aus dem 19. Jahrhundert ins Hier und Jetzt verlegt. Aus den intellektuellen Bohémiens – man denke hier z.B. an Jean Gabin als Clochard in dem Film Im Kittchen ist kein Zimmer frei – wurden technikverliebte Nerds (Langweiler), die sich für wenig Geld ausbeuten lassen. Die Handlung spielt vor einem großen Fensterkreuz, das sich öffnet und auf einem überdimensionalen Stadtplan das Pariser Stadtviertel Latin hereinläßt. Die Café-Momus-Gäste sitzen auf übergroßen Häusern, während sich die Kinder in einen Kaufrausch steigern. Parpignol ist eine verkaufsfördernde Maßnahme, der als Superheld an einem Seil über die Bühne schwebt. Das dritte Bild spielt vor einer Imbißbude an einer verschneiten Pariser Ausfallstraße. Morgens treffen sich die Straßenkehrer auf einen Kaffee, während Marcello offensichtlich ein Parkhaus beschmiert. Gescheiterten Nerds gibt man keine Chance, die Polizei räumt deren Wohnung, so daß der Tod Mimìs auf der anderen Seite des Fensters auf einem Haufen Gerümpel stattfindet.

Sänger und Orchester

Carmen

Gleich das erste Duett Parle-moi de ma mère markiert schon den wahren Höhepunkt der Oper, denn Genia Kühmeier (Micaëla) hat eine warme, feste und einfühlsame Stimme. Sie füllt damit mühelos das große Haus. Die Stimme Jonas Kaufmann (José) wirkt ausgeruht, das Piano klingt strahlender, die Höhe ist unerschöpflich. Hier wird überdeutlich, daß er kein Wagner-Tenor ist und eher im Mozart bzw. italienischen Fach zu Hause ist. Magdalena Kožená (Carmen) kann hingegen nur eingangs der Habanera, überzeugen. Sie trifft hier den Chanson-Ton, die Stimme klingt samtig und zumindest in etwa erotisch. Aber bereits gegen Ende der Habanera stößt sie sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe an ihre Grenzen,. Für die Rolle der abgründigen Carmen reichen die Ausdruckskraft der Stimme und die Gestaltung der Rolle nicht aus. Probleme haben auch die Nebenrollen. Kostas Smoriginas verliert mitten im Auftritts-Lied des Torero Toréador en garde seine Stimme und wird nach der Pause durch Massimo Cavalletti, (siehe Marcello in La Boheme) ersetzt. Auch hier forciert dieser viel zu stark, trifft aber immerhin die richtigen Töne dieser schwierigen Partie.

La Bohème

Daniele Gatti leitet die Wiener Philharmoniker mit wenig Schönklang, es klingt anfangs hart und wenig mitfühlend. Das paßt zur Inszenierung: Die Zeit der Romantik ist vorbei. Hervorragend präpariert sind die beiden Chöre, neben der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor besonders der präzise, glockenklare Festspiel-Kinderchor, der das zweite Bild zu einem aufwühlenden Erlebnis macht. Und siehe da: Auch der Orchesterklang wird weicher und schwelgerischer.

Das färbt auch auf Piotr Beczala ab. Der hochgelobte Sänger wirkt zunächst stimmlich sehr nervös, bei seinen Phrasen unsicher und die Spitzentöne wackelig. Spätestens im vierten Bild ist er jedoch als mitfühlender Rudolfo die mitreißende Spitzenkraft. Anna Netrebko hat die Mimì schon so oft gesungen, sie hat sich stimmlich weiterentwickelt, hat nun viel mehr Volumen, eine Vielzahl von Farben, kann ihre Koloraturen und auch ihre Spitzentöne – die auch im pianissimo tragen – präzise und einfühlsam gestalten. Entdeckung des Abends ist Nino Machaidze, die mit herber, aber durchschlagsstarker Stimme der Musetta aggressive Wirkung verleiht. Durchwachsen die übrigen Leistungen. Carlo Colombara singt den Colline samtweich, kann aber mit der Mantel-Arie punkten. Massimo Cavalletti (Marcello) forciert häufig unschön und guttural.

Fazit

Salzburg im ersten Jahr unter Alexander Pereira. Das sogenannte Regietheater erntet Kritik: Sowohl mit La Bohème, als auch mit Carmen ist das Publikum nicht zufrieden.

Oliver Hohlbach

Bild oben (Carmen): Luigi Caputo

Das Bild zeigt: Magdalena Kozena (Carmen)

Bild unten (La Bohème): Silvia Lelli

Das Bild zeigt: Piotr Beczala (Rodolfo), Anna Netrebko (Mimi)

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