Silla – Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2022

von Carl Heinrich Graun (1703-1759), Dramma per musica in 3 Akten, Libretto von Friedrich II., geschrieben in französischer Sprache, in italienische Verse übertragen von Giovanni Pietro Tagliazucchi, aufgeführt in italienischer Sprache nach der Praktischen Urtext-Ausgabe von Roland Steinfeld, UA: Berlin, königliches Opernhaus, 27. März 1753

Regie: Georg Quander, Bühne und Kostüme: Julia Dietrich, Coro Maghini (Einstudierung: Claudio Chiavazza)

Dirigent: Alessandro De Marchi, Innsbrucker Festwochenorchester

Solisten: Bejun Mehta (Silla, Diktator), Valer Sabadus (Metello, Ratsherr), Hagen Matzeit (Lentulo,Ratsherr), Samuel Mariño (Postumio, Ratsherr), Eleonora Bellocci (Ottavia, versprochene Braut des Postumio), Roberta Invernizzi (Fulvia, Mutter der Ottavia), Mert Süngü (Crisogono, Freigelassener)

Besuchte Aufführung: 9. August 2022 (Tiroler Landestheater, Großes Haus)

Vorbemerkung

Innsbruck, die drittgrößte Stadt Österreichs, ist Einstiegspunkt zum Brenner an der Inntalautobahn, die Tiroler Küche ist überall empfehlenswert und bezahlbar. Seit 2010 ist Alessandro De Marchi Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, von 1997 bis 2009 war René Jacobs der Leiter. Ab 2023 wird die bisherige Betriebsdirektorin Eva-Maria Sens die Nachfolge antreten. Die musikalische Leitung wird jedes Jahr wechseln. Das betrifft auch die Jurorentätigkeit für den Internationalen Cesti-Gesangswettbewerb für Barockoper. Dieser Wettbewerb fördert den dringend benötigten Nachwuchs an Barockstimmen – schon um den Eigenbedarf decken zu können: Einer der Preise ist ein Auftritt im nächsten Jahr in Innsbruck.

Normalerweise finden die Opernproduktionen im Landestheater statt – ein historisierender Prachtbau direkt gegenüber der Hofburg. Viele Vorstellungen finden im benachbarten „Haus der Musik“ statt. In diesem Kultur-Komplex sind die beiden Säle der große Wurf. Im „Großen Saal“, einem holzvertäfelten Schuh-Karton, ist die Akustik ein großer Wurf. Das Orchesterpodium kann entfernt werden, um eine eingeschränkte Spielfläche zu schaffen, die fast ohne Bühnentechnik, dafür aber mit Beleuchtung, die Anforderungen zumindest erfüllen mag. Das große gläserne Panoramafenster kann mit Kulissen verdeckt werden, so sieht man die großen Buchen davor nicht mehr. Der „Kammermusiksaal“ ist ähnlich aufgebaut, ist aber etwas kleiner. Für die Pausen ist eine Gastronomie im Gebäude. Das Restaurant „Das Brahms“ orientiert sich nicht immer an den Spielzeiten, die Küche ist aber ausgezeichnet. Ein Zeichen von Normalität: Tu felix Austria…..

Kurzinhalt

Der römische Diktator Sulla (hier Silla genannt) ist zum Dank für die Beendigung des römischen Bürgerkrieges zum Diktator auf Lebenszeit mit unbeschränkter Macht ernannt worden. Als Anerkennung soll er einen Triumphzug erhalten – und Ottavia als Gattin. Diese ist jedoch dem Postumio versprochen, der von dem Diktator mit gezücktem Dolch ihre Herausgabe fordert. Er wird verhaftet und mit dem Tode bedroht. Der Diktator Sulla erkennt den Mißbrauch seiner Macht und da das römische Imperium nach innen und außen befriedet ist, legt er die Macht wieder in die Hände des römischen Senats.

Aufführung, Sänger und Orchester

Das Regie-Team um Georg Quander verzichtet auf eine offene Modernisierung des Stückes und beläßt es in seiner Zeit, ohne dabei einen historisierenden Ansatz zu wählen. So wirken die opulenten Kostüme, für die Julia Dietrich verantwortlich zeichnet, einerseits nicht wirklich antik, andererseits aber auch nicht barock, sondern stellen einen heutigen modischen Blick auf die Antike dar.

Ähnliches gilt für die Bühnenbilder. Das Haus der Fulvia und Ottavia mutet mit seinen farbigen Wänden wie eine römische Villa an, samt klassischer Marmor-Statue in zentraler Position. Der Palast des Sulla erinnert mit dem detaillierten Bühnenprospekt eher an barocke Moden. Zwei geschwungene Treppen, die einen Thron einrahmen, fangen in der Marmor-Optik mit den dahinter auf einem weiteren großartigen Prospekt abgebildeten antiken Überresten, einen Hauch vom Forum Romanum ein. Nur der Chor, der das Volk verkörpert, scheint aus einer modernen Zeit zu stammen und bewegt sich wie eine Art Museumsbesucher durch die Bühnenbilder. Im dritten Akt steht dann eine riesige Büste des Diktators auf der Bühne. Bei ihr sucht Silla in seinem großen Monolog des dritten Aktes gewissermaßen Rat, wie er sich jetzt verhalten soll, und behängt sie mit seinem roten Umhang, wenn er die Entscheidung getroffen hat, die Macht abzugeben. Ottavia ist es schließlich, die sich diesen Umhang nimmt. Gemeinsam mit Postumio leitet sie so gewissermaßen eine neue Zeit ein. Crisogono wirkt mit seinen langen weißen Haaren wie eine Art böser Zauberer, der Sillas Sinne verwirrt und damit der eigentliche Bösewicht der Oper ist.

Für diese eindrucksvolle Musik ist in Innsbruck ein herausragendes Ensemble zusammengestellt worden. Allein vier Countertenöre stellen unter Beweis, wie vielfältig die Schattierungen in diesem Genre mittlerweile sind. Da ist zunächst Bejun Mehta in der Titelpartie zu nennen, der zwischen sehr weichen hohen Tönen und einer dramatischen Schärfe zu chargieren weiß. So zeichnet er den Diktator in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Man nimmt ihm den verliebten Mann genauso ab wie den gnadenlosen Tyrannen, der um jeden Preis seine Wünsche durchsetzen will. Großartig interpretiert er den Monolog im dritten Akt Ah Metello ha ragion – Ach Metello hat recht, wenn er vor dem bevorstehenden Triumph auf dem Forum eine Entscheidung treffen muß. Valer Sabadus verfügt als Metello über höchste Töne (man könnte ihn auch als Sopranisten bezeichnen) und begeistert mit halsbrecherischen Koloraturen in großer Beweglichkeit. Ihm nimmt man den treuen Gefolgsmann wunderbar ab. Hagen Matzeit gestaltet den erfahrenen Lentulo als altgedienten Countertenor mit einer butterweich leuchtenden Mittellage, der über eine gewisse Weisheit verfügt. Samuel Mariño glänzt als jugendlicher Liebhaber Postumio mit nahezu engelsgleichen Höhen, die eine schier unglaubliche Klarheit besitzen, aber auch den ungestümen Charakter der Figur unterstreichen.

Doch auch die übrigen Partien können problemlos mit diesem hohen Niveau mithalten. Eleonora Bellocci begeistert als kämpferische Ottavia mit flexiblen Koloraturen und enormer Strahlkraft in den Höhen. Im Zusammenspiel mit Mariño zeigt ihr jugendlicher lyrischer Koloratursopran eine Innigkeit, die die Liebe zwischen diesen beiden Figuren spürbar macht, während sie Silla gegenüber sehr widerspenstige Töne anschlägt und sich von seiner Macht nicht einschüchtern läßt. Ein weiterer Höhepunkt ist ihre große Arie Parmi…ah no!…purtroppo oh Dio! – Es scheint…ach nein…oh Gott!, in der Ottavia eine Vision des sterbenden Postumio hat. Während das Bühnenbild in rotes Licht getaucht wird, punktet Bellocci mit dramatischer Interpretation. Roberta Invernizzi legt die Partie ihrer Mutter Fulvia recht taktierend an. Fulvia hat durch den Verlust ihres Gatten am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es bedeutet, sich Silla zu widersetzen. Mit beweglichem Sopran versucht sie, ständig zwischen dem Diktator und ihrer Tochter zu vermitteln. Mert Süngü gestaltet den Bösewicht Crisogono mit diabolischem Spiel und kraftvollem Tenor, der in den tenoralen Höhen von der schönen baritonalen Mittellage manchmal nur gepreßt ankommt.

Leicht gesagt – leicht gemacht dank der befeuernden Leitung von Alessandro de Marchi und seines freudvoll farbigen spannungsgeladenen Festwochenorchesters. So kann sich das Innsbrucker Festival über einen weiteren Ausgrabungshit freuen.

Fazit

Vier Stunden Barock-Oper können opulent und bildgewaltig sein. Vielleicht auch etwas zu statisch. Die Inszenierung und die musikalische Umsetzung – eigentlich ein Gipfeltreffen von vier herausragenden Countertenören – erlauben keinerlei Anlaß zur Kritik, sondern wecken den Wunsch, mehr von diesem heute weithin unbekannten Komponisten zu hören, schon die Hofkomponisten um Friedrich den Großen verdienen mehr Beachtung. Zwei weitere Vorstellungen dieser Produktion finden am 7. und 9. April 2023 bei dem Kooperationspartner Osterfestspiele Schloß Rheinsberg statt. Dort lebte Friedrich bis zu seiner Thronbesteigung. Das von ihm verfaßte Libretto weist auf die interessante Parallele zwischen Lucius Cornelius Sulla und seinem Verständnis seiner eigenen Rolle als „erster Diener des Staates“ hin: In Krisenzeiten ist alles erlaubt, sobald man jedoch seine Vorteile dem Gesamtwohl vorzieht, muß man zurückstehen. Das erfreute Publikum in Innsbruck dankt der beeindruckenden Produktion lange und lautstark.

Oliver Hohlbach

Bild: Birgit Gufler

Das Bild zeigt: Bejun Mehta (Silla),  Eleonora Bellocci (Ottavia)

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