Bielefeld, Stadttheater – Falstaff

von Giuseppe Verdi (1813-1901); Commedia lirica in drei Akten, Libretto: Arrigo Boito nach William Shakespeare
UA: 9.2.1893 Teatro alla Scala, Mailand
Regie: Nicholas Broadhurst, Bühne und Kostüme: Timo Dentler und Okarina Peter, Dramaturgie: Uwe Sommer
Dirigent: Peter Kuhn, Bielefelder Philharmoniker, Bielefelder Opernchor, Choreinstudierung: Hagen Enke
Solisten: Brian Bannatyne-Scott (Falstaff), Melanie Kreuter (Alice Ford), Marie-Helen Joël (Meg Page), Rebecca Raffell (Mrs. Quickly), Cornelie Isenbürger (Nannetta), Alexander Marco-Buhrmester (Ford), Eric Laporte (Fenton), Lassi Partanen (Dr. Cajus), Vladimir Lortkipanidze (Bardolfo), Torben Jürgens (Pistola), Statisterie des Stadttheaters Bielefeld
Besuchte Aufführung: 4. Oktober 2009 (Premiere). Italienische Sprache mit deutschen Übertexten

Kurzinhalt
bielefeld-falstaff.jpgFalstaff braucht Geld und hat Lust auf ein Abenteuer. Er schmeichelt sich mit zwei fingierten Liebesbriefen bei den vermögenden Bürgersfrauen Alice Ford und Meg Page ein. Die beiden durchschauen jedoch die List und beschließen, dem alten Charmeur einen Denkzettel zu verpassen und bei dieser Gelegenheit auch dem rasend eifersüchtigen Mr. Ford eins auszuwischen. Nannetta, die Tochter der Fords, genießt das Liebesglück mit Fenton und erreicht es schließlich, ihn gegen den Willen des Vaters zu ehelichen.
Aufführung
Regisseur Nicholas Broadhurst wählt in seiner Inszenierung eine Umgebung, die passend zum Sujet die Situation widerspiegelt, in der Falstaff sich befindet: verfallender Wohlstand. Bordeauxrote Wände und große Gemälde in goldenen Rahmen umschließen von drei Seiten die Bühne. Auf der hinteren Bühnenhälfte steht ein schief im Boden versunkener Imbißstand, davor weiße Gartenmöbel aus Kunststoff. Falstaff sitzt auf einem Kunststoffstuhl am Tisch und trinkt. Gekleidet ist der langhaarige Sir mit einer lilafarbenen Samthose und einem sandfarbenen Hemd mit Weste darüber. Zur Seite stehen Falstaff seine Diener Bardolfo und Pistola in grauen Zweiteilern und Hut. Im zweiten Bild des ersten Aktes erscheinen Alice, Meg Page, Nannetta und Quickly auf der Bühne, die – ihrem Handlungscharakter entsprechend – adrett und farbenfroh gekleidet sind. Der dritte Akt beginnt mit einem umgestalteten Bühnenbild: Die Plastikstühle und der Imbißstand hängen nun an Seilen von der Decke. Ein Hund leistet Falstaff Gesellschaft und hört sich seinen Kummer an. Die goldenen Bilderrahmen an den Wänden sind bilderlos. Bunt wird es wieder am Ende der Inszenierung, wo sich Ensembles der Frauen- und Männergruppen zu ihrer mehrdimensionalen musikalischen Klangrede vereinigen.
Sänger und Orchester
Rebecca Raffell (Mrs. Quickly) hinterläßt mit ihrer impulsiven Ausstrahlung, ihrem lebendigen Vortrag und ihrer charismatischen Gestik und Mimik einen bleibenden Eindruck. Ihre Altstimme klingt kraftvoll, und sie singt mit sauberer Intonation. Als sie im zweiten Akt Falstaff die Botschaft überbringt, daß beide Frauen seine Liebesbriefe erhalten haben, spielt sie selbst ihre Reize auf so charmante Weise aus, daß das Publikum lacht und Beifall klatscht. Auch Alexander Marco-Buhrmester (Mr. Ford) erntet bereits im zweiten Akt einen kleinen Sonderapplaus für seine Arie, die er sehr amourös und mit brillanter Stimme vorträgt. Brian Bannatyne-Scott ist genau die richtige Besetzung für einen Sir John Falstaff. Mit Leidenschaft und Hingabe verkörpert er die Rolle und überzeugt mimisch wie auch durch seine beeindruckende Stimmengewalt, mit der er unter anderem seine rezitativartigen Parlandopassagen gut umzusetzen weiß. Er meistert schwierige Intervallsprünge ebenso gekonnt wie die dynamischen Anforderungen seiner Partie. Melanie Kreuter (Alice Ford) singt sicher und gekonnt in allen Lagen. Mit der Rolle der Alice Ford fallen ihr aber keine außergewöhnlichen Gesangseinlagen zu. Cornelie Isenbürger (Nannetta) und Marie-Helen Joël (Meg Page) singen solide. Erscheint die Stimme von Eric Laporte (Fenton) im ersten Akt noch nicht ausdrucksvoll genug, so steigerte er sich in dieser Hinsicht mit seiner Liebesarie im dritten Akt. Das Orchester unter der Leitung von Peter Kuhn bringt gekonnt die exakt auf die theatralische Handlung abgestimmten musikalischen Effekte, so beispielsweise das ohrenfällige Klingeln der Triangel, als Falstaff einen Sack Geld aufgedrängt bekommt. An einigen Stellen übertönt das Orchester jedoch die Singstimmen.
Fazit
Eine überaus gelungene Inszenierung mit durchweg guten Akteuren und Gesangsstimmen. Dazu ein gut spielendes Orchester sowie eine Bühnenausstattung und Kostümwahl, die die Aussage der Handlung und die Gestaltung der Charaktere unterstützt. Die heitere und lebendige Darbietung ließ den Abend geschwind vergehen. Die Darsteller ernteten ein zufriedenes Lächeln des Publikums und sehr viel Applaus. Das ist eine Aufführung, die man sich gerne auch ein zweites Mal anschaut. Großes Lob an die Mitwirkenden des Bielefelder Stadttheaters. Sehr empfehlenswert!

Britta Winkelnkemper

Bild: Matthias Stutte
Die Bilder zeigt: Rebecca Raffell (Mrs. Quickly), Brian Bannaytne-Scott (Falstaff)

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