HERCULES – Mannheim, Nationaltheater

von Georg Friedrich Hände  (1685-1759), a new musical drama, Libretto :Thomas Broughton, UA: 5. Januar 1745 London, King‘s Theatre, Haymarket

Regie/Bühne/Kostüme: Nigel Lowery, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Cordula Demattio, Julia Warnemünde

Dirigent: Bernhard Forck, Orchester, Chor und Statisterie des Nationaltheater Mannheim, Choreinstudierung: Dani Juris

Continuo: Elias Corrinth (Cembalo), Flora Fabri (Cembalo und Orgel), Andrea Baur (Laute), Friedemann Döling (Violoncello)

Solisten: Thomas Berau (Hercules), Mary-Ellen Nesi (Dejaneira), Eunju Kwon (Iole), David Lee (Hyllus), Ludovica Bello (Lichas), Philipp Alexander Mehr (Priester), Gudrun Hermanns (Chorsolo Alt), Kjungrak Jeong (Chorsolo Tenor)

Besuchte Aufführung: 9. Dezember 2016 (Premiere)

mannheim-herculesVorbemerkung

Händel hat seinen Hercules in Form eines Oratoriums komponiert. Zu dieser Zeit schrieb Händel bereits keine Opern mehr, die vor allem durch ihre aufwendige Ausstattung und die hohen Sängergagen zu Buche schlugen, sondern hatte diese durch die weitaus kostengünstigeren Oratorien ersetzt. Diese wurden nicht mehr im den Engländern seit jeher fremden Italienisch, sondern in der englischen Muttersprache gesungen. Der Arbeitsaufwand war wesentlich geringer, eines der Werke auf die Theaterbühne zu bringen  (noch immer herrscht der Aberglaube, man müsse diese Oratorien in akustisch dafür völlig ungeeigneten Kirchen zur Aufführung bringen) und Händel hatte so eine größere Flexibilität, innerhalb einer Saison umdisponieren zu können.

Bereits seit 1925 versucht man stets mit mehr oder weniger Erfolg, den Hercules szenisch zu vermitteln. Daß dies als Experiment durchaus einen Versuch wert ist, kann nicht bestritten werden. Doch sind die Initiatoren verpflichtet, die nicht für ein Drama konzipierten Chöre für eine szenische Umsetzung widerspruchslos einzugliedern und auch den nicht-linearen Handlungsverlauf – z.B. des dritten Aktes – plausibel umzusetzen. Hier wird der Tod des Herkules in einem Botenbericht als bereits geschehen geschildert, wie sich der Held das geschenkte Nessus-Gewand (s. unten) vom Leibe reißt, wobei er sich unter größten Schmerzen Fleischfetzen bis auf die Knochen herausreißt.

Als szenische Schilderung ist ein solcher Zustand damals wie heute (bislang jedenfalls) unzumutbar und deshalb bei Händel und Broughton in einen Botenbericht gekleidet. Es folgt eine letzte Monolog-Szene des Herakles, wo er selbst nochmals in seinem Todeskampf zu Wort kommt. Dieser auch an anderen Stellen vorkommende freie Wechsel zwischen epischen und lyrischen Elementen ist nur in konzertant-oratorischer Form reibungslos möglich. Der Zuschauer sollte sich dies verinnerlichen, wenn er sich mit einem Werk wie diesem auseinandersetzt.

Die Handlung entnahmen Händel und sein Librettist den Trachinierinnen des Sophokles. Herkules‘ Gattin Dejaneira wartet auf die Rückkehr ihres Helden. Das 9. Buch von Ovids Metamorphosen liefert die Vorgeschichte, in der Dejaneira vom sterbenden Nessus das vergiftete Gewand bekommt. Eine Grundtatsache der antiken Mythologie setzt Händel beim gebildeten Publikum voraus: die mit dem Gift der Schlange von Lerna getränkten Pfeile des Herkules mischen sich mit dem Blut des sterbenden Kentauren. So ist Herkules – ähnlich wie Ödipus – unwissentlich Wegbereiter seines eigenen Schicksals.

Kurzinhalt

Dejaneira wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr des Herkules. Aufgrund düsterer Vorahnungen befürchtet sie, daß er nicht mehr lebend zurückkehren werde. Schließlich erscheint Herkules, der soeben das Gebiet Oichalia (heute Ichalia, Thessalien) erobert hat und als Kriegsbeute die Prinzessin Iole mit sich führt. Dejaneira ist hingerissen zwischen Liebe und Eifersucht, da sie befürchtet, Herakles könne ihr mit Iole untreu werden. Sie erinnert sich an die Worte des sterbenden Nessus, der ihr ein mit Blut getränktes Gewand gab, mit welchem sie die ewige Treue desjenigen erlangen könne, der es trage. Herkules erhält während des Dankopfers im Jupitertempel Dejaneiras Geschenk. Als er das Gewand überzieht, erreicht ihn das tödliche Gift. In seinem Todeskampf verflucht er seine Frau und bittet darum, auf dem Berg Öta (heute Iti-Gebirge) verbrannt zu werden. Die Götter nehmen ihn in den Himmel auf.

Aufführung

Für die Mannheimer Aufführung wird die Handlung von Nigel Lowery ins Mittelalter verlegt. In dieser Zeit setzte man sich mit Herkules vor allem als Beschützerfigur auseinander. Die Begründung hierfür leitet sich aus dem Chor nach Herkules‘ Tod her, wo beklagt wird, daß der Beschützer der Welt nicht mehr am Leben ist (Fear of punishment is o’er, The world’s avenger is no more!). Dieser historische Faden prägt das gesamte Stück: Es erwarten den Zuschauer gotische Fassaden einer Burg, in der ebenso Arthus‘ Tafelrunde speisen könnte. Zu Essen gibt es reichlich frisch gejagtes Schwein und Geflügel. Auch die Kostüme bewegen sich in dieser Zeit und runden so das Konzept als ein in sich geschlossenes ab.

Interessant ist, daß der Regisseur das Werk nicht im strengen Sinne als eine Tragödie begreift, sondern durchaus erheiternde Elemente einbaut. Dies entspricht seit Shakespeares Zeit durchaus der Struktur eines englischen Dramas, das seinen Dreh- und Angelpunkt auf Liebe, Leid und Eifersucht legt – allesamt Elemente, die ja ursprünglich eine Komödie ausmachten. Auch auf das Publikum wirkt dieser Kunstgriff erheiternd und sorgt im Verlaufe des Abends für die entsprechende Kurzweile.

Die Aktionen der Schauspieler, auf ein Notwendiges begrenzt, sind nicht durch überflüssige Deutungsversuche aufgeladen. Dies ist erfreulich, da damit ein Hauch von antiker Tragödie wieder zum Leben erweckt wird. Symbolik und Gesten werden oftmals nur angedeutet oder punktuell berührt.

Auch die Vorgeschichte, wie Dejaneira zum Nessus-Gewand kam, wird in wenigen Sätzen am Beginn projiziert. Ob Herkules nun eine Keule oder das abgebrochene Horn des Acheloos schwingt (ebenfalls bei Ovid zu finden), liegt im Auge des Betrachters. Der junge koreanische Tenor David Lee schlägt durch seine puppenhaft-mechanische Gestik die Brücke zum Barocken und verdeutlicht durch sein Spiel, daß es sich hier nicht um eine Wirklichkeit, sondern um die Kunstform Theater handelt. Der Chor hält sich bei seinen Auftritten ebenfalls sehr zurück, agiert nur äußerst zurückhaltend und gibt im ursprünglichen Sinne lediglich den Rahmen einer Szene oder einer Situation. Am Schluß allerdings wird zu Herkules‘ Apotheose eine Rakete in den Himmel geschossen. Ob diese Deutung wirklich notwendig ist und ob der Schuß vielleicht nach hinten losging, sei dahingestellt. An anderen Punkten kann man deutlich sehen, daß der Regisseur sich gründlich mit dem Textbuch des Hercules wie auch mit den antiken Stoffen auseinandergesetzt hat.

Einen schönen Abschluß bildet der Priester, der als deus ex machina die Apotheose des Herkules verkündet: ein wehender dunkler Vorhang und Theaterdonner kündigen den Auftritt an. Die Regie bedient sich letztlich vieler theatralischer Mittel ohne das Auge zu strapazieren und das Publikum zu verärgern.

Sänger und Orchester

Das Orchester des Mannheimer Nationaltheaters musiziert nicht auf Originalinstrumenten, sondern wurde vom musikalischen Leiter Bernhard Forck zu historischer Spielweise angewiesen. Hierbei geht zwar einiges der uns heute bereits zur Gewohnheit gewordenen Differenzierung des barocken Klanges verloren, wodurch vor allem die dynamischen Feinheiten weniger deutlich zum Vorschein kommen; in den Koloraturpassagen wirkt das Klangbild somit ein wenig statisch und unbeweglich. Höhepunkt an diesem Abend ist Mary-Ellen Nesi in der Partie der Dejaneira. Ihre Erfahrung im barocken Gesang ist zu hören, auch die Affektregister der einzelnen Arien, von Sehnsucht bis zur Eifersucht, weiß sie gezielt zu ziehen. Dagegen blieben bei allem Fleiß der Einstudierung ihrer Partien die noch sehr jungen koreanischen Sänger Enju Kwon (Iole) und David Lee (Hyllus) ein wenig hinter den Erwartungen zurück. Insbesondere die sprachlichen Probleme erschweren bei beiden noch eine flüssige Artikulation des Englischen. Dies führt dazu, daß sich die beiden allzu gerne am Notentext entlanghangeln, während Artikulation und die musikalische Aussprache oftmals auf der Strecke bleiben. Einige Melodiebögen werden dadurch holprig und wenig elegant.

Daran hat auch die Regieführung einen gewissen Anteil. Oft neigt der Regisseur dazu, die Sänger im Hintergrund der Bühne agieren zu lassen, die akustisch nicht dafür gebaut ist. So geht einiges an Verständlichkeit verloren, was sich auf der Vorderbühne deutlich verbessert.

Einen soliden maskulinen Hercules interpretiert Thomas Berau. Dieser hat keine virtuos-akrobatischen Sängerkunststücke zu bewältigen und muß gegenüber den Frauenpartien keine großen Gefühlsausbrüche verarbeiten. Doch vor allem seine Arie Alcides name in latest stories – Alkides [Herkules] Namen wird in alle Ewigkeit zeichnet ein deutliches Charakterbild des Helden. Zwar bestehen die Arie großenteils aus einem einzigen Kehrvers und die Melodie aus einem abwärtsfallenden gebrochenen Dreiklang, doch hier wird ein langer Atem benötigt, um nicht in überflüssige Eintönigkeit zu verfallen. Auch Ludovica Bello als Lichas meistert ihre Partie auf souveräne Weise und erntet dafür den verdienten Applaus. Die Chöre sind transparent und lebendig gestaltet. Zwar waren an einigen Stellen noch rhythmische Unsicherheiten zwischen Bläsern, Streichern und Sängern zu bemerken, den Gesamteindruck dieses Abends schmälerte dies allerdings kaum.

Fazit

Wer bei Opernbesuchen schon des öfteren erschöpft und verärgert den Weg nach Hause suchte, wird bei diesem Mannheimer Hercules erfreut sein, wie bodenständig in dieser neuen Intendanz gearbeitet wird. Es bleibt abzuwarten, ob man diesen Weg auch in künftigen Spielzeiten und Opernproduktionen beibehält. Zwar mag man im musikalischen Bereich und bei den Sängern einige Schwachpunkte finden, in ihrer Gesamterscheinung ist dieser Hercules jedoch sehr erfreulich. Um es antik-mittelalterlichen Rahmen des Stückes zu formulieren: der Abend besaß in gewisser Weise eine σωφροσύνη (Besonnenheit). Diese Besonnenheit scheint vielen anderen Theatermachern bereits vor langer Zeit abhanden gekommen sein. Bleibt den Mannheimern also zu wünschen, daß man diesem eingeschlagenen Weg treu bleibt und sein Publikum mit dem schmerzhaften Nessus-Gewand schlechter Produktionen auch weiterhin verschont.

Daniel Rilling

Bild: Hans Jörg Michel

Das Bild zeigt: Eunju Kwon (Iole), David Lee (Hyllus) (Bild Mitte), Chormitglieder

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