DON GIOVANNI – Paris, Théâtre des Champs-Élysées

von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Dramma giocoso in zwei Akten, Libretto: Lorenzo da Ponte, UA: 29. Oktober 1787Prag, Gräflich Nostizsches Nationaltheater

Regie/Bühne: Stéphan Braunschweig, Kostüme: Thibault Vancraenenbroeck, Licht: Marion Hewlett,  Dramaturgie: Anne-Françoise Benhamou

Dirigent: Jérémie Rhorer, Le Cercle de l’Harmonie, Chœur de Radio France

Solisten: Jean-Sébastien Bou (Don Giovanni), Robert Gleadow (Leporello), Myrtò Papatanasiu (Donna Anna), Julie Boulianne (Donna Elvira), Julien Behr (Don Ottavio), Anna Grevelius (Zerlina), Marc Scoffoni (Masetto), Steven Humes (Komtur)

Besuchte Aufführung: 5. Dezember 2016 (Premiere zu Mozarts 225. Todestag)

paris-tce-don-giovanniKurzinhalt

Der Komtur, Donna Annas Vater; wird im Duell von Don Giovanni getötet. Sein Diener, Leporello, berichtet Donna Elvira von den unzähligen Erfolgen seines Herrn bei Frauen aller Stände. Don Giovanni macht auf einer Bauernhochzeit der Braut Zerlina den Hof und lädt alle zu einem Fest auf sein Schloß ein. Dort versucht er; Zerlina zu verführen. Doch Donna Elvira, Donna Anna und ihr Verlobter Don Octavio erkennen in ihm den Mörder des Komturs und klagen ihn an. Er flieht mit Leporello. Von allen verfolgt finden sie Zuflucht auf einem Friedhof. Dort wird Don Giovanni von der Steinstatue des Komturs zur Rede gestellt. Don Giovanni lädt ihn leichtfertig zu Abendessen ein. Leporello zittert vor Angst. Donna Elvira macht einen letzten, vergeblichen Versuch, ihren ehemaligen Geliebten zu retten, als der Komtur eintritt und ihn in die Hölle verdammt.

Aufführung

Das Drama ist in die klinisch-kühle Atmosphäre eines Spitals verlegt, deren Zimmer durch eine Drehbühne in rascher Abfolge wechseln. In den kahlen Wänden sind oft Fenster oder versteckte Türen eingebaut. In fast jedem dieser Zimmer ist ein Doppelbett, das dem einen oder dem anderen zum Vergnügen dient. Die Kostüme der Protagonisten sind meist farblose Straßenkleider, wenn sie nicht in Unterwäsche in ein Bett hinein- oder herauskriechen. Nur Masetto, Zerlina und ihr Hochzeitszug tragen hellgraue Anzüge und weiße Tüllkleidchen. In der Ballszene am Ende des ersten Akts, erscheinen alle in Rokokokostümen, die sich vorteilhaft vom neutralen Hintergrund abheben. Die Männer tragen überdies Totenkopf Masken und bekleidete Skelette schauen aus hohen Schaukästen von der Wand herab. Die Beleuchtung ist gedämpft, die Bilder manchmal kalt-ästhetisch.

Sänger und Orchester

Jean-Sébastien Bou ist, soweit die Regie es ihm erlaubt, ein glaubhafter Don Giovanni. Sein Bariton ist sicher sowohl in den hohen wie in den tiefen Lagen. Nur fehlt ihm eine gewisse dominierende Bühnenpräsenz. Robert Gleadows ist mit jugendlichem vollem Baßbariton stimmlich wie schauspielerisch ein quirliger Leporello. In der dramatischen Rolle der Donna Anna ist Myrò Papatanasius gewaltiger, wohlkontrollierter Sopran sehr wirksam und ihr Spiel sehr eindrucksvoll, wie in der Bravourarie Non mi dir, bell’idol mio (2. Akt, 12. Szene). Julie Boulianne beschert uns eine, wohl durch die Regie so bestimmte, nicht lyrische, sondern sehr dramatische Donna Elvira. Ihr Vibrato ist häufig etwas zu dick aufgetragen. Julien Behr erfreut mit warmer lyrischer Klangfarbe als Don Ottavio. Anna Grevelius singt und spielt Zerlina mit bezaubernder Leichtigkeit, wie im zärtlichen Batti, batti, o bel Masetto (1. Akt, 16. Szene). Marc Scoffoni ist der brave Masetto und Steven Humes stimmlich erfreulich der Komtur. Da die Sänger und Sängerinnen gut auf einander abgestimmt sind, ergeben sich schöne Ensembleszenen, wie im stürmischen Sextett im 2. Akt.

Jérémie Rhorer dirigiert den Cercle de l’Harmonie mit Präzision, aber verhalten, so daß das Orchester nie die Stimmen übertönt.

Fazit

Laut eigener Aussage will Stéphane Braunschweig die Geschichte des Don Giovanni aus der Sicht des Leporello erzählen. Dieser ist daher in jeder Szene anwesend, auch dort, wo er eigentlich nicht hingehört. Eine Art von Voyeurismus, der nicht einleuchtet.

Viel einschneidender hingegen ist die Tendenz der Regie, der Oper seine wichtigsten magischen Elemente zu entziehen, indem er alle Personen des Dramas auf ein sehr gewöhnliches Niveau herunterdrückt. Don Giovanni wird zum banalen, sexbesessenen Lebemann. Die furchterregende Steinfigur des Komturs zum harmlosen alten Mann, der ein Spitalbett vor sich herschiebt. Leporello ein zynischer Hampelmann kurz vor dem burn-out, Donna Elvira eine hysterische Frustrierte. Allein Donna Anna entgeht als unerbittliche Rachegöttin dieser Nivellierung ins Triviale.

Es bleibt daher hauptsächlich der genialen Musik Mozarts und einer im großen und ganzen sehr schönen musikalischen Interpretation vorbehalten, das Unheimliche und das Magische des alten Mythos vom Don Juan Tenorio heraufzubeschwören.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild:  Vincent Pontet, zeigt Myrtò Papatanasiu (Donna Anna) in den Armen von Julien Behr (Don Ottavio) mit Stephen Humes (Komtur) davor liegend.

Veröffentlicht unter Opern, Paris, Théâtre des Champs-Élysées
Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen