LES CONTES D’HOFFMANN – HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN – Paris, Opéra Bastille

von Jacques Offenbach (1819-1880), fantastische Oper in drei Akten mit Prolog und Epilog, Instrumentation: Ernest Guiraud, Libretto: Jules Barbier et Michel Carré, frei nach E.T.A. Hoffmann, Goethe und Chamisso, UA.: 10. Februar 1881 Paris, Opéra-Comique

Regie: Robert Carson, Bühne/Kostüme: Michael Levine, Licht: Jean Kalman, Choreographie: Philippe Giraudeau, Dramaturgie: Ian Burton

Dirigent: Philippe Jordan, Chor und Orchester der Opéra National de Paris, Choreinstudierung: José Luis Basso

Solisten: Ramón Vargas (Hoffmann), Ermonela Jaho (Antonia), Nadine Kutcher (Olympia), Kate Aldrich (Giulietta), Stephanie d’Oustrac (La Muse, Nicklausse), Doris Soffel (Die Mutter von Antonia), Rodolphe Briand (Spalanzini), Cyrille Lovighi (Nathanaël), Paul Gay (Luther, Crespel), Yann Beuron (Andrés/Cochenille/Pitichinaccio/Franz), Roberto Tagliavini (Lindorf/Coppélius/Dapertutto/Miracle), Laurent Daberdesque (Herrmann), François Lis (Schlemil)

Besuchte Aufführung: 9. November 2016

Du lundi 31 octobre 2016 au dimanche 27 novembre 2016

Vorbemerkung

Die Oper Hoffmanns Erzählungen ist Offenbachs letztes Werk und sein letzter, ehrgeiziger Versuch, nicht nur leichte Operettenmusik, sondern auch eine große Oper zu schreiben. Er hat dieses Werk nicht mehr ganz vollendet. Die Instrumentierung der Orchesterpartitur stammt nicht von ihm, und er hat die Aufführung und den Erfolg seines Werkes nicht mehr erlebt.

Die drei Geschichten sollen die drei Lieben im Leben eines Mannes symbolisieren: die jugendlich-blinde Leidenschaft, die tiefe Liebe des Erwachsenen, und schließlich die käufliche Liebe. Dies Thema ist bereichert durch eine Reihe fantastischer Gedanken, die zumeist der deutschen, romantischen Literatur entnommen sind. Es ist wahr, Offenbachs Traum von der großen Oper ist zweifellos im zweiten Akt Wirklichkeit geworden, doch ist es auch wahr, daß andere Teile der Oper nicht ein Bruch mit der Operettenkultur bedeuten, sondern vielleicht ihre Fortsetzung auf einer anderen Ebene.

Kurzinhalt

Die Muse in Gestalt des Nicklausse versucht, den Dichter Hoffmann vor sich selbst und seinen Liebschaften zu schützen. Denn die Opernsängerin Stella hat ein Briefchen an Hoffmann, ihren Verehrer, geschickt, der in Luthers Weinbar auf sie und auf das Ende der Opernaufführung wartet. Doch der reiche Lindorf, der auch um die schöne Stella wirbt, fängt den Brief ab. Hoffmann trinkt viel und sieht nicht die Manipulationen um ihn herum. Als man ihn auffordert ein Lied zu singen, erzählt er die Geschichte seiner drei Leidenschaften:

Der Professor Spalanzani hofft durch die Karriere seiner Kreatur, der Sängerin-Tänzerin Olympia, das Vermögen wieder zu verdienen, das er beim Bankrott seiner Bank verloren hat. Hoffmann hat sich in die junge Olympia verliebt. Coppélius, der bei der „Schöpfung“ mitgewirkt hat, will nun auch seinen Anteil. Spalanzani stellt ihm einen ungedeckten Scheck aus. Inzwischen erklärt Hoffmann Olympia seine Liebe und tanzt mit ihr. Als Coppélius Spalazanis Schwindel bemerkt, rächt er sich, indem er Olympia zerschlägt – sie war nur eine mechanische Gliederpuppe.

München. Antonia, ehemals eine große Sängerin, hat aus Gesundheitsgründen strenges Verbot zu singen. Auch verbietet ihr Vater, daß sie ihren Verehrer Hoffmann sieht. Doch vergebens, denn in dessen Abwesenheit, kommt Hoffmann, und sie machen Musik bis der Vater zurückkommt. In seinem Versteck erfährt Hoffmann von Antonias Krankheit und wird Zeuge des Auftretens des satanischen Doktor Miracle, der den Geist ihrer Mutter heraufbeschwört, die sie auch ermuntert. Antonia kann nicht widerstehen, steigt auf die Bühne, singt und stirbt.

Venedig. Nach diesen unglücklichen Liebschaften führt Hoffmann ein zynisches, ausschweifendes Leben im Kreise der Kurtisane Giulietta. Deren teuflischer Beschützer Dapertutto verlangt von ihr, ihm das Spiegelbild Hoffmann zu beschaffen. Schlemil, ein anderer Verehrer Giuliettas, dem sie schon seinen Schatten abgenommen hat, fordert Hoffmann zum Duell heraus und wird getötet. Bei einem Stelldichein mit der Kurtisane übergibt Hoffmann ihr sein Spiegelbild, worauf sie ihn auslacht und stehen läßt.

Die Gäste im Weinlokal haben diesen Erzählungen gebannt zugehört. Hoffmann ist nun zu betrunken, um Stella noch zu erkennen, als sie von der Menge gefeiert aus der Oper herüberkommt. Sie geht mit Lindorf weg. Die Muse tröstet den Dichter.

Aufführung

Der Chor trägt Straßenkleider, wenn er nicht zum Tanz in bunte volkstümliche Tracht gekleidet ist. Das Bühnenbild im Prolog ist erst leer, dann „zieht“ die prachtvolle Opernszene von „nebenan“ vorbei, und macht Platz für eine lange Weinbar-Theke.

Der erste Akt spielt in einem verstaubten Laboratorium mit lauter skurrilen Gestalten, in dem die erotisch-lebhafte Gliederpuppe Olympia mit weißem Tüllkleid und Glitzerkette zum Leben erweckt wird. Der ganze Akt ist eine von der Regie gewollte vergnügliche Slapstick Komödie.

Im zweiten Akt blickt man auf einen Orchestergraben mit der darüber gelegenen Opernbühne. Antonia ist sehr unscheinbar gekleidet, die Mutter erscheint auf der Bühne wie ein Gespenst aus Polanskis Tanz der Vampire, der teuflische Dr. Miracle im Frack.

Im Venedig des dritten Akts nehmen die Darsteller statt in Gondeln in den Sesseln eines Opernpublikumssaal platz, dessen Reihen sich gegeneinander hin und her bewegen. Die Kurtisane Giulietta in langem weißen, großzügig dekolletiertem Abendkleid mit blonder Pin-up Frisur. Im Epilog befinden wir uns wieder in der Weinbar mit ihrem lautem Publikum.

Sänger und Orchester

Von den drei Liebschaften des Dichters singt und spielt Ermonela Jaho souverän die tragische Rolle der Antonia und gibt dem zweiten Akt die Dimension einer Grand Opéra. Ihre hohe musikalische Kunst ist offensichtlich das Ergebnis langer, andauernder Arbeit und eines ausgeprägten Klanginstinkts. Sehr eindrucksvoll und bewegend in der Auftrittsarie im zweiten Akts Elle a fui, la tourterelle.

Nadine Koutchers Olympia bewältigt ihre komische Rolle mit Virtuosität, wenn auch mit einer für eine kalte Gliederpuppe fast zu vollen, menschlich-sinnlichen Stimme.

Die dritte Liebschaft ist Kate Aldrich als kühle Kurtisane Giulietta. Den treuen Begleiter Nicklausse singt und spielt lebendig Stephanie d’Oustrac mit leichter beweglicher Mezzo-Sopranstimme. Sehr schön in der lyrischen Arie Non, c’est une artiste ( 2. Akt, 6. Szene).

Den ewig betrunkenen Hoffmann verkörpert Ramón Vargas mit wohl timbriertem Tenor und mit viel Temperament, wie gleich am Anfang der Oper im Lied Va pour Kleinzach! (Prolog, 5. Szene).

Das ewig dämonische Element in jedem Akt ist der auch in den tiefen Lagen schön timbrierte volle Baß Roberto Tagliavini.  Die Nebenrollen fügen sich harmonisch in dieses ausgezeichnete Ensemble ein. Ein besonderer Beifall gilt José Luis Basso und dem allgegenwärtigen Chor. Philippe Jordan dirigiert Solisten, Chor und Orchester schwung- und kraftvoll durch diese an Melodienreichtum übersprudelnde Oper.

Fazit

Selbst wenn die ursprünglich vorgesehenen Jonas Kaufmann (Hoffmann) und Sabine Devieilhe (Olympia) ihre Rollen aus guten Gründen haben abgeben müssen, war es musikalisch eine ausgezeichnete Aufführung. Und Robert Carson und sein Team haben uns eine zeitgemäße, aber visuell sehr erfreuliche, und teilweise sehr komische Inszenierung von Offenbachs fantastischer Oper vorgestellt. Die Regie sprüht vor Einfällen und sowohl Bühnenbild wie Kostüme sind auf die Komik oder auf die Tragik des Geschehens abgestimmt. Die Beleuchtung ist gut und die Choreographie sehr gut.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Julien Benhamou

Das Bild zeigt: Stéphanie d’Oustrac (Nicolausse), Ramón Vargas (Hoffmann) mit Chor

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