Karlsruhe, Badisches Staatstheater – ANDRÉ CHÉNIER

von Umberto Giordano (1867-1948), Drama mit geschichtlichem Hintergrund in vier Bildern, Libretto: Luigi Illica (1857-1919); UA: 28. März 1896, Teatro alla Scala, Mailand
Dirigent: Jochem Hochstenbach, Badische Staatskapelle, Badischer Staatsopernchor, Einstudierung Carl Robert Helg
Regie: Alexander Schulin, Bühnenbild: Christoph Sehl, Kostüme: Ursina Zürcher
Solisten: Lance Ryan (André Chénier), Armin Kolarczyk (Charles Gérard), Barbara Dobrzanska (Madeleine von Coigny), Sabrina Kögel (Bersi), Sabina Willeit (Gräfin von Coigny), Anna Maria Dur (Madelon), Lukas Schmid (Roucher), Ulrich Schneider (Pierre Flèville), Christian Miedl (Fouquier-Tinville), Ks. Edward Gauntt (Mathieu), Andreas Heideker (Abate), Matthias Wohlbrecht (Incroyable), Luiz Molz (Schmidt), Simon Schnorr (Dumas)
Besuchte Aufführung: 11. Oktober 2008 (Premiere)

Kurzinhalt
karlsruhe-a-chenier.jpgIn einem Landschloß soll am Vorabend der Revolution ein Fest stattfinden. Gérard und seine Dienerschaft treffen die Vorbereitungen für die Gäste, unter denen sich auch der Dichter André Chénier befindet. Die Grafentochter Madeleine fordert Chénier auf, seine Kunst unter Beweis zu stellen, worin dieser scharfe Kritik an der Gesellschaft übt. Davon ermutigt erscheint Charles Gérard mit einer Gruppe von Revolutionären während des Balls und wird deswegen von der Gräfin aus dem Dienst entlassen.
Einige Jahre nach der Revolution bekommt Chénier Briefe von einer Unbekannten. Es ist keine andere als Madeleine. Das von der ihr immer noch getreuen Dienerin Bersi arrangierte Wiedersehen der beiden wird jedoch von Gérard, mittlerweile Freund des Revolutionärs Robespierre, gestört. Der schon länger verfolgte Chénier kommt kurz darauf in Haft, worauf Madeleine bei Charles Gérard um Hilfe bittet. Anfangs widerwillig kann er bei aller Zuneigung zu Madeleine das Urteil nicht rückgängig machen, worauf diese heimlich durch Bestechung den Namen einer Verurteilten annimmt und am Morgen darauf gemeinsam mit Chénier hingerichtet wird.
Aufführung
Vor Beginn ist der Vorhang bereits geöffnet. Die Bühne birgt einen grauen, quadratischen Raum. Sobald das Orchester einstimmt, betritt Gérard, Hauptperson der Inszenierung, die Bühne und schreitet energisch immer dieselbe Kreisform ab. Lakaien, wie alle Personen im ersten Bild, sind in Rokokomode gekleidet und voneinander nicht zu unterscheiden, tragen ein blaues Sofa, die einzige Requisite des ersten Bildes, auf die Bühne. Während der Festvorbereitungen schließt sich der Raum zu einem Dreieck und bei Ertönen des Schäferchores setzen sich die Wandflächen in Bewegung: Der in grün getauchte Raum wird gespiegelt. Zur Gavotte öffnet sich der Hintergrund zu gähnendem Schwarz, aus welchem der Chor der Unterdrückten auftaucht. Noch wenn das erste Bild bei langsam abnehmendem Licht zu Ende geht, bewegt sich aus dem Dunkel eine Säulenreihe in den Vordergrund und zwingt die tanzende Gesellschaft abzugehen.
Dies ist bereits das Bühnenbild des zweiten Aktes: Hinzu kommen eine Staffage mit dem Kopf einer Marmorskulptur als Marat-Denkmal und der Kleidungsstil des 19. Jahrhunderts. Die Rufe der Zeitungsjungen ertönen aus Lautsprechern. Hier folgt ein individueller Eingriff der Regie: Die Patrouille ergreift einen herumstreunenden Betrunkenen und stellt, indem sie die Gewehre auf ihn richtet, eine verblüffend präzise Pantomime der Erschießung der Aufständischen Francisco de Goyas dar.
Im dritten Akt ist die Säulenreihe einer zweigliedrigen Fensterwand gewichen. Das vierte Bild zeigt den Kerker, rechterhand führt eine steile Treppe nach oben. Chénier und Madeleine geben sich nun mehrmals sehr leidenschaftlich ihrer Liebe hin. Während die beiden Verurteilten sich langsam in den nun leeren Bühnenraum zurückziehen, senkt sich über ihren Häuptern eine Scheinwerferbatterie herab, die nach ihrem Erlöschen einen einsamen Gérard im orangenen Lichtkegel zurücklassen.
Sänger und Orchester
Es überzeugten Lance Ryan (André Chénier),, der bereits bei seiner ersten großen Nummer Un dì all’azzurro spazio – eines Tages am blauen Himmel glänzen konnte, und Armin Kolarczyk (Charles Gérard), der schauspielerisch den ständig Einsamen imposant verkörperte. Den beiden männlichen Protagonisten stand eine brillante Barbara Dobrzanska (Madeleine von Coigny), zur Seite, die mit Liebe und Verzweiflung den Haupteigenschaften ihrer Rolle mehr als gerecht werden konnte. Das Orchester punktet vor allem durch feine Dynamik und Ausgewogenheit der Klangfarben. Abgesehen von minimalen Intonationsschwierigkeiten der Solovioline eine für Auge und Ohr empfehlenswerte Vorstellung.
Fazit
Eine gelungene, abwechslungsreiche und auf die Musik reagierende Inszenierung, die viel mit Lichteffekten und ständig sich wandelnden Räumen arbeitet. Das Programmheft liefert einen gut erarbeiteten historischen Hintergrund, wer allerdings auf Informationen über Ensemble und Regieteam hofft, wird enttäuscht sein.
Daniel Rilling
Bild: Jacqueline Krause-Burberg
Das Bild zeigt: Lance Ryan, Barbara Dobrzanska und Chor

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