Wiesbaden, Staatstheater – WERTHER

von Jules Massenet; lyrisches Drama in vier Akten, Libretto: Edouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann, nach dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von J.W. v. Goethe; UA: 16. Februar 1892, Hofoper, Wien; Regie/Kostüme: Konstanze Lauterbach, Bühnenbild: Andreas Jander, Licht: Jürgen Zoch, Dramaturgie: Bodo Busse
Dirigent: Wolfgang Ott, Orchester und Jugendchor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden; Solisten: Martin Homrich (Werther), Ute Döring (Charlotte), Thomas de Vries (Albert), Axel Wagner (Le Bailli), Erik Biegel (Schmidt), Brett Carter (Johann), Sebastian Ennen (Brühlmann), Alice-Katharina Schmidt (Käthchen)
Besuchte Vorstellung: 4. Oktober 2008 (Premiere)

Kurzinhalt
wiesbaden-werther.jpgBereits im Sommer studiert der Amtmann mit seinen Kindern Weihnachtslieder ein. Die älteste Tochter Charlotte hat nach den Tod die Mutterrolle übernommen und kümmert sich rührend um die jüngeren Geschwister. Werther, der der Natur folgt, begleitet Charlotte auf ein Fest, da ihr Verlobter Albert noch auf Reisen ist. Werther gesteht Charlotte seine Liebe. Diese hat auch Gefühle für ihn, versprach jedoch ihrer Mutter am Sterbebett, Albert zu heiraten.
Albert und Charlotte sind nun verheiratet. Albert bietet Werther seine Freundschaft an, doch er ist krank vor Eifersucht. Charlotte rät ihm, bis Weihnachten fortzugehen. Werther weiß, daß dies sein Tod bedeuten wird.
In Winter liest Charlotte voll Trauer wieder und wieder die Briefe Werthers. Weder die Schwester Sophie noch ein Gebet kann sie aufmuntern. Werther will Charlotte ein letztes Mal sehen. Er sucht sie auf und offenbart ihr seinen Todeswunsch. Charlotte flieht. Brieflich bittet Werther Albert um die Leihgabe seiner Pistolen. Er befiehlt Charlotte sie ihm zu übergeben. Sie versucht Werther zu finden, erreicht ihn jedoch zu spät. Im Moment seines Todes gesteht auch Charlotte ihre Liebe. Werther stirbt in ihren Armen.
Aufführung
Wenige Requisiten setzen das Bühnengeschehen plakativ in Szene. Im Sommer sind es wenige Ähren und Blumenkübel, im Winter kleine Kunsttännchen und ein schlichter Sessel in dem Charlotte Werthers Briefe liest. Der Lampenschirm ihrer Leselampe spiegelt das Bühnenbild des Sommers wieder, bei jedem Gedanken an das Glück des Sommers schaltet sie das Licht ein. Passend zur Leichtigkeit der Sommertage tragen die Darsteller Kostüme aus zarten, hellen Stoffen. Durchsichtige Luftballon die auf die Bühne fallen untermalen das sanfte, zarte Glück. Liebevoll stellt der Amtmann in der ersten Szene die Büste der verstorbenen Mutter auf die Bühne.
Ihre Trauer untermalend sind im Winter die zuvor langen wallenden Haare der Charlotte streng zu einem Dutt gebunden. In Weiß und Grautönen sind die Kostüme gehalten.
Das Gedicht Ossians, welches Werther für Charlotte übersetzte, ist auf einem langen weißen Vorhang geschrieben. Mit diesem will Werther Charlotte nun bildlich festhalten und an sich binden.
Besonderes Augenmerk fällt auf eine an einem Seil heruntergelassene Glühbirne: als Licht des Lebens schwingen Werther und Charlotte nach dem Fest fröhlich das Seil hin und her. Und in gnadenloser bildlicher Einfachheit knipst La Nature damit in der Todesszene Werther das Licht aus.
Sänger/Darsteller
Ungeachtet seiner, vom Intendanten vor der Vorstellung angekündigten, schweren Erkältung, singt Martin Homrich einen beeindruckenden Werther. Seine schauspielerische Leistung steht seiner gesanglichen in nichts nach. Die Stimmen Erik Biegels (Schmidt) und Brett Carters (Johann) sind trotz wenig Kraft angenehm klangvoll. Thomas de Vries‘ kraftvoller Bariton (Albert) und Axel Wagners weicher Baß (Amtmann) runden die männliche Riege der Solisten hervorragend ab. Unübertroffener Star des Abends ist Ute Döring (Charlotte). Die Sopranistin erfüllt mit ihrer kräftigen, klaren Stimme das Opernhaus bis in die letzten Reihen. Ihr Vibrato unterstreicht wundervoll das Schluchzen Charlottes in ihrer Trauer, es könnte für manche Geschmäcker jedoch ein wenig zu stark sein. Erwähnt werden muß, obwohl sie nur eine stumme Rolle hat, Nadya Kalenderyan (La Nature), die starke Bühnenpräsenz der kleinen, zierlichen Frau beeindruckte tief.
Fazit
Das stimmige Gesamtkonzept des Abends überzeugte bis ins kleinste durchdachte Detail. Konstanze Lauterbach erhielt für ihre Inszenierung und die Kostüme vielfache Brava-Rufe. Das Leiden der armen Künstlerseele Werthers wird durch die stark theatralische Darstellung nach einer Weile ermüdend, es fügt sich jedoch als nicht störend in die Tragik des Stücks ein. Bei dieser Vorstellung gab es weder Buhrufe, noch etwas, das solche verdient hätte; die Solisten wurden mit viel Beifall belohnt, insgesamt war die Resonanz des Publikums jedoch eher verhalten.

Janine Schreier
Bild: Martin Kaufhold
Bildlegende: Martin Homrich re., Nadja Kalenderyan Mitte, Ute Döring li.

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