NORMA – Köln, Oper

von Vincenzo Bellini (1801-1835), Tragische Oper in zwei Akten, Libretto: Felice Romani nach der Tragödie Norma ou L’Infanticide (1831) von Alexandre Soumet, UA: 26. Dezember 1831 Mailand, Teatro alla Scala

Dirigent: Andriy Yurkevych, Gürzenich-Orchester und Chor Köln, Choreinstudierung: Andrew Ollivant

Solisten: Zoran Todorovich (Pollione), Nikolai Didenko (Oroveso), Edita Gruberova (Norma), Regina Richter (Adalgisa), Machiko Obata (Clotilde), Jeongki Cho (Flavio)

Besuchte Aufführung: 18. Januar 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Der römische Prokonsul Pollione, der von der Oberpriesterin Norma zwei Kinder hat, liebt jetzt die Novizin Adalgisa. Bei einer Kultfeier für die Mondgöttin  gibt Norma aber nicht das erwartete Zeichen zum Angriff auf die Römer, da sie ihren Geliebten Pollione nicht der Kriegsgefahr aussetzen will. Indessen vertraut Adalgisa ihr an, daß sie in einen Römer verliebt sei. Als sich herausstellt, daß es ihr Geliebter Pollione ist, klagt Norma diesen wütend des Verrats an. Sie gibt das Zeichen zum Angriff auf die Römer. Zur selben Zeit entdeckt man Pollione im Tempel, der Adalgisa entführen will, die lieber bei Norma geblieben wäre. Vergeblich ist Normas Versuch, Pollione zum Verzicht auf Adalgisa zu überreden. In ihrer tiefen Enttäuschung präsentiert sie sich den Druiden als wortbrüchige Priesterin und wird zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Als Pollione erkennt, welcher Frau er untreu geworden war, folgt er ihr in den Tod.

Sänger und Orchester

Dynamisch sehr genau, aber heftig und laut beginnt das Orchester. Flöten, Oboen, Klarinetten und auch Hörner spielen akkurat und ihre Tonbildung ist sehr angenehm. Nikolai Didenko (Oroveso) hat eine voluminöse Baßstimme, seine Tiefen kommen rund und genau, und das anfänglich kehlige seiner Stimme verliert sich im Verlauf völlig (Anpassung an den Raum?). Das Orchester überdeckte ab und zu selbst seine mächtige Stimme. Glücklicherweise steht er ja bei dieser konzertanten Aufführung vor dem Orchester. Als dann Zoran Todorovich (Pollione) auftritt, wird sein kraftvoller Tenor nicht mehr vom Orchester überdeckt. Er artikuliert gut und intonationssicher. Anfänglich geringes Pressen verschwindet und seine Stimmführung ist von angenehmem, lyrischem Timbre geprägt, besonders in den Duetten mit Adalgisa und Norma, wo auch seine ungemein biegsame Art, sich den vielen Verzögerungen und dynamischen Schwankungen anzupassen, von großer Musikalität zeugen.  Ebenso entführt seine rhythmische Genauigkeit den Zuhörer in die Belcantoseligkeit Bellinis. Großer Applaus schon bei seiner ersten Arie.

Die Chöre dieser Oper sind technisch schwierig. Aber der berühmte „Kriegschor“ Guerra, guerra – Krieg, Krieg als Aufforderung der Druiden zum Aufstand wird mit einem rhythmischen Elan geboten, der seinesgleichen sucht. In den beiden Duetten Edita Gruberovas (Norma) und Regina Richters (Adalgisa) (Ende  1., Beginn 2. Akt) zeigen die beiden Sängerinnen eine große rhythmische und dynamische Einheit. Ihre beiden Stimmen weisen eine sublime klangliche Einheit und ein wunderbares Ebenmaß an Tonschönheit auf, ganz abgesehen von der untadeligen Tongenauigkeit, was einen riesigen Beifallssturm auslöst. Besonders Regina Richter erreicht eine Höchstform, die vielleicht nur durch eine solch großartige Partnerin möglich ist.

Mit Spannung wird Edita Gruberova, die einmalige Belcantistin erwartet. Bellini hat mit dem Gebet (Preghiera) an den Mond Casta diva, che inargenti– keusche Göttin, die du im Silberglanz eine außerordentliche gesangliche Schwierigkeit am Opernbeginn für die betreffende Sängerin geschaffen: Nach einem langen Orchestervorspiel, bei dem die Flöte die ungemein eindringliche Melodie der Sängerin gewissermaßen zur Nachahmung vorlegt, kommt die Stimme zur Geltung – eine kolossale Nervenanspannung für die Solistin. Sie muß den schmelzenden Flötenton noch um einiges intensivieren, gewissermaßen ihre ganze Frömmigkeit hineinlegen, und ihrer sich Ton für Ton emporschwingende  Gesangslinie einen Schmelz vermitteln, so daß wir Zuhörer gewissermaßen mit ihr beten. Diese wenigen Andeutungen der in der gesamten Belcanto-Literatur einzigartigen Arie bringen deutlich zutage, was Edita Gruberova hier leisten mußte. Und sie bleibt unübertroffen: welche Intensität der Phonation (Stimmbildung), welche enorme Energie in den hohen und höchsten Stimmlagen (sie hatte die höhere Version in G-Dur, statt in F-Dur gewählt), das zarteste Piano, das sie bis zum größten Forte anschwellen läßt mit ihrer unnachahmlichen Fähigkeit der messa di voce (das An- und Abschwellen der Stimme). Ihre schlanke Stimme bekommt dann und wann eine ungeheure Durchschlagskraft, ihre Atemtechnik erlaubt langgezogene Legatostellen, die schier unendlich sind. Hinzu kommt ihre geradezu bestürzende Musikalität, die eigentlich den gesamten Abend prägt, steht sie doch fast unentwegt auf der Bühne, auch physisch ein ganz große Leistung.

Fazit

Ein Abend von großer unvergeßlicher Eindringlichkeit, eine Festabend für die Oper Köln. Das Publikum ist zu Recht begeistert und gibt im Stehen Befallssalven.

Dr. Olaf Zenner

Bild: Paul Leclaire Das Bild zeigt: Edita Gruberova (Norma), Zoran Todorovich (Pollione)

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen