DER FREISCHÜTZ – Erfurt, Theater

von Carl Maria von Weber (1786-1826), Romantische Oper in drei Aufzügen. Libretto: Johann Friedrich Kind, UA: 18. Juni 1821 Berlin, Königliches Schauspielhaus, UA (Version Berlioz): 7. Juni 1841 Opéra de Paris

Regie: Dominique Horwitz, Bühne/Kostüme: Hank Irwin Kittel

Dirigent: Walter E. Gugerbauer, Philharmonisches Orchester und Opernchor des Theaters Erfurt, Choreinstudierung: Andreas Ketelhut

Solisten: Kelly God (Agathe), Andreas Schager (Max), Daniela Gerstenmeyer (Ännchen), Albert Pesendorfer (Kaspar), Dario Süß (Kuno), Jörg Rathmann (Kilian),  Florian Götz (Ottokar), Vazgen Ghazaryan (Eremit), Samiel gestrichen

Besuchte Aufführung: 14. Januar 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

Max, Jägerbursche des Erbförsters Kuno und Bräutigam von dessen Tochter Agathe, hat beim Schützenfest verloren. Und das bevor er am nächsten Tag den Probeschuß abgeben muß, von dem seine weitere Laufbahn, aber auch die Hochzeit mit Agathe abhängt. Der verzweifelte Max läßt sich von Kaspar überreden von Samiel Freikugeln zu fordern, die nie ihr Ziel verfehlen. Max erhält in der Wolfsschlucht um Mitternacht sieben Freikugeln, von denen die letzte vom Teufel geleitet wird. Beim Probeschuß hat Max nur noch diese letzte Freikugel übrig. Er schießt auf eine weiße Taube, Agathe schreit auf und sinkt zu Boden – jedoch nur in Ohnmacht, während Kaspar tödlich getroffen ist. Max gesteht seinen Pakt mit dem Teufel. Aber weil der Eremit für ihn bittet, muß er nur ein Probejahr bestehen, bis er Agathe heiraten darf.

Aufführung

Das Bühnenbild besteht aus überdimensionalen Quadern, die übereinander geschichtet ein unübersichtliches Gebilde von Stufen ergeben. Dazu gesellen sich ein überdimensionaler umgekippter Bilderrahmen und ein genauso überdimensionaler Nagel, der sich durch die Stufen bohrt. Die Wolfsschlucht befindet sich unmittelbar darunter, die Baumriesen und Schlingpflanzen im Bühnennebel werden per Hubpodium sichtbar. Oben links eine Empore, von der Ottokar und Kuno grüßen, oben rechts thront auf einem Podest ein Schneegeier, der dem Geschehen die kalte Schulter zeigt. Unbeschreiblich die dunklen Einheits-Kostüme, aus denen eine kohlartige Masse herausquillt, die geplatzten Kohlköpfe werden auch als Kopfbedeckung getragen. Nur der Eremit trägt ein weißes Negligé, hingegen verwandeln sich der Jägerbursche Max und die bunt gekleidete Agathe zum Ende hin ebenfalls in einen Kohlkopf.

Sänger und Orchester

Kein Titel in der gewohnten Reihenfolge, die Nummern gewaltig durcheinander gewirbelt, teilweise unvollständig oder neu zusammengesetzt. So beginnt der Abend mit Kommt ein schlanker Bursch gegangen und fährt mit Kaspars Trinklied fort – das Vorspiel wird häppchenweise später eingestreut. Auch stirbt Kaspar nicht am Ende, sondern bildet mit Ännchen in einem ungewohnten doppelten Duett ein Gegenpaar zu Max und Agathe. Die Darsteller haben Probleme ihre Einsätze in den durcheinandergewirbelten Nummern wiederzufinden, ergeben sich doch neue Klangbilder und Texte ohne Reim. Die Sänger fühlen sich ohrenscheinlich unwohl, normale Maßstäbe für eine Beurteilung der Gesangsleistung kann man hier nicht ansetzen. Am besten kommt Jörg Rathmann zurecht, der zeigt, wie witzig man den hier omnipräsenten Kilian gesanglich gestalten kann. Schauspielerisch ebenbürtig ist Daniela Gerstenmeyer als  lyrisch verhaltenes Ännchen, auch wenn Nero, der Kettenhund gestrichen ist. Kelly God (Agathe) und Andreas Schager (Max) können insgesamt überzeugen, mit Albert Pesendorfer (zuletzt in Nürnberg als Sachs) hat man einen sehr intelligenten Kaspar ohne falsche Dämonie gefunden. Vazgen Ghazaryan als Eremit ist ein sehr volumenstarker Baß. Walter Gugerbauer behielt die Übersicht, bemüht sich um Einsätze und um einen dynamischen Fluß, die Sambatrommel-Einlage beim hüfteschwingenden Kugelgießen muß er verantworten. Der Chor ist wie gewohnt sehr souverän.

Fazit

Hätte man den Abend als Opernexperiment nach dem Freischütz von Weber bezeichnet, hätte man sich einstellen können – auf ein dann sicherlich interessantes Opernexperiment a la Schlingensief. So aber urteilte das Publikum gnadenlos, mit einem für Erfurter Verhältnisse lautstarken Buhkonzert für Dominique Horwitz, der in dieser Produktion Gespür für Webers Musik vermissen ließ. Die vielen offenen Fragen an ihn lassen sich in der gestrichenen Textzeile Ottokars manifestieren: Nur du kannst dieses Rätsel lösen, wohl schwere Untat ist geschehn! Wer sich für Opernexperimente interessiert wird hier glücklich werden, wer Webers Werk sucht, wohl weniger.

Oliver Hohlbach

Bild: Lutz Edelhoff

Bildlegende: Das Bild fiel von der Wand: Vazgen Ghazaryan (Eremit), Daniela Gerstenmeyer (Ännchen), Andreas Schager (Max), Kelly God (Agathe), und Albert Pesendorfer (Kaspar), betrachten den Unfall. (v.l.n.r.)

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