Bregenzer Festspiele 2021

Rigoletto

von Giuseppe Verdi (1813-1901), Oper in drei Akten (1851), Libretto: Francesco Maria Piave nach Victor Hugos Le Roi s’amuse (1832)

UA:  11. März 1851 Venedig , Teatro la Fenice

Regie: Philipp Stölzl, Bühne, Kostüme: Philipp Stölzl, Heike Vollmer, Licht: Georg Veit, Philipp Stölzl

Dirigent: Julia Jones, Wiener Symphoniker und Prager Philharmonischer Chor

Solisten: Long Long (Der Herzog von Mantua), Vladimir Stoyanov (Rigoletto), Ekaterina Sadovnikova (Gilda), Miklós Sebestyén (Sparafucile), Katrin Wundsam (Maddalena/Giovanna), Jordan Shanahan (Der Graf von Monterone), Ilya Kutyukhin (Marullo)
Taylan Reinhard (Borsa), Jorge Eleazar (Der Graf von Ceprano), Shira Patchornik (Die Gräfin), Hyunduk Kim (Page)

Besuchte Aufführung: 1 .August 2021 (Seebühne)

Vorbemerkung

Bregenz liegt an der Nahtstelle zwischen Deutschland und der Schweiz, zwischen Bodensee und den Alpen. Die Region „Bregenzer Wald“ ist wegen seiner kulinarischen Angebote, Wanderausflügen (z.B. auf der Käsestraße), den Bade- und Schiffsmöglichkeiten, der herrlichen Natur (Mainau, Reichenau) sehr begehrt – sind die Bregenzer Seefestspiele das Tüpfelchen auf dem I. Im Jahr 2020 mußten sie leider ausfallen, immerhin war es möglich das Programm in wichtigen Teilen dieses Jahr nachzuholen. Im Zeitalter von Corona waren die Corona Maßnahmen von großer Bedeutung. In Österreich (Tu felix Austria!) war es Dank „3G“ fast uneingeschränkt möglich, die Kultur zu genießen. Auf der großen Bühne waren alle Plätze freigegeben, im Festspielhaus mußten Plätze frei bleiben, die Maske wurde zum freiwilligen Objekt. Für die Zugangskontrolle wurde der Platz (der „Wiener Symphoniker“) vor dem Festspielhaus abgesperrt, aber zwei Schleusen ermöglichen die zügige Prüfung der „3G“-Zulassung – und so fließen die 7000 Rigoletto-Gäste durch die Abenddämmerung zur pünktlich beginnenden Freilichtaufführung.

Aufführung, Sänger und Orchester

Die Opern auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele sind für ihre spektakulären Effekte und hohen Unterhaltungswert bekannt. Auch für das Bühnenbild des Rigoletto in der Regie von Philipp Stölzl wurde hoher Aufwand betrieben und mit filigraner Technik und Computersteuerung drei markante Kulissen gebaut. In der Mitte ein großer Kopf mit Augen, Nase und Mund, der auch Zähne beinhaltet. Der Mund klappt auf und wird zur Loge für den Herzog, der hier ein Zirkusdirektor ist. Auch werden ihm von der devoten Zirkustruppe die Damen zugeführt. Der Mund schließt sich, das weitere Geschehen bleibt gnädig im Dunkeln. Die Augen kann er rollen, die Lider können teilweise und ganz geschlossen werden. Da der Kopf drehbar, kippbar und in der Höhe fahrbar ist, kann er jede Person fixieren, jede Handlung und größere Personengruppen in Augenschein zu nehmen. So gelingt es bei diesem Kopf, Gesichtsausdrücke aufzuprägen, was man bei Puppen bislang kaum gesehen hat. Seine rechte Hand ist voll beweglich, besonders auch die fünf Finger sowie der Handrücken und das Handgelenk. Die Gestik unterstützt die Mimik des Kopfes entsprechend, auch können Personen über diese Hand laufen, diese quasi als Brücke zu dem Kopf nutzen, um zu versuchen, in den Mund einzusteigen. Die linke Hand hält einen Ballon mit Korb fest, läßt diesen für Gilda zweimal steigen. Gilda wird in einer akrobatischen Aktion aus diesem Ballon entführt und in den Mund zum Herzog gebracht.

Der Kopf ist der Erzähler des Stückes, ist also Rigoletto, er altert für ihn, steckt die Schläge der Mitwirkenden ein, er verliert Augen, Nase und Zähne und ist am Ende ein zahnloser alter Mann. Rigoletto trägt auch einen Kragen, der wie die Spielflächen um den Kopf und die beiden Hände aussieht. Hier lacht man über die Hofgesellschaft, sieht unter der Leitung des herzoglichen Zirkusdirektors eine Vorstellung mit Clowns und Akrobaten, mit Dressur und Aktionen, auch eine Leiter kommt spektakulär zum Einsatz, ein Affe taucht auf. Die Pagen und Zirkusdiener in roter Uniform, sind die Schläger, die die Damen in Abendgarderobe in die Loge (den Mund) des Herzogs hieven. Was die Ehemänner im Frack lautstark beklagen.

Zwei Stunden lang werden diese Zirkusszenen, Tanznummern, Ballonfahrten von Stuntmen spektakulär in Szene gesetzt. Dabei hat man die Zeit auch für Verbesserungen genutzt: Der Fluch des Grafen von Monterone wirkt viel theatralischer und die (mitunter die Handlung zu stark konterkarierenden) Clown-Auftritte wirken reduziert. Bei all diesem Trubel und Gewimmel ist es fast ein Wunder, daß die Solisten ihren Raum erhalten, um ihre Aufmerksamkeit beim Publikum zu erhalten. So freut man sich auf das Donna e mobile – Oh wie so trügerisch. Long Long ist ein mit klarer, strahlender Höhe beindruckender Herzog von Mantua. Vladimir Stoyanov, wieder in der Titelrolle des Rigoletto, ist überzeugender als gequälter Clown, der seine Tochter verloren hat, denn er gewinnt (Dank der geänderten Inszenierung?) mehr Raum, Verve und Leidensfähigkeit. Seine LaLaLa-Rufe sind berührende Zeichen einer gequälten Seele. Eine tiefe Verzweiflung wird in der Figur des Rigoletto aber nicht glaubhaft. Dafür gelingt es ihm, die lüsterne Frivolität der Ballmusik mit den steiferen hochherrschaftlichen Klangbildern Verdis zu verknüpfen – durchaus passend auch als Zirkusmusik für Clownesken und Tierdressuren.

Die Gilda von Ekaterina Sadovnikova ist der Liebling des Publikums, ihre klare jugendliche, aber auch dynamische und höhensichere Stimmführung begeistert das Publikum. Auch das Ensemble der kleineren Rollen kann der Übertragung der Gesangsstimmen und der Zumischung des Orchesters per Lautsprecher einen sehr positiven Eindruck abgewinnen.

Julia Jones hätte ruhig etwas mehr Feuer bei den Solisten und den Wiener Symphonikern entfachen können. Alles wirkte stellenweise etwas zu gediegen – es plätschert so dahin. Auch den Prager Philharmonischen Chor kann er passend einbinden – auch wenn sie an vielen Aktionen auf der Bühne beteiligt sind.

Fazit

Mit dieser Inszenierung des Rigoletto verabschiedet sich ein Publikumsliebling von Bregenz. Dank einer sehr bunten und plakativen Inszenierung, die mittels eines technisch brillanten Bühnenbildes umgesetzt wird, die die Gestik und Mimik eines großen Kopfes und einer Hand ermöglichte, wird eine märchenhafte Geschichte möglich und Bühnentechnikgeschichte geschrieben. So viel Aufwand wurde für die Steuerung der einzelnen Bewegungen der vielen einzelnen Teile wohl noch nie betrieben. Und das war bestens zu hören: die Bühnentechnik hat die Zeit genutzt; zu den 2019 ersetzten 29 Lautsprechermasten um die Tribüne kamen nun weitere 270 Lautsprecher…! Denn Clemens Wannemacher will über 96 verschiedene Kanäle die problematischen 70 Millisekunden unhörbar machen: die Zeitspanne, damit der Ton von der ersten zur letzten Sitzreihe kommt; also wurden im Zentralbereich der Tribüne unter den Sitzen unsichtbare schmale Lautsprecher eingebaut. So kann Bregenz mit jedem Surround-Sound im Actionkino mithalten. Leider im nächsten Jahr nicht mehr mit Rigoletto, der genauso wie das Auge der Traviata unvergeßlich bleiben wird.

Oliver Hohlbach
Bild: Karl Forster

Nero

von Arrigo Boito (1842-1918), Tragödie in vier Akten (1924), Libretto :Arrigo Boito, UA: 1. Mai 1924, Teatro alla Scala, Mailand

Regie: Olivier Tambosi, Bühne, Kostüme: Philipp Stölzl, Heike Vollmer, Licht: Georg Veit, Philipp Stölzl

Dirigent: Dirk Kaftan, Wiener Symphoniker und Prager Philharmonischer Chor, Chorleitung: Lukáš Vasilek

Solisten: Rafael Rojas (Nerone), Lucio Gallo (Simon Mago), Brett Polegato (Fanuèl), Svetlana Aksenova (Asteria), Alessandra Volpe (Rubria), Miklós Sebestyén (Tigellino), Taylan Reinhard (Gobrias), Ilya Kutyukhin (Dositèo), Katrin Wundsam (Alt)

Besuchte Aufführung: 2 .August 2021 (Festspielhaus)

Kurzinhalt

Die Suche und Präsentation von seltenen „Opern-Gewächsen“, nach bislang nicht im Shop käuflichen „Orchideen“ ist schätzenswerter Bestandteil der Bregenzer Dramaturgie. Manchmal nur blüht die Ausgrabung nicht auf Hypertrophie, sondern besitzt lauter Merkmale derselben.

Aufführung

Arrigo Boito (1842–1918) ist eine herausragende Figur der italienischen Kulturszene: so vielfach begabt und produktiv tätig, daß Bewunderung angebracht ist – allein der Opernfreund muß für die rettende Umarbeitung des Librettos zu Verdis Simon Boccanegra dankbar sein; Boitos Libretto des Otello setzt eigene Akzente und kann sich in Verdis Vertonung neben Shakespeares Drama behaupten – und beider Falstaff ist ein vielfältig funkelnder „Opera-Brillant“. Doch nicht genug: Boito hat auch selbst komponiert – sein Mefistofele kann beeindrucken… und dann scheint ihm so etwas wie ein „Goethe Faust II“ aus der italienischen Kultur vorgeschwebt zu haben. Fast sechzig Jahre hat er mit Thematik, Form und Werk gerungen, mehrfach umgearbeitet, vier Akte fertig gestellt, einen fünften konzipiert und ein monumentales Gemisch hinterlassen.

Roms Kaiser Nero, gezeichnet vom ödipalen Leiden vom Mord der eigenen Mutter, die ersten Christen, der Prophet Fanuèl mit den aus der Bibel übernommenen „Seligpreisungen“, spätrömische Dekadenz, der Häretiker Simon Mago, symbolistisch-magisches Gewese, allerlei dubioses Gelichter um den machttrunkenen Herrscher, zwei liebende Frauen, Chormassen, deren Vielfalt im Opernlexikon zehn Zeilen umfaßt, Ballett und eine Statisterie in sechzehnzeiliger Aufzählung… das ist im regulären Opernbetrieb nicht zu bewältigen.

Sänger und Orchester

Den Wiener Symphonikern, dem Prager Philharmonischen Chor, den außer dem etwas zu sehr detonierenden Fanuèl von Brett Polegato durchweg sehr gut singenden Rafael Rojas (Nerone), Lucio Gallo (Simon Mago), Sventlana Aksenova (Asteria) und Alessandra Volpe (Rubria) und allen übrigen sei für vokales Festspielniveau gedankt – und Arrigo Boito als Intellektueller weiter bewundert, aber nicht für sein mißratenes Leidenskind „Nerone“..

Fazit

Was im regulären Opernbetrieb nicht zu bewältigen ist, gelingt leiser auch nicht auch nicht im Festspiel: denn Gesine Völlm wollte sich als Kostümkünstlerin verwirklichen und verunklarte mit Glitzer und Zauber und stilistischem Vielerlei die Figuren; Frank Philipp Schlössmann wollte sich als Bühnenbildkünstler verwirklichen, ließ Drehbühnenringe mit bühnenhohen Lichtsäulen in wechselnden Farben dauerkreisen, stellte neben heutige Fauteuils stilisierte Bäume, dann auch einen halbalten Schreibtisch mit Bürolampe und machte aus einem Altar einen Billardtisch; Olivier Tambosi wollte sich als Regiekünstler verwirklichen, ließ die Hauptfiguren durch das szenische Gewirr irren und die Chormassen wogen… Ergebnis: hypertrophe Theatralik an der Grenze zur Unverständlichkeit – der klassische Fehler: die Macher haben sich lange mit einem komplexen, unbekannten Werk befaßt, aber den einmal in einer Aufführung sitzenden Opernfreund völlig aus den Augen verloren und ihm nichts „klar gemacht“, sondern irgendwie alles „Blüten treiben lassen“. Matter Beifall, zu wenig Buhs.

All das trifft nicht auf die musikalische Seite zu. Dirigent Dirk Kaftan machte Boitos stilistische Vielfalt, seinen Sinn für dramatische Umbrüche, Chor- und Instrumentalfernwirkungen und immer wieder auch vokale Entfaltung hörbar – nur eben auch eine gewisse ariose Kurzatmigkeit, weil Boito schon zum nächsten Einfall übergeht, ehe der vorherige voll und einprägsam tönen konnte. Für die musikdramatische Problematik des ganzen Werkes mag das Ende der jetzt gespielten vieraktigen Fassung stehen: nach dem kaum zu bewältigenden Brand Roms sitzt Nero teilnahmslos herum und beobachtet ein melodiös schön komponiertes Liebesduett zwischen der sterbenden Rubria und Fanuèl… dann Vorhang zu und kaum Fragen offen – denn das Werk ist in dieser Form nicht zu retten.

Oliver Hohlbach
Bild: Nero, in der Mitte Roland Rasemann, Bregenzer Festspiele

 Orchesterkonzert mit  den Wiener Symphonikern

Das Rheingold

von Richard Wagner (1813–1883), Vorabend zu dem Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, Text : R. Wagner, UA: 22. September 1869 München, Nationaltheater

Konzertante Einrichtung: Johannes Erath

Dirigent: Andrés Orozco-Estrada, Künstlerische Mitarbeit: Bibi Abel

Solisten: Brian Mulligan (Wotan), Michael Nagl (Donner), Patrik Reiter (Froh),Will Hartmann (Loge), Markus Brück (Alberich), John Heuzenroeder (Mime), Levente Páll (Fasolt), Dimitry Ivashchenko (Fafner), Annika Schlicht (Fricka), Gal James (Freia), Claudia Huckle (Erda | Floßhilde), Liv Redpath (Woglinde), Svetlina Stoyanova (Wellgunde)

Besuchte Aufführung: 1 .August 2021, (Festspielhaus)

Kurzinhalt

Alberich wirbt um die drei Rheintöchter, die ihn aber nur verspotten. Daraufhin entsagt er der Liebe und stiehlt ihnen das Rheingold. Aus diesem Gold läßt er einen machtvollen Ring schmieden, mit dessen Kraft er sich die Nibelungen untertänig macht. Die Riesen Fafner und Fasolt haben für den Gott Wotan die Burg Walhall erbaut, und fordern nun von ihm als ihren Lohn die Göttin Freia. Doch Wotan will Freia nicht herausgeben, und der intrigante Gott Loge überzeugt ihn davon, als Ersatz Alberich den Ring und das Rheingold wieder zu entreißen. Alberich verflucht den Ring, den Wotan den Riesen zum Rheingold reicht, um Freia auszulösen. Fafner erschlägt seinen Bruder, die Götter aber ziehen in die Burg Walhall ein.

Aufführung

Zu ihrem Jubiläum „75 Jahre Festspielorchester in Bregenz“ wollten die Wiener Symphoniker etwas Besonderes: also Wagners Rheingold.

Nachdem die Pandemie und in Folge die Absage der Festspiele 2020 Kräfte und Finanzen kräftig durcheinandergerüttelt haben: kein reines Gold, sondern eine von Regisseur Johannes Erath eingerichtete „halbszenische“ Aufführung unter künstlerischer Mitarbeit von Bibi Abel: das Orchester auf der Bühne des Festspielhauses, ein Podium im hinteren Teil des Orchesters, der hochgefahrene Orchestergraben und die Parkettgänge von den Solisten bespielt, im Hintergrund Abels Video-Projektionen.

Im völlig abgedunkelten Zuschauerraum erklang schon die „Weltentstehung“ in Es-Dur zu schnell. Zu dieser Fließwasser-Projektionen begleitete dann der neue Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada die Wasserspiele der Rheintöchter mit amüsant ausgreifenden Hüftschwüngen; sein weiteres Wagner-Verständnis schien von seiner kolumbianischen Herkunft eingefärbt: flüssig bewegt, aber nicht zu schnell und nur durchweg klangschön. Erst zum finalen Einzug der Götter nach Walhall ließ er insbesondere den ganzen Blechsatz der Symphoniker voll aufspielen – doch zuvor hatten Alberichs Gier und dann Raublust, seinem Liebes- und dann Goldfluch, der Beschwörung des finsteren Weltreichs, auch der gewaltsamen Ring-Aneignung Wotans Wucht – all die Kanten und die Grenzen zum grellen Klangschrei gefehlt. Insgesamt klangliches Weichgold.

Dazu ließen Erath-Abel die Rheintöchter mit weißen Kurzhaar-Perücken zum verführerisch dekolletierten Frack auftreten und sich in drei Liegestühlen vorne an der Bühne räkeln, dann auch die übrigen Solisten im Frack oder Abendrobe: „Babylon-Berlin“ grüßte – keine Differenzierung zu den Bau-Proletariern Fasolt und Fafner, zu Alberich und Mime. Wieso etwa letzter sich eine der Rheintöchter krallen und in eine Art Olympia-Automaten verwandeln konnte, diese dann aber zur Endklage wieder reguläre Rheintochter waren, blieb Regiegeheimnis – ganz zum Unterschied zu dem allzu grellen Loge von Will Hartmann im glitzernden Pailletten-Jackett eines Conférenciers mit textverdoppelnder Gestik und Aktion. Abels Videos von anfänglicher Synchron-Schwimm-Gymnastik von drei ansehnlichen Frauenbeinpaaren im Wasser verkamen zu später unverständlichen Bildsequenzen. Szenisch eher verunreinigtes Misch-Gold.

Dafür viel vokaler Glanz: Zwar muß der Wotan von Brian Mulligan noch an Vokalverfärbungen und grammatikalisch richtigen Wortendungen arbeiten, ansonsten aber bringt er schön füllige Baritonphrasen. Der kurzfristig eingesprungene Alberich von Markus Brück besaß vokal Gift, Kante und Gefährlichkeit. Fiel schon das dunkle Leuchten von Claudia Huckles Floßhilde auf, so füllte dann herrliches „Alt-Gold“-Strömen ihrer Erda vom hinteren Ende des Parketts den ganzen Zuschauerraum. Die Vernachlässigung Wotans der eleganten Bühnenerscheinung und betörenden Mezzo-Töne von Annika Schlichts Fricka blieb geradezu unverständlich und Levente Pall sang einen markant entschiedenen, dann den wohl lyrisch schönst verliebten Fasolt der derzeitigen Wagnerbühne. Einhelliger Schlußbeifall, der nur beim Bühnenteam etwas abflachte.

Die Oper heißt zwar Rheingold, aber vom Rhein ist im dunklen Raum eines Museums nichts zu sehen. Über der Bühne hängt eine übergroße Mondscheibe, hinter der sich auch eine Erdscheibe verbirgt, dahinter ein großer Lichtstrahler, der für die Sonne oder Walhall steht. Besucher bestaunen den Stumpf der eingegangenen Weltesche und die drei Rheintöchter als Ausstellungsobjekte in drei Glasvitrinen (mit transparentem Cape wirken sie eher ägyptisch). Sie erwachen zum Leben, als sich Alberich unter den Schmutzfangmatten hervorwühlt. Die Besucher sitzen bis zum Schluß der Vorstellung auf Museumsklappstühlen und beobachten zunächst wie Alberich das Rheingold in Form eines großen goldenen Gehirns raubt. Wotan erwacht von einer Art Todesschlaf auf einer Plattform, den Blumenschmuck räumen die männlichen Götter in eine mitgebrachte Schüssel. Die Riesen kommen im großen Fellmantel, darunter tragen sie eine Art Schutzausstattung – wohl für American Football. Auch die Götter tragen gerne Pelzmantel – als Machtsymbol. Die Plattform versinkt im Boden, durch die Öffnung am Boden schwingen sich Wotan und Loge in die Schwefelkluft, aus der Öffnung taucht auch Mime mit dem Kettengewirk des Tarnhelms in der Hand auf. Alberich als Schlange bleibt unsichtbar, wird nur mit verschrecktem Blick auf das Publikum angedeutet. Nachdem Alberich als kaum sichtbarer kleiner Frosch festgenommen wurde, senkt er unter Zwang den Goldschatz – ein vergrößertes goldenes Hirn – von oben auf Freia herab, bevor ihm Wotan den kleinen Ring vom Finger zieht. Eine Besucherin verwandelt sich kopfschüttelnd in Erda und mahnt Wotan den Ring abzugeben. Aus der liegengelassenen Handtasche Erdas entwendet Wotan eine Sonnenbrille. Die benötigt er für den Einzug nach Walhall, denn das Licht blendet doch stark. Die Götter stehen auf der Plattform, eine große Lichtquelle im Hintergrund steht für Walhall, die Brücke wölbt sich imaginär aus dem Publikumsraum hinauf. Die Rheintöchter ohne Cape dürfen noch kurz das Rheingold beweinen, was die Götter sektschlürfend ignorieren – eine schöne Pose für das monumentale Schlußbild.

Sänger und Orchester

Es reift langsam die Erkenntnis, daß man mittlerweile überall einen Ring auf hohen Niveau besetzen kann.
Auch an vermeintlich kleinen Häusern. In Coburg kommt noch hinzu, daß fast alle Rollen aus dem Haus  besetzt werden können, nur Simeon Esper als Loge und Evelyn Krahe als Erda firmieren als Gäste. Der ganz große Glücksgriff ist Michael Lion als Wotan. Der altgediente Baß am Haus hat keinerlei Probleme mit den Tiefen und zeichnet den zweifelhaften Charakter eines verzweifelten Gottes mit eloquenter weicher Stimme und langen tragenden Phrasierungen. Ebenso eloquent gestaltet Simeon Esper quasi wie ein Liedsänger die Rolle des Loge, auch wenn er manchmal etwas zu hart phrasiert und ungewohnte Klangbilder erzeugt. Da ist als gleichwertiger Antipode zu Wotan Martin Trepl als Alberich viel überzeugender. Bislang eher mit kleineren Rollen betraut, wächst er über sich hinaus und baut die Rolle als wortverständliche Charakterzeichnung aus. Dirk Mestmacher ist als Spieltenor mit der Rolle des Mime gut im Rennen. Er kann sich mit tenoralem Glanz stimmlich gegen Alberich durchsetzen. Marvin Zobel ist der spielerisch sichere Donner, die imposanten Heda-Hedo-Rufe sind markante Punkte. Peter Aisher gibt den Gott Froh mit lyrischem, gefühlvollen Tenor, kann mit dem Ausruf Zurück! wie ein Heldentenor explodieren. Felix Rathgeber kann den Fasolt nicht nur charakterlich, sondern auch stimmlich vielschichtig gestalten. Sein sicherer Baßbariton verfügt über eine große Palette an Stimmfarben und Ausdruckskraft. Bartosz Araszkiewicz mit großer Tiefe und viel gurgelnden Pathos kann nicht mithalten, er tremoliert und klingt als Fafner zu rauh. Kora Pavelic überrascht als Fricka mit einer sehr lyrisch ausgeprägten Stimme, die eine liebevolle Ehefrau gibt, während Evelyn Krahe mit ihrem kräftigen dunklen „echten“ Alt eine weise Erda ist. Besonders lobenswert die durchschlagskräftigen Rheintöchter, die stimmlich bestens miteinander harmonieren. Roland Kluttig schweißt die Sängerriege zusammen und ihm gelingt es auch dem Philharmonischen Orchester das richtige Gefühl für den Ring zu vermitteln.

Fazit

Selten hat man das Anschwellen des Rheins, den berühmten Es-Dur-Akkord am Anfang, so feinsinnig gewoben und transparent gehört wie das Roland Kluttig gelang. Beim Einzug der Götter wirkt es trotz kleinem Orchester monumental und wuchtig, aber man hört auch feine Nuancen und ausgefeilte Klänge in den leiseren Passagen. Ein wirklicher Unterschied zu den Interpretationen großer Orchester mit kompletter orchestraler Besetzung ist eigentlich nicht auszumachen – und das ist bei reduzierter Besetzung – z.B. nur einer Harfe statt bis zu acht Harfen – schon eine Leistung.

Oliver Hohlbach

Veröffentlicht unter Aktuelles, Bregenzer Festspiele