Le Comte Ory – Der Graf Ory – Paris, Opéra Comique

von Gioacchino Rossini (1792-1858), Oper in zwei Akten, Libretto: Eugène Scribe und Charles-Gaspard Delestre-Poirison nach einem Vaudeville (1816) nach der Romance Le Comte Ory et les nonnes der Farmoutiers aus der Sammlung Pièces intèressantes et peu connues pour servir à l’histoire et à la littérature (1785) von Pierre-Antoine de La Place, UA: 20. August 1828 Paris, Opéra, Salle de la rue Le Peletier (Originalsprache Französisch)

Regie: Denis Podalydès, sociétaire de la Comédie-Française, Bühnenbild: Éric Ruf, Kostüme: Christian Lacroix, Licht: Stéphanie Daniel

Dirigent: Lous Langrée, Orchestre des Champs-Élysées

Solisten: Philippe Talbot (Graf Ory, Schloßherr), Gaëlle Arquez (Isolier, Page des Grafen), Julie Fuchs (Comtesse Adèle, Schwester des Grafen Farmoutiers), Éve-Maud Hubeaux (Dame Ragonde, Pförtnerin des Schlosses), Patrick Bolleire (Erzieher des Grafen), Jean-Sébastien Bou (Raimbaud, Ritterl, närrischer Gefährte des Grafen), Jodie Devos (Alice, junge Bäuerin), Chor: Kreuzritter, Ritter aus dem Gefolge des Grafen Ory, Knappen, Hofdamen der Gräfin; Bauern, Bäuerinnen

Besuchte Aufführung 19. Dezember 2017 (Premiere, Koproduktion Opéra Royal de Wallonie, Opéra Royal, Château de Versailles Spectacle)

Vorbemerkung

Die Opéra-Comique ist nach ihrer Geschichte das älteste Opernhaus der französischen Hauptstadt. Seit ihrer Gründung 1783 steht das Gebäude an der Place Boieldieu im 2. Arrondissement, nahe dem Boulevard Italien. Charles-Simon Favart, der erste Direktor gab dem Gebäude seinen Namen. Es brannte danach dreimal ab, so daß man von drei Favart-Sälen spricht. 1898 entstand der heutige Bau als dritter Favart-Saal. Die Opéra-Comique arbeitet mit dem Palais Garnier (1875 errichtet) und der Opéra Bastille (1989 eröffnet) zusammen. Als drittes Opernhaus gilt das Théâtre des Champs-Élysées an der Avenue Montaigne (Seitenstraße Champs-Élysées). Der Salle Favart mit prächtigem Zuschauerraum hat etwas typisch Pariserisches. Ein geräumiges Foyer bietet dem Besucher Rekreation. Man sollte auch nicht vergessen, daß hier die berühmtesten Opern, allen voran Bizets Carmen, aber auch Massenets Manon, ihre Uraufführungen erlebten.

Viele Musikstücke wurden aus der Oper Il Viaggio a Reims – Die Reise nach Reims, uraufgeführt am 19. Juni 1825 im Théâtre Italien Paris, in den Graf Ory übernommen. Das merkt man der neuen Oper aber keinesfalls an, denn Rossinis Genie hat wiederum eine durchaus neue Oper komponiert, die mit ebensoviel organisiertem Wahnsinn (folie organisée, Stendhal) ausgerüstet ist wie wir solches aus seinen früheren Opern kennen.

Kurzinhalt

Wir befinden uns in der Zeit der Kreuzzüge, etwa um 1200. Aus der Touraine sind Graf Formoutiers und seine Ritter  ins Heiligen Land geeilt, um Jerusalem für die Christenheit von den Türken zurückzuerobern. Unterdessen will Graf Ory die schöne Gräfin Adèle, Schwester des Grafen, für sich gewinnen. Er gibt sich als Eremit aus, bei dem die zurückgebliebenen Frauen Rat suchen können.

Unterdessen ist sein Page Isolier mit dem Erzieher des Grafen unterwegs, um Graf Ory, der verschwunden ist, aufzufinden. Isolier kommt zum Eremiten, erkennt ihn aber nicht als seinen Herrn. Ihm vertraut er seine Liebe zur begehrten Comtesse Adèle an und offenbart dabei einen Plan, wie er ins Schloß gelangen könnte. Kurz danach erscheint Adèle beim Eremit. Dieser findet gleich heraus, daß Adèle Isolier liebt. Der mit Isolier hinzukommende Erzieher des Grafen (Le Gouverneur) erkennt den Eremit als Graf Ory und klärt Adèle über ihn auf. Kurz danach erhält sie einen Brief, in dem die Rückkehr Graf Formoutiers angekündigt wird.

Nur ein Tag bleibt Ory bis zum Eintreffen der Kreuzfahrer. Ein Gewitter hilft zusammen mit seinen Hofleuten, alle als Pilgerinnen verkleidet, daß ihr Flehen ins Schloß aufgenommen zu werden sich erfüllt. Dort finden alle sofort zur großen Freude den Weinkeller. Gräfin und Isolier decken alsbald den Schwindel auf und spielen Graf Ory einen Streich. Isolier und Adèle erwarten Ory beim Betreten des Schlafzimmers Adèles. Mit an Adèle angepaßter Stimme begrüßt ihn der Page Isolier, den er wegen der Dunkelheit nicht erkennt. Ory erwartet ein exquisites Schäferstündchen mit Comtesse Adèle. Da kündigen just die Trompeten die Rückkehr der Kreuzfahrer an. Schleunigste Flucht durch unterirdische Gänge des Schlosses sind die Rettung Orys und seiner „Pilgerinnen“..

Aufführung

In der Mitte eines hohen Raums steht eine hohe Kanzel. Ein Beichtstuhl, hohe Schränke (mit einer Madonna), Holzkreuz und diverses Gerümpel drumherum. Hier in den Kirchenraum strömen die viele Frauen und einige Männer in einfacher Kleidung (Mode: Zeit Napoleons). Sie alle verehren inbrünstig den heilbringenden Eremiten. Dieser steht mit schwarzem Talar dekoriert mit Beffchen, hellgrauer Perücke und einem roten Handschuh re und einem schwarzen an der linken Hand. Sein Pfarrgehilfe ist ähnlich gekleidet. Dame Ragonde erscheint als Gouvernante, kurz danach Comtesse Adèle. Sie legt sofort den breitkrempigen Hut ab. Eine sonst schwarze, lange Robe mit weiß bestickt Halsausschnitt kennzeichnet sie als Adlige.

Der zweite Akt zeigt einen Saal im Schloßinnern. Ein gewaltiges Gewitter, das die Fensterläden wild auf- und zuschlagen läßt, stört das Abendessen. Alle sind in großer Angst, wollen aber die um Einlaß jammernden Pilgerinnen vorm Regen schützen. Als erste natürlich Graf Ory. An einer Tafel mit Milch, Wasser, Früchte und Brot haben er und seine Pilgerinnen kein Gefallen, wohl aber am sofort entdeckten Weinkeller. Ergebnis: singen und die Herrlichkeit des Weines lobend. Schließlich verschwinden alle. Man sieht ein steinernes Bettgestell, auf das  eiligst Tücher und Decken gelegt werden. Alsdann senkt sich von oben ein mit barocker Verzierung versehener großer Baldachin über das hergerichtete Bett. Alle drei beginnen ein munteres Spiel: Pilgerin Ory, Page Isolier und die in ein weißes langes Nachtgewandt gehüllte Comtesse. Dabei wird Ory abwechselnd von den beiden umarmt und mit Küssen bedeckt. Schließlich erklingen die Trompeten der zurückgekehrten Kreuzritter, was den „Abmarsch“ unseres abgefeimten Schwindlers Ory bedeutet: die ménage à trois ist beendet und damit die Oper.

Sänger und Orchester

Rhythmisch prägnant beginnt die Introduktion. Von der hohen Kanzel in Bühnenmitte „predigt“ Philippe Talbot (Eremit, alias Comte Ory) seinen Anhänger, die ihn begeistert begrüßt hatten. In seiner „Ansprache“ zeigt er eine deutliche Artikulation und setzt mit seinem schlanken Tenor mühelos die Spitzentöne. Dabei greift er sich fortwährend an seine dicke Nase, als würde sie ihn jucken und rückt seine Perücke immer wieder zurecht. Schließlich legt er seinen Bauch auf die Kanzelbalustrade, was die Zuschauer mit Lachen quittieren. Nase und Perücke streift er ab, als sein Erzieher ihn als listigen Schwindler am Ende des ersten Akts überführt. Eine Lachsalve antwortet.

Die Bitten eines Bauern: Ich verlange, daß meine Frau in meiner Ehe immer folgsam ist oder von einer Frau: Ich möchte so gern mit dem schönen Julien verheiraten werden beantwortet er geflissentlich mit c’est bien, c’est bien – das geht in Ordnung. Schließlich verschwinden alle im Beichtstuhl, und es erscheinen der Erzieher, der sein Leid mit seinem Schützling Ory in einer Arie, die er mit wohliger, tiefer Baßstimme (erstaunlich die gelungenen Tiefen) etwas langatmig und mit etwas zuviel Vibrato vorträgt. Schließlich „beichtet“ Isolier, ein schmucker Junker mit weißen Reithosen in langen Stiefeln und grünem Jackett, daß er unsterblich in Comtesse Adèle verliebt sei. Der Eremit möge ihm helfen, daß Adèle ihn erhört. Dabei verrät er seinen Plan, wie er ins Schloß gelangen will. Begierig nimmt Ory ihn auf und setzt ihn in die Tat um. Das Duett Isolier/Ory (Gaëlle Arquez/Philippe Talbot) erreicht eine große harmonische Übereinstimmung. Arquez‘ Mezzo, mit klarem, warmem Timbre, erreicht mühelos alle Höhen und Tiefen. Nur geringes Vibrato schattet ihre Gesangslinie ab, die erstaunlich artikuliert wahrgenommen wird. Großer Applaus des aufgeweckten Publikums!

Endlich taucht Comtesse Adèle (Julie Fuchs) auf. Mit Überraschung ruft sie: Isolier hier an diesem Ort? Sie schwankt, vermutlich trägt sie eine große seelische Last! Auch während ihres einnehmenden Singens scheint sie öfter von einem Schwächeanfall heimgesucht. Das Sichtbarmachen ihrer seelischen Befindlichkeit gelingt ihr über die Maßen gut. Ist alles ein Dahinschmachten nach Isolier, den sie heimlich liebt?

An dieser Stelle sind die bravourösen Aktionen der Protagonisten am Bühnengeschehen, allen voran Julie Fuchs und Philippe Talbot hervorzuheben. Geschuldet ist das dem Können des regieführenden Denis Podalydes von der Comédie Française!

Die aus Avignon stammende Julie Fuchs begeistert mit beeindruckendem Können und anmutigem wie witzigen Körpereinsatz alle! Der Schlußapplaus ist frenetisch. Ihr Sopran hat ein klares, warmes Timbre, ihr Koloraturen kommen perlend und unangestrengt, getragen von einer untadeligen Aussprache. Man erlebt eine große Sängerin!

Bleibt noch zu erwähnen, daß alle Nebenrollen sowie der Chor die Erwartungen eher noch übertroffen haben.

Fazit

Als Resultat dieser Inszenierung: so waren die Aufführungen vor vierzig (!) Jahren auch in Deutschland: nahezu perfekte Personenführung, genau der Musik als integraler Opernbestandteil respektierend (nicht als vermeintliche „Filmmusik“, theatergerechte, überlegte Regie mit ungemein angemessenen Stimmen und überragenden schauspielerischen Talenten. Nebenbei: das Programmheft eine hilfreiche Ergänzung, übrigens mit dem gesamten Text (Libretto).

Vielleicht erscheint meine Rezension manchem Leser überzogen. Doch mag er mir es nachsehen, wenn der Rezensent sich hier wie ein Verdursteter auf eine Insel (?) mit guter Bühnenkunst, exquisitem Gesang und ebensolchem Musikniveau sich versetzt fühlte. Wann kommen in Deutschland diese Zeiten wieder?

Dr. Olaf Zenner

Bild: DR Vincent Pontet

Das Bild zeigt: 1) Philippe Talbot (Comte Ory), Jean-Sébastien Bou (Raimbaud), Eve-Maud Hubeaux (Dame Ragonde), Chor
2) Philippe Talbot (Comte Ory),  Julie Fuchs (la Comtesse)

 

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