Pesaro, Rossini Opera Festival 2017

La Pietra del Paragone – Der Prüfstein

von Gioachino Rossini (1792-1868), Melodramma giocoso in zwei Akten, Libretto: Luigi Romanelli, UA: 26. September 1812 Mailand, Teatro alla Scala

Regie/Bühnenbild/Kostüme: Pier Luigi Pizzi, Assistenten: Massimo Gasparon (Regie),  Serena Rocco (Bühnenbild), Lorena Marin (Kostüme), Licht: Vincenzo Raponi

Dirigent: Daniele Rustoni, Orchestra Sinfonica Nazionale delle RAI

Solisten: Aya Wakizono (Marchesa Clarice), Aurora Faggioli (Baronessa Aspasia), Marina Monzó (Donna Fulvia), Gianluca Margheri (Conte Asdrubale), Maxim Mironov (Cavaliere Giocondo), Davide Luciano (Macrobio), Paolo Bordogna (Pacuvio), William Corró (Fabrizio)

Besuchte Aufführung: 20. August 2017 (Adriatic Arena, Wiederaufnahme von 2002)

Vorbemerkung

1956 übernahm Alberto Zedda die musikalische Leitung von Il barbiere di Siviglia für das Teatro Nuovo, Mailand. Bei seiner wie immer intensiven Vorbereitung bemerkte er in der Partitur dieser vielgespielten Oper, aufführungspraktische, meist übergestülpte Zusätze. Da er gewohnt war, die Partituren sorgfältig auf musikalische Finessen durchzumustern, bemerkte er die vielen, von späteren Bearbeitern hinzugesetzten Ergänzungen. Sie waren nach Zeddas Auffassung allesamt nur wegen einer bequemeren Lösung des vorliegenden Notentextes hinzugefügt worden und korrumpierten die ursprüngliche Rossinischen Komposition. Bei der betreffenden Aufführung im Teatro Nuovo benutzte der die von ihm neu erarbeitete Fassung. Heftig wurde sie von vielen Kritikern abgelehnt. Um es hier nicht zu lange auszubreiten: durch diese Aufführung kam es zu heftigen Kämpfen – sie führten sogar zu persönlichen Angriffen auf Zedda. Doch nach vielen Auseinandersetzungen beschloß der Mailänder Verlag Ricordi, alle Werke Rossinis sorgfältig zu überprüfen und von mißbräuchlichen Aufführungszusätzen zu befreien. Auf diese Weise entstand die Zusammenarbeit dreier Institutionen: Fondazione Rossini, Casa Ricordi und Rossini Opera Festival.

Rossinis Opern, die man früher (bis etwa 1970) nur in verstümmelter Form präsentierte, wurden nun nach den neuen, gründlich bearbeiteten Partituren in der ursprünglichen Form aufgeführt. Hier nun wurde das Rossinifestival in Pesaro für die Rossini-Renaissance tonangebend und ist es bis heute geblieben. Jedes Jahr werden in drei Wochen eine Neuproduktion und zwei Wiederaufnahmen von Opern dem in Scharen aus dem Ausland herbeiströmenden Menschen geboten: eine historischen Aufführung im Teatro Rossini (erbaut 1637, erneuert 1818), eine „moderne“ Aufführung in der Adriatic Arena (eine Mehrzweckhalle, etwas außerhalb der Stadt). Jede Oper wird viermal gegeben.

Es ist bemerkenswert und nachahmungswürdig, ein Opernfestival „nur“ mit drei Opern und einigen Konzerten zu gestalten. In Deutschland ist man anderes gewöhnt, was zur Verwässerung des eigentlichen Festivalgedankens führt; denn dieser sollte doch präzise und unverwechselbar sein.

Bei unserem diesjährigen Besuch in der anmutigen Adriastadt konnten wir nur eine Oper und ein Konzert in der Kürze der Zeit von vier Tagen genießen.

Allgemeiner Hinweis zu Rossini als Komponist

Heinrich Heine (1797-1856), Zeitgenosse Rossinis, gibt in seinen Reisebildern seine Einschätzung gegenüber deutschen Opernbesucher hinsichtlich von Rossini. Wie so häufig ist sein Urteil scharf und sarkastisch. Nicht jedem Opernliebhaber wird sie gefallen. Er verachtet ja nicht alle und es gelingt ihm dabei, die besonders dem Gesang gewidmeten Kompositionen Rossinis und seine Einmaligkeit zu würdigen.

Die Verächter italienischer Musik, …. werden einst in der Hölle ihrer wohlverdienten Strafe nicht entgehen und sind vielleicht verdammt, die lange Ewigkeit hindurch nichts anderes zu hören, als Fugen von Sebastian Bach. ….Rossini, divino maestro, Helios [Sonne] von Italien, der du deine klingenden Strahlen über die Welt verbreitest! Verzeih meinen armen Landsleuten, die dich lästern auf Schreibpapier und auf Löschpapier! Ich aber erfreue mich deiner goldenen Töne, deiner melodischen Lichter, deiner funkelnden Schmetterlingsträume, die mich so lieblich umgaukeln und mir das Herz küssen wie mit Lippen der Grazien. Divino maestro, verzeih meinen armen Landsleuten, die deine Tiefe nicht sehen, weil du sie mit Rosen bedeckst, und denen du nicht gedankenschwer und gründlich genug bist, weil du so leicht flatterst, so gottbeflügelt! – Freilich, um die heutige Musik zu lieben und durch die Liebe zu verstehen, muß man das Volk selbst vor Augen haben, seinen Himmel, seinen Charakter, seine Miene, seine Leiden, seine Freuden ….

Kurzinhalt

Im Garten seines Sommeranwesens sind Gärtner und Gäste versammelt und preisen die Großherzigkeit des Grafen Asdrubale. Dieser ist noch unverheiratet. Ihn zu heiraten beabsichtigen Baronessa Aspasia und Donna Fulvia, doch nicht aus Liebe, sondern aus schierem Eigennutz um reich zu werden. Aber auch die kluge und geistvolle Marchesa (Gräfin) Clarice hofft auf eine Heirat. Im Gegensatz zu den vorgenannten liebt sie den Grafen. Clarice wird allerdings auch von des Grafen Freund, Cavaliere Giocondo, begehrt. Unter den Gästen befindet sich der Journalist Macrobio. Er lauert auf die Nachricht, welche der Damen Graf Asdrubale  heiraten wird.

Wie in der damaligen Gesellschaft üblich befindet sich auch ein Dichter mit Namen Pacuvio im Garten unter den Gästen. Er will den Anwesenden ein Gedicht vortragen. Doch er bekommt dafür nicht die nötige Aufmerksamkeit.

Um die Frauen auf die Probe zu stellen, hatte sich der Graf eine Verwechslungskomödie mit seinem Verwalter Fabrizio ausgedacht: er will als reicher Afrikaner auftreten, um das Anwesen des Grafen zu übernehmen; denn dieser soll plötzlich eine Schuld von sechs Millionen Scudi haben. Die Komödie zeigt das gewünschte Resultat: Baronesse Aspasia und Donna Fulvia sind froh, noch nicht mit dem Grafen verheiratet zu sein. Macrobio und Pacuvio raten zur sofortigen Flucht. Nur Giocondo steht dem verschuldeten Grafen bei und Marchesa Clarice will mit ihrem Geld des Grafen Schuld übernehmen.

Kurz danach „entdeckt“ Fabrizio eine verstaubte Quittung, worin die Schuld des Grafen von diesem schon vor Jahren beglichen worden war. Graf Asdrubale gibt sein Mißtrauen gegenüber der Treue von Frauen auf und eilt in die Arme der Marchesa Clarice.

Aufführung

Die Bühne zeigt als Einheitsbühne ein einstöckiges Strandhotel mit einem umlaufenden Balkon, davor ein  Schwimmbecken. Das Gebäude erinnert an die Durchschnittshotels, die man überall antreffen kann. Die handelnden Personen treten mit Badekostüm und Strandmänteln auf. Die Bedienung erscheint im weißen Sportdreß. In der Jagdszene im zweiten Akt sind sie dann in khakibraunen, ähnlich britischen Kolonialisten, gekleidet. Das Orchester, ebenerdig mit dem Publikum positioniert, wird eingerahmt von einem Laufsteg mit grünem Teppich, auf dem sich die Protagonisten bei entsprechenden Gelegenheiten dem Publikum nähern.

Sänger und Orchester

Schwungvoll und rhythmisch energisch gestaltet der italienische Dirigent Daniele Rustoni und das Orchester der Radiotelevisione Italiana (RAI) mit der Sinfonia (Ouvertüre) mit fein abgestimmten Crescendi einen schwungvollen Anfang. Das sofort anschließende Ensemble mit dreistimmigem Männerchor, dann nacheinander Paolo Bordogna (Pacuvio), Aurora Faggioli (Baronessa Aspasia), William Corró (Fabrizio) und Marina Monzó (Fulvia) läßt in seiner rhythmischen Beschwingtheit schon ahnen, daß die Aufführung ein Leckerbissen werden würde. Die schwierige Koordination aller Sänger war zunächst etwas wackelig, wurde dann aber zunehmen besser und war zum Schluß völlig ausgewogen. Dabei konnte man deutlich die verschiedenen Stimmtypen ausmachen, die ja bei Rossini zur Darstellung und Typisierung des jeweiligen Sängers ausschlaggebend ist: die immer zu zweit auftretenden Damen Baronessa Aspasia und Fulvia würzen die Gesangslinien mit unnachahmlichem hohen Akzent. Auch die Wortverständlichkeit des Ensembles ist auffallend gut. Das abschließende Crescendo schließlich vermittelt einen ersten harmonischen Höhepunkt, dem noch viele ähnlicher Art folgten. Selten gelingt in einer Oper schon das erste Ensemble so einheitlich ausgeglichen. Eine gute Visitenkarte!

Das folgende Duett Davide Luciano (Macrobio) und Maxim Mironov (Giocondo) zeigt ähnliches gesangliches Niveau. Für ihre Auftrittsarie erscheint Aya Wakizono (Clarice) im weißen Bademantel. Ihre Stimme ist ein Contralto, eine tiefere Stimmlage als der gewöhnliche Alt. Sofort nimmt sie mit ihrer lyrisch warmen Stimme und ihrer anmutigen Erscheinung die Zuschauer gefangen. Einige Intonationstrübungen und manchmal ein etwas nonchalanter Umgang mit ihrem eigentlich perlenden Belcanto verschwindet in der Folge rasch, so daß der Sing und Erscheinungseindruck ungetrübt bleibt. Bei den tieferen Noten ihres Gesangs lassen die Rundung der Stimme und deren Deutlichkeit einige Wünsche offen. Doch im Verlauf wird auch diese durch den Stimmumfang geforderte Besonderheit gemeistert.

Daß zu einer Opernaufführung schauspielerische Extravaganz und Überraschung gehören, erlebt man bei dieser Aufführung. Bei seiner Auftrittsarie Ombretta sdegnosa del Missipipi –verschmähter Schatten des Missipipi … entledigt sich Paolo Bordogna (Pacuvio) seines Bademantels. Darunter erscheint ein buntschillernder, glitzernder Ganzkörperbadeanzug. Eine Lachsalve der Zuschauer. Die mit seinem runden, sonoren Bariton (Basso buffo) vorgetragene witzige Arie unterstreicht er mit unglaublichen Körperverrenkungen, so daß immer wieder Lacher ertönen. Überhaupt sind die Aktionen mit Körperdrehung, herumwandern Beugen und Emporrecken und ähnlichem der Sänger und Sängerinnen gekonnt und witzig. Sie tragen ja meistens Badeanzug und öffnen mit mehr oder weniger anmutigen Bewegungen (besonders eindrucksvoll bei den Damen) ihren Bademantel, wobei ihr jugendliches Äußere einen zusätzlichen Akzent bewirkt.

Graf Asdrubale mit effektvollem Baß (ungewöhnlich, daß Rossini als Hauptperson eine Baß nimmt) beweist in allen seinen Arien große Geschmeidigkeit, gute Artikulation und Sonorität. Als er dann noch im Laufe der Handlung sich seines Bademantels entledigt und als regelrechter Beau vor dem Publikum steht, hat’s mit dem Applaus kein Ende.

Nachdem dem Finale des ersten Akts mit vielstimmigem, blendenden Wirbel, mußte Rossini das zweite Finale am Opernende anders handhaben. Er griff zu der alten, schon bei Mozart verwandten Form eines Vaudeville, einer „schlichten“, volkstümlichen, fast zum Mitsingen geeigneten Liedform, womit sich das ungewöhnliche Ensemble würdig verabschiedet.

Zum Ende gab es noch und noch Applaus, wobei alle Mitwirkenden, die vorher einzeln ihren Beifall einheimsten, bewegten sich die Solisten tänzerischen auf dem Steg um das Orchester herum, unterstützt von einer virtuosen, ja witzigen Begleitung des Pianisten.

Fazit

Selten kann man ein solches, gesanglich homogenes Ensemble auf höherem Niveau und geschlossener Leistung erleben wie hier. Pier Luigi Pizzi, Grandseigneur der italienischen Regisseure, hat Ort und Handlung aus der Rossinizeit in ein mondänes Badehotel verlegt. Er will damit die heutige junge, vergnügungssüchtige Welt darstellen. Doch die Opernhandlung und viele textliche und musikalische Details (z.B. die Jagd als Ausgleich zum Schreck über die vermeintliche Verarmung des Grafen oder das Duell mit Degen zwischen Macrobio, Giocondo und Graf Asdrubale) lassen sich kaum in unsere Zeit ohne grobe Umgestaltung der ursprünglichen Vorgaben der Autoren überführen. Denn auch Rossini und Romanelli (Librettist) wollten ihre unbekümmerte Gesellschaft vorführen. Es ist daher ein Zeitdokument, das uns wahrscheinlich mehr sagt, als eine mehr oder weniger gelungene Verlagerung in die heutige Zeit. Davon abgesehen sind aber Personenführung, Kostümierung und viele Überraschungen ein Ausgleich zu dem Regiefehlgriff, etwas, was diese „Modernisierung“ durch die rasante Turbulenz des Bühnengeschehens fast vergessen läßt. Dieser Einschränkung bewußt, war es eine unvergeßliche Aufführung, wie man sie auf anderen europäischen Bühnen nur selten erleben kann.

Dr. Olaf Zenner

Bild: Rossini Opera Festival

das Bild zeigt: v.l.n.r. Paolo Bordogna (Pacuvio),  Marina Monzó (Donna Fulvia), Gianluca Margheri (Conte Asdrubale), Aurora Faggioli (Baronessa Aspasia), Davide Luciano (Macrobio)

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen