DOKTOR FAUST – Dresden, Semperoper

von Ferruccio Busoni (1866-1924), zwei Vorspielen, einem Zwischenspiel und drei Hauptbildern, Libretto: F. Busoni, UA: 21. Mai 1925 Dresden (Philipp Jarnach-Fassung), nach Skizzen Busonis ergänzt und vervollständigt von Antony Beaumont (1984), Aufführung: 1985 Bologna (Beaumont-Fassung)

Regie: Keith Warner, Bühne: Tilo Steffens, Kostüme: Julia Müer

Dirigent: Tomas Netopil, Staatskapelle Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen

Solisten: Lester Lynch (Doktor Faust), Michael Eder (Wagner), Mark Le Brocq (Mephistopheles/Nachtwächter), Michael König (Megäros/Herzog von Parma), Manuela Uhl (Herzogin von Parma), Magnus Piontek (Gravis/Zeremonienmeister), Sebastian Wartig (Soldat/Naturgelehrter), Jürgen Müller (Beelzebuth/Leutnant), Erik Stokloßa, Bernhard Hansky, Allen Boxer (Drei Studenten aus Krakau), Tilmann Rönnebeck (Levis/Theologe), Stephan Klemm (Asmodus/Jurist) u.a.

Besuchte Aufführung: 19. März 2017 (Premiere, Beaumont-Fassung)

Kurzinhalt

Vorspiel I: Am Ende seines Lebens sieht Faust sein Streben nach Wissen als gescheitert an. Wagner führt drei Studenten aus Krakau herein, die ihm das Buch Clavis Astartis Magica schenken, das ihm neue Wege eröffnet.

Vorspiel II: So beschwört Faust um Mitternacht sechs Geister und verlangt Genie und Weltkenntnis. Erst der sechste Geist, Mephistopheles, verspricht, so schnell zu sein als wie des Menschen Gedanke. Er verlangt dafür ewige Dienste. Als Faust bewußt wird, daß sein Haus von Gläubigern und Pfaffen umzingelt ist, muß Faust den Pakt unterzeichnen und Mephistopheles läßt seine Feinde verschwinden.

Zwischenspiel: Ein Soldat will Rache für seine von Faust geschändete Schwester (Gretchen), die aus Verzweiflung in den Tod ging. Mephistopheles läßt ihn von Soldaten ermorden.

  1. Bild: Der Herzog und die Herzogin von Parma feiern ihre Hochzeit. Die Herzogin ist von Faust fasziniert. Sie verläßt für ihn ihren eifersüchtigen Gatten.
  2. Bild: In einer Schenke versucht Faust den Studenten seine Einsichten zu vermitteln. Nach seinen Frauengeschichten befragt, erinnert er sich der Affäre mit der Herzogin. Mephistopheles berichtet, daß die Herzogin begraben wurde. Er übergibt Faust ihr totes Kind, das sich jedoch als Strohwisch entpuppt. Mephistopheles will Faust mit dem Bild der trojanischen Helena ablenken, doch Fausts Versuch scheitert, das Ideal weiblicher Schönheit zu fassen. Die drei Studenten aus Krakau verlangen das Buch zurück, doch Faust hat es zerstört. Die Studenten verkünden, er werde noch vor Mitternacht sterben.
  3. Bild: Der Nachtwächter ruft die volle Stunde. Fausts ehemaliger Assistent Wagner macht als Hochschullehrer Karriere. Fausts Schüler gratulieren, er selbst sucht vergeblich, sich in seiner Todesstunde mit seinem kranken Herzen zu versöhnen. In einer Bettlerin erkennt Faust die Herzogin von Parma. Sie überreicht ihm das tote Kind.

Schluß nach Jarnach: Um sich von seiner Schuld zu befreien, versucht Faust zu beten, bleibt wortlos, bricht tot zusammen.

Schluß nach Beaumont: Fausts Gebet bleibt unbeantwortet, er überwindet die Grenze des Menschlichen und läßt seinen Geist und Willen auf sein Kind übergehen.

Aufführung

Das Bühnenbild taucht Keith Warner und sein Bühnenbildner Tilo Steffens ins mystische Dunkel: Mehrere Säulenreihen bilden immer neue Räume, Bühnenbildfragmente dahinter deuten die Studierstube, das Münster, den Hochzeitssaal oder das Studenten-Cafe an. Wunschvorstellungen Fausts oder die Gier nach Wissen manifestieren sich auf der Bühne: Newton, Albert Einstein, Stephen Hawking aber auch Che Guevara. Monstranzen laden ein zum Mysterienspiel statt Hochzeitsfeier, auf der Salome der Kopf von Johannes präsentiert wird. Auch die Kostüme bilden eine Reise durch die Zeit ab: Es beginnt mit einem Talar aus dem Spätmittelalter, führt über die goldenen Zwanziger zur Hippie-Bewegung und endet in heutiger Gesellschaftskleidung.

Sänger und Orchester

Dem Essener GMD Tomáš Netopil gelingt es, das riesige Ensemble zusammenzuführen. Das ist schon wegen des komplexen Kompositionsstils schwierig genug, da finden sich Anklänge an Strauß Salome, der Nachtwächter scheint Wagners Meistersingern entsprungen: da ergeben sich pathetische Klangwolken im Fortissimo, dabei müssen dynamische Steigerungen und Decrescendos abgefedert werden. Bemerkenswert wie harmonisch die Staatskapelle zusammenfindet, welche traumwandlerisch sicheren Harmonien entstehen können.

Ein weiterer wichtiger Leistungsträger ist der allzeit präsente Staatsopernchor. In der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen bildet der Chor einen stets geschlossenen Klangkörper, eine harmonischen Bindung wie eine Wand und Synchronizität zwischen allen Stimmgruppen – er kann mit dem Choralzitat Ein feste Burg auftrumpfen, im Forte reist er das Publikum aus allen Träumen.

Lester Lynch als Doktor Faust kann aus dem vollen schöpfen: Er entwickelt eine sehr hohe vokale Durchschlagskraft, im Forte entwickelt seine Stimme dabei tenorale Strahlkraft – leider entwickelt sich im Piano eine zunehmende Rauhigkeit, die in einem unschönen Vibrato endet. Aber er wird den Anforderungen an die riesige Rolle gerecht, kann die Zerrissenheit des Wissenssuchenden zwischen Hoffnung und Verzweiflung charakterisieren. Mark Le Brocq ist ein eloquenter Mephistopheles mit eher baritonalen Timbre, die tenoralen Höhen erreicht er aber ohne Probleme. Er ist vor allem in der Charakterzeichnung ein gleichwertiger Gegenspieler.

Manuela Uhl hat mit der Stimmführung der Herzogin Probleme, die Stimme klingt zwar jugendlich klar, aber leider zu eng geführt und wirkt manchmal zu keifig. Auch die vielen übrigen Ensemblemitglieder haben manchmal solche kleineren Probleme, erfüllen aber ihre Aufgaben auf Staatsopernniveau. Besonders Michael Eder ist ein sauber akzentuierender Gelehrter (Wagner), Michael König ein technisch sehr sicherer Spieltenor als Herzog. Die drei Studenten aus Krakau haben einen sehr dramatischen Auftritt, der in der Wirkung an die Hexen in Macbeth denken läßt.

Fazit

Diese Premiere macht deutlich, warum das Werk sich im Repertoire nicht durchsetzen kann. Die Handlung bleibt fragmentarisch, viel zu langatmig, und es bleibt schwierig, diese sinnstiftend nachzuvollziehen. Warner versucht alles, um mit eindrucksvollen Tableaus die Handlung plausibel zu machen – leider zeigt das Publikum nach drei Stunden Ermüdungserscheinungen. Die musikalische Umsetzung dieser Komposition, die am Endpunkt der Romantik und am Anfang der neuen freitonalen Musik steht, ist der Semperoper mehr als würdig, besonders weil hier das Werk 1925 uraufgeführt wurde. Chor und Orchester gehen an die Grenze der Belastbarkeit, ein riesiges Ensemble wird stark gefordert. Deshalb wird die Premiere einhellig zu Recht vom Publikum gefeiert.

Oliver Hohlbach

Bild: Jochen Quast

Das Bild zeigt: Lester Lynch (Doktor Faust), Manuela Uhl (Herzogin von Parma), Staatsopernchor

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen