Gera, Bühnen der Stadt Gera – WOZZECK

von Alban Berg (1885-1979), Oper in drei Akten, Libretto: nach dem Dramenfragment Woyzeck von Georg Büchner in der Ausgabe von Karl Emil Franzos, UA: 14. Dezember 1925, Staatsoper unter den Linden, Berlin
Regie: Matthias Oldag, Bühne: Thomas Gruber, Kostüme: Henrike Bromber, Dramaturgie: Eberhard Kneipel
Dirigent: Eric Solén, Philharmonisches Orchester Altenburg-Gera
Solisten: Andreas Scheibner (Wozzeck), Franziska Rauch (Marie), Patrick Jones (Hauptmann), Bernhard Hänsch (Doktor)
Besuchte Aufführung: 29. Mai 2009 (Premiere)

Kurzinhalt
gera-wozzeck.jpgFranz Wozzecks Dasein ist das eines Soldaten mit kärglichem Sold und einem unehelichen Kind mit seiner Freundin Marie. Während er versucht, ihrer beider Finanzen aufzubessern, indem er den Hauptmann rasiert, Stöcke für den Major schneidet und sich für die Experimente eines skrupellosen Doktors zur Verfügung stellt, ist Marie des Lebens am Rande der Existenz überdrüssig und beginnt eine Affäre mit dem angesehenen Tambourmajor, dessen Begehren ihr schmeichelt. Wozzecks aufkeimende Ahnung bezüglich Maries Untreue (er lebt mit ihr zusammen und beide haben ein Kind) bestätigt sich durch schonungslose Anspielungen des Hauptmanns und des Doktor und Wozzecks Beobachtung eines engen Tanz Maries mit dem Tambourmajor im Wirtshaus. Voller Verzweiflung kauft er ein Messer und ersticht Marie am Teich. Um nicht als Mörder entlarvt zu werden, sucht Wozzeck im Teich nach dem Messer, wobei er immer tiefer ins Wasser gerät und schließlich ertrinkt.
Aufführung
Die Bühnengestaltung bilden in dieser Inszenierung vier schwarze, tunnelartig aufeinander zulaufende Ebenen, die von weiß leuchtenden, bis zum Bühnenende hin linear verlaufenden Kreidestrichen durchbrochen sind. Je nach Außen- oder Innenszene verwandelt sich der Bühnenraum: Maries Stube, nur mit dem Nötigsten ausgestattet: einem Kleiderschrank, einem Stuhl und einem Bett. Das Zimmer des Doktors gleicht mit diversen Apparaturen und den Arztschwestern in weißen Kitteln einem Krankenhaus. In rotes Dämmerlicht gehüllt und verraucht, mit einem aufgehängten Schweinebraten, der ebenso blutig ist wie die Schürze des Wirts und mit kaum bekleideten Damen, präsentiert sich das Wirtshaus als Ort der Vermischung von Brutalität und Sexualität. Ländlich wirkt dagegen ein farblich von weiß über gelb nach orange wechselnder großer Vollmond in den Außenszenen. Die Kostümwahl fällt konventionell aus: Neben bunten Militäruniformen der Soldaten steht der Doktor in Kittel und Anzug sowie Wozzeck in schlichter dunkeler Hose und Hemd.
Sänger und Orchester
Das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter der Leitung von Eric Solén lieferte den Sängern ein klangliches Fundament, welches sich vom ersten bis zum letzten Ton durch Genauigkeit in Dynamik und Intonation auszeichnete. Dennoch stand die klanglich durchgängig warme und schon beinahe romantische Ausführung in unvereinbarem Kontrast zum Handlungsgeschehen und ließ besonders an den dramatischen Wendepunkten etwas Schärfe und Rohheit vermissen. Franziska Rauch verstand es, den mannigfaltigen Gefühlen der Figur Marie mit Hilfe starker klanglicher und dynamisch facettenreicher Differenzierung Ausdruck zu verleihen. Bissig antwortete sie auf die spitze Bemerkung ihrer Nachbarin Margret (1. Akt, Szene 3): Ei was freundliche Augen Frau Nachbarin! So was ist man an ihr nit gewohnt! mit Margret: Und wenn! Was geht Sie´s an? Verzweiflung und Angst aus ihrem Aufschrei Ich fürcht mich! (2. Akt, 3. Szene). In ebenso ausdrucksstarkem Ton sang Andreas Scheibner den Wozzeck. Die Festigkeit, Besonnenheit und Bestimmtheit, mit der er Marie in der Mordszene geradezu beschützend und mit ruhiger Stimme entgegentrat, stand zu seiner literarischen Figur, deren Charakter auch für Berg das Vorbild zur Gestaltung war, ebenso quer wie sein männliches Auftreten gegenüber dem Hauptmann und dem Doktor*. Besonders vor diesem Hintergrund erschien Patrick Jones als Hauptmann, der sich mit seiner Stimme schon in der Eröffnungsszene kaum über das Orchester hinwegsetzte, geschweige denn sich gegen Wozzecks klangliche Fülle behauptete, viel zu weich und blaß. Bernhard Hänsch verkörperte des Doktors medizinische Ausführungen anfänglich zwar in präzisem, spitzem Ton, der das Trocken-Wissenschaftliche überzeugend zur Geltung brachte, wirkte jedoch – genau wie Jones – gegenüber Scheibner eher wie ein Gepeinigter statt eines Peinigers. Jürgen Müller meistert seine Rolle als Tambourmajor solide: Mit starker und klarer Stimme verlieh er seiner Figur sowohl in der Auseinandersetzung mit Wozzeck im Wirtshaus als auch bei der Umwerbung Maries stets den passenden Charakter.
Fazit
Ein durchsetzter Abend mit einigen sehr überzeugenden gesanglichen und darstellerischen Leistungen, geschmälert jedoch durch konzeptionelle Unstimmigkeiten, da die Rollenverteilungen nicht den von Berg vorgegebenen entsprachen.
Friederike Jurth

Bild: Stephan Walzl
Das Bild zeigt: Wozzeck wiegt Marie in Sicherheit.

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