LULU – Hamburg Staatsoper

von Alban Berg (1835-1935), Oper in drei Akten, dritter Akt (als Fragment von Berg hinterlassen), Neue Fassung von Christoph Marthaler, Kent Nagano, Johannes Harneit und Malte Ubenauf, Libretto: Alban Berg nach Frank Wedekind, UA: 30. Juni 1937 Zürich, Stadttheater

Regie: Christoph Marthaler, Bühne/Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Martin Gebhardt, Dramaturgie: Malte Ubenauf

Dirigent: Kent Nagano, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Solisten: Barbara Hannigan (Lulu), Gräfin Geschwitz (Anne Sofie von Otter), Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön/Jack), Matthias Klink (Alwa), Ivan Ludlow (Tierbändiger/Athlet), Sergei Leiferkus (Schigolch), Peter Lofahl (Der Maler/Neger), Marta Swiderska (eine Theatergardobiere/Gymnasiast), Marta Swiderska (Dritte Dame), Dietmar Kerschbaum, (der Prinz/Kammerdiener/Marquis), Martin Pawlowsky (der Medizinalrat/Dr. Goll/Polizist/Professor), Denis Velev (Theaterdirektor), Mar Bodnar (Auguste Artinelli), Liliana Benini (Bianetta Gazil), Begona Quinones (Madelaine de Marelle), Sasha Rau (Ludmilla Steinherz), Sylvana Seddig (Kadéga di Santa Croce), Veronika Eberle (eine Violinistin), Bendix Dethleffsen (ein Pianist)

Besuchte Aufführung: 12. Februar 2017 (Premiere)

Kurzinhalt

Die alle Männer wie ein Magnet anziehende Lulu ist nacheinander mit dem Medizinalrat Dr. Goll, dem Maler und Dr. Schön verheiratet. Dr. Goll erleidet einen Herzanfall, als er vermtet, Lulu und den Maler miteinander zu erwischen. Der Maler begeht Selbstmord, als er von Lulus angeblicher Untreue erfährt, und Dr. Schön erschießt Lulu schließlich. Dann flieht sie mit dessen Sohn, Alwa, über die Grenze, nachdem sie einige Zeit wegen des Mordes im Gefängnis verbracht hatte. Doch auch die reiche Gräfin Geschwitz kann nicht von Lulu lassen. Schließlich landen alle heruntergekommen in London, wo Lulu nun als Prostituierte arbeiten muß. Dabei tötet ein Kunde Alwa und ein weiterer entpuppt sich als Jack the Ripper, der schließlich Lulu tötet.

Aufführung

Die Aufführung weist zahlreiche Effekte des Epischen Theaters von Bertolt Brecht auf, d.h. die Aufführung wird als solche stets kenntlich gemacht. Auf der Bühne befinden sich eine weitere Bühne mit Vorhang, Mikrofon, Klavier und Instrumentenkoffer. Die Darsteller setzen sich an der Rampe auf Stühle und sagen den Text auf, als würden sie ihn unbeteiligt ablesen. Es erklingt Klaviermusik, obwohl der Pianist keinen Finger rührt. Das Bühnenbild, die Kostüme und Requisiten sind an die 1950er Jahre angelehnt.

Der erste Akt spielt in einem hallenartigen Raum, der als Atelier, Wohnzimmer und Theater dient. Der zweite Akt ist in einer bürgerlichen Villa, während im dritten Akt die Bühnenbestandteile nach und nach verschwinden, bis die Bühne fast leer ist. Der größte Unterschied zu anderen Aufführungen der Lulu besteht in Hamburg jedoch darin, daß der dritte Akt nicht in der etablierten Fassung von Friedrich Cerha gespielt wird, sondern in einer neuen, die am Ende das komplette Violinkonzert von Alban Berg bringt, das eine Violinistin auf der Bühne spielt, während das Orchester im Graben begleitet. Auf diese Weise entsteht der Eindruck eines instrumentalen Requiems für Lulu.

Sänger und Orchester

Barbara Hannigan gibt ihre Lulu nicht als femme fatale oder Furie, sondern als zarte Gestalt, die aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Das wirkt plausibel und macht ihre Gewalttaten nur noch unwirklicher, zumal ihr Sopran in der Höhe betörend weich und geschmeidig und sie auch in der Mittellage tragfähig ist. Jochen Schmeckenbecher ist als Dr. Schön angemessen stimmlich autoritär und wuchtig, sein Jack hebt sich vom Schön jedoch zu wenig ab. Peter Lodahls Maler klingt verletzlich und sensibel. Sein Tenor wirkt zu Beginn in der Höhe noch etwas gepresst, jedoch wird die Gestaltung dann zunehmend plastischer.

Anne Sofie von Otter hinterläßt als Gräfin Geschwitz nach wie vor einen imposanten Eindruck. Selbst wenn die Rolle ihr nicht viel zu singen bietet, hat jeder ihrer Töne bestechende Präsenz, so wie ihre Erscheinung auf der Bühne. Matthias Klinks Alwa ist wie fast alle anderen Sänger gut verständlich, wirkt aber stimmlich wenig individuell, was aber auch an der Regie liegen mag. Ähnliches gilt für Ivan Ludlows (Tierbändiger/Athlet), der jedoch auch wunderbar grob daherkommt.

Veronika Eberle kommt als Violinistin ganz am Ende die Aufgabe zu, das Berg-Violinkonzert der 1950er Jahre Kostüm auf der Bühne zu geben. Dies geschieht mit einem theatralisch lebendigen Bühnenkörper und mit plastischem Ton, der weit in den großen Bühnenraum hinein dringt. Das Philarmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano navigierte zielsicher durch Bergs dissonant wabernde Partitur und mit sachlichem Gespür, auch wenn es gegenüber dem Bühnengeschehen stets vielleicht einen Tick zu laut war.

Fazit

Auch wenn es am Ende für alle Beteiligten inklusive Regie nur großen Jubel und kein einziges Buh gab: das Berg-Violinkonzert ans Ende eines ohnehin schon sehr langen Abends zu stellen, stellt die Publikumsgeduld unnötig auf die Probe und strapaziert das Sitzfleisch. Marthalers Regie ist handwerklich solide, aber alles andere als originell. Musikalisch kann diese Lulu jedoch auf ganzer Linie überzeugen.

Dr. Aron Sayed

Bild: Monika Rittershaus

Das Bild zeigt: Anne Sofie von Otter (Gräfin Geschwitz), Marta Swiderska (Dritte Dame), Barbara Hannigan (Lulu), Ivan Ludlow (Tierbändiger/Athlet), Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön/Jack), Matthias Klink (Alwa)

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen