Konzert – Kölner Philharmonie

Dirigent: François-Xavier, Gürzenich-Orchester

Camille Saint-Saëns: Danse macabre g-Moll op. 40, Klavierkonzert Nr. 5 F-Dur Op. 103

Sinfonie Nr. 3 c-Moll Op. 78

Konzertbesuch: 13. Dezember 2016

Vorbemerkung

Bekannte Komponisten fallen in der öffentlichen Wahrnehmung in der Regel in zwei Kategorien. Da sind zum einen Komponisten, die aufgrund eines repräsentativen Querschnitt ihres Lebenswerks bekannt und berühmt sind, wie Brahms, Beethoven, Bach, Mozart, Schubert, Wagner etc. Dem gegenüber stehen Komponisten, die ihre Bekanntheit hauptsächlich einem oder nur wenigen Werken verdanken, wie Sergei Rachmaninow, George Gershwin, Paul Dukas, Georges Bizet, César Franck und Camille Saint-Saëns.

Daß GMD François-Xavier Roth sich dergestalt für seinen großen Landsmann Saint-Saëns (1835-1921) einsetzt, ist nicht nur verständlich, sondern auch höchst ehrenvoll. Kaum mehr bekannt ist doch heute, daß Camille Saint-Saëns als eines der größten Wunderkinder der Menschheitsgeschichte startete, mit drei Jahren bereits lesen konnte, im zehnten Lebensjahr als Pianist debütierte, mit 13 Jahren ins Pariser Conservatoire aufgenommen wurde und mit fünfzehn Jahren seine erste Symphonie schrieb. Achtzehnjährig erhielt er seine erste Organistenstelle in Paris (Saint-Merri), bevor er 1858 (mit 23 Jahren) zur Kirche Madeleine wechselte, wo er zwanzig Jahre die sonntäglichen Messen gestaltete. Als er mit 86 Jahren starb war er schon zu Lebzeiten zur Legende geworden. Seine heutige Bekanntheit verdankt er hauptsächlich dem Danse Macabre dem Karneval der Tiere und der Oper Samson und Dalila.

koeln-daniel-rothjpgAufführung

Roth brachte im Konzert drei Hauptaspekte von Saint-Saëns‘ Orchesterschaffens zu Gehör: die Programmusik, das Solokonzert und die Sinfonie. Mit dem schwungvollen Danse Macabre eröffnete François-Xavier Roth das Konzert. Seine glasklare Struktur und durchsichtige Instrumentation funkelte und sprühte nur so im vollbesetzten Konzertsaal. Gefolgt wurde er vom hierzulande selten gehörten fünften Klavierkonzert, dem sogenannten Ägyptischen Konzert (1896), bei dem der erstmals mit dem Gürzenich-Orchester spielende Pianist Jean-François Heisser den Solopart übernahm. Nach der Pause folgte die sogenannte Orgelsinfonie. Unter Organisten ist dieses Orgelkonzert ziemlich bekannt. Es ist nämlich das einzige große Konzert für Orgel und Orchester in  Frankreich des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. In der Öffentlichkeit kennt man es weniger, vielleicht auch, weil die Orgel als Instrument der Kirche ohnehin wenig öffentliche Akzeptanz besitzt. In letzter Zeit sind allerdings einige große Konzertsäle gebaut worden, die die Orgel als zentralen Blickfang der Säle zeigen, so zuletzt in Hamburgs neuer Elbphilharmonie. Daß Roth das mächtige Werk als letztes Stück des Konzerts präsentierte, ist gutzuheißen. Aber GMD François-Xavier Roth hatte bei der Konzertvorbereitung sicher auch seinen berühmten Vater im Kopf: Daniel Roth, der an der weltbesten Orgel von St. Sulpice in Paris seit 1985 seinen Dienst versieht und hier die Gelegenheit wahrnehmen sollte, zusammen mit ihm ein Konzert zu gestalten.

Bei dieser Orgelsinfonie muß der Zuhörer auf den Klang der Orgel ein wenig warten. Erst zu Beginn des zweiten Satzes erscheint die Orgel mit klangvollen Akkorden, in denen sich der Streicherchor wie eingebettet bewegt. Das Klangergebnis ist nur mit „weihevoll“ zu umschreiben. Der Pariser Organist Roth spart hier auch nicht mit Farben. Nach der etwas abrupten Unterbrechung durch das Scherzo, bei dem Saint-Saëns auch noch das Klavier einsetzt, beginnt die Orgel mit einem mächtigen C-Dur Akkord die Endphase dieses großangelegten Tonstücks. Daniel Roth gelingt es, das Forte der Orgelregister so einzurichten, daß die Königin der Instrumente die mächtigen Bläsergruppe von vier Hörnern, drei Trompeten, Posaunen Tuba und Piccolo-Flöte noch um einiges übertönt, ohne dabei aufdringlich zu werden. So glückte es Daniel Roth dieses monumentale Tonstück würdig zu beenden. Dem Publikum hat‘s gefallen, der Applaus war überschwenglich.

Fazit

Neben der inhaltlichen Ebene passen die drei Werke auch atmosphärisch gut zusammen und bieten ein abwechslungsreiches, nie langweiliges Programm. Interessanterweise bringt das in dieser Hinsicht wenig bekannte fünfte Klavierkonzert einen Höhepunkt und wird vom Publikum ausgiebig applaudiert. Denn es ist auch eine wahre Perle der Konzertliteratur! Jean-François Heisser spielt exzellent, sowohl strukturell als auch musikalisch genau ausgehört. Kein Akkordwechsel, der banal oder aus der Standardkiste gezogen klänge! Man spürt, wie lange der Pianist das Werk schon im Repertoire hat, ohne daß es ihm geschadet hätte. Im Gegenteil: das Stück ist mit dem Solisten auf eine unnachahmliche Weise zusammengewachsen.

François-Xavier Roth begleitet den Solisten wie gewohnt sowohl rhythmisch präzise als auch klanglich gut abgewogen. Daß der Raum der Philharmonie den Klavierklang eher schluckt als unterstützt, ist einer der wenigen Wermutstropfen des Abends.

Das Programm mit der Konzentration nur auf Saint-Saëns kann ohne Vorbehalt als gelungen gelten. Nicht nur widerlegt François-Xavier Roth die Mär vom zweitklassigen Klassizisten Saint-Saëns, dem ein Glückstreffer mit dem Karneval der Tiere gelungen wäre, er macht das Publikum darüber hinaus mit wertvoller, selten gehörter Musik bekannt. Zu guter Letzt zeigt die Philharmonie, besonders im Klavierkonzert, wieder einmal ihre baulich bedingte klangliche Schwäche, gegen die auch ein so guter Pianist wie Heisser in den Ecksätzen des Klavierkonzerts nicht ankommt. In einem normalen, kastenförmigen Konzertsaal, wo das Podium erhöht ist, profitiert der Konzertflügel von seinem Platz vorne an der Tribüne, das klanglich mächtigere Orchester im Rücken. In der Philharmonie mit ihrer amphitheatralischen Form „überflügelt“ der Orchesterklang bereits spätestens ab der zehnten Reihe einfach den Klavierklang.

Philipp Kronbichler und Olaf Zenner

Bild: Wikipedia

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Turandot (G. Puccini)
Musikalische Leitung: Axel Kober / Wen-Pin Chien, Inszenierung: Huan-Hsiung Li, Turandot: Linda Watson, Altoum: Bruce Rankin, Timur: Sami Luttinen, Kalaf: Zoran Todorovich, Liù: Brigitta Kele, Ping: Bogdan Baciu, Pang: Florian Simson, Pong: Cornel Frey, Mandarin: Daniel Djambazian, Prinz von Persien: Hubert Walawski, Tänzerin: Yi-An Chen