FIDELIO – Berlin, Staatsoper im Schiller Theater

von Ludwig van Beethoven (1770-1827), Oper in zwei Aufzügen, Libretto: Joseph Sonnleithner, Stephan von Breuning, Friedrich Treitschke, (Leonore),  UA: 20. November 1805 Wien, Theater an der Wien (erste Fassung), 23. Mai 1814 Wien, Kärtnertortheater (endgültige Fassung)

Regie: Rudolf Frey, Bühne: Madeleine Boyd

Regie: Harry Kupfer, Bühne: Hans Schavernoch

Dirigent: Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor, Choreinstudierung: Martin Wright.

Solisten: Roman Trekel (Don Fernando), Falk Struckmann (Don Pizarro), Andreas Schager (Florestan), Camilla Nylund (Leonore), Matti Salminen (Rocco), Evelin Nowak (Marzelline), Florian Hoffmann (Jaquino), u.a.

Besuchte Aufführung: 7. Oktober 2016

Staatsoper Berlin FIDELIO Musikalische Leitung: Daniel Barenboim Inszenierung: Harry Kupfer Bühne: Hans Schavernoch Kostüme: Yan Tax Licht: Olaf Freese Besetzung: C.Nylund, M.Salminen, E.Novak, F.Hoffmann,

Kurzinhalt

Leonore vermutet, daß ihr verschwundener Mann Florestan sich in den Händen seines Feindes, des Gefängnisgouverneurs Don Pizarro, befindet. Deshalb verkleidet sie sich als Mann und heuert unter dem Namen Fidelio als Helfer bei dem Kerkermeister Rocco an. Dessen Tochter Marzelline verliebt sich in Leonore, was ihrem bisherigen Geliebten Jaquino mißfällt. Don Pizarro erfährt derweil, daß der Minister Don Fernando das Gefängnis inspizieren möchte und fürchtet, daß dieser den unrechtmäßig inhaftierten Florestan entdecken könnte. Sein Versuch, den Gefangenen zu ermorden, scheitert: Florestan wird gerettet und Pizarro das Handwerk gelegt.

Aufführung

Eigentlich gibt es nur zwei zentrale Bilder auf der Bühne, die sich immer wieder abwechseln: das eine Bild ist eine historische dunkle Kerkerwand, in die Generationen von Gefangenen ihre Hoffnungen voll Verzweiflung eingeritzt haben. Zentral ist groß das Wort Freiheit zu lesen. Diese Wand ist dem historischen Gestapogefängnis in Köln nachempfunden. Dann fährt eine Leinwand herunter, die den goldenen Saal des Musikvereins in Wien zeigt, der Schlußchor ist nur ein Konzertchor. Die große Arie Florestans singt dieser mit der Partitur in der Hand, die Ketten legt er sich für die folgende Begegnung mit Leonore und Rocco selber an. Des weiteren steht ein Konzertflügel mit Beethovenbüste bereit. Die Kleidung ist zeitlose Alltagskleidung – für Pizarro und Fernando dunkle Anzüge.

Sänger und Orchester

Das relativ einfache Bühnenbild bietet den Solisten alle Möglichkeiten mit kleinen Gesten und großer Stimme die Charaktere ergreifend zu gestalten. Barenboim greift auf eine teils erfahrene Sängerriege zurück, Matti Salminen ist ein solcher Protagonist. Die Vielschichtigkeit des Kerkermeisters Rocco zwischen Verzweiflung und Obrigkeitshörigkeit ist immer glaubhaft, seine Stimme ist immer noch weich, warm, volltönend, verfügt über ein großes baßlastiges Klangvolumen. Seine Bühnenabschiede sind für ihn eine Art Auftrag zur Wiederkehr. Ebenso altgedient ist Falk Struckmann als Don Pizarro mit einer fast schon überragenden Rollengestaltung: wahre Abgründe tun sich auf, wenn dieser schwere Wagnerbariton machtvoll zum Mord aufruft. Sein Gegenspieler Don Fernando ist Roman Trekel. Er hält mit lyrischem Wohlklang und vielen Nuancen in der Klangwirkung dagegen.

Ebenso ein Höhepunkt ist Camilla Nylund als Leonore, die keinerlei Probleme mit den schwierigen Koloraturketten Beethovens hat. Mit ihrer hellen klaren dramatischen Sopranstimme erzeugt sie auch nachdenkliche Momente. Andreas Schager ist ein schwerer Heldentenor, der immer noch über die Effekte aus der Operettenzeit verfügt. Er ist in der Lage, dem Florestan tenoralen Schönklang und dramatische Verzweiflung zu verleihen. Sein Gott, welch Dunkel hier wird zur mitreißenden Anklage, zum Fanal für persönliche Freiheit. Die zweite Tenorrolle, die des Jaquino, ist mit Florian Hoffmann mit einem jugendlich strahlenden lyrischen Tenor besetzt. Er ist der jugendlich dynamische Liebhaber, den man sich für Marzelline wünscht. Evelin Nowak ist der dazu passende jugendliche Sopran mit heller und glasklarer Stimme. Keine Probleme hat Daniel Barenboim mit dieser zwar verstörenden aber auch faszinierenden Mischform aus Singspiel, Oper und Oratorium – dazu paßt die Leonoren-Ouvertüre II  aus der Uraufführung 1805. Dabei gelingt ihm eine epische Interpretation, es klingt wie eine symphonische Dichtung über den napoleonischen Freiheitskampf, der neben Tschaikowskys Ouvertüre 1812 einzuordnen ist. Der Chor der Staatsoper unterstreicht seinen Anspruch, zu den besten Opernchören zu zählen.

Fazit

Diese Produktion steht unter dem Vorzeichen „Nacht der alten Männer“: Barenboim, Kupfer, Salminen, Struckmann und – wenn man so will – auch Trekel zeigen den Jungspunden (und dem Publikum), wie man eine grundsolide, zeitlos moderne und werkgetreue Staatsopern-Produktion auf die Beine stellt. Man kann zwar sagen, daß Kupfer den Fidelio nicht erzählt, sondern nur bebildert, aber das an der Wand groß geschriebene Wort Freiheit reicht zur Verdeutlichung des zentralen Punktes dieser Produktion, des (derzeitigen oder historischen) Freiheitsgedankens, völlig aus. Die Düsternis auf der Bühne schafft eine dazu passende Aura, ermattet aber das Publikum ein wenig. Donnernder Applaus für ein Ensemble das „einst und heute“ zur Weltspitze zählt.

Oliver Hohlbach

Bild: Bernd Uhlig

Das Bild zeigt: Camilla Nylund (Leonore), Matti Salminen (Rocco), Evelin Novak (Marzelline) und Florian Hoffmann (Jaquino)

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