GÖTTERDÄMMERUNG – Nürnberg, Staatstheater

von Richard Wagner (1813-1883), Der Ring des Nibelungen in drei Aufzügen und einem Prolog, dritter Tag Libretto: R. Wagner, UA 17. August 1876 Bayreuth, Festspielhaus

Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Stefan Brandtmayr, Kostüme: Alfred Mayerhofer

Dirigent: Marcus Bosch, Staatsphilharmonie Nürnberg, Chor und Chorgäste des Staatstheaters Nürnberg, Choreinstudierung: Tarmo Vaask

Solisten: Vincent Wolfsteiner (Siegfried), Jochen Kupfer (Gunther), Woong-Jo Choi (Hagen), Rachael Tovey (Brünnhilde), Antonio Yang (Alberich), Ekaterina Godovanets (Gutrune), Roswitha Christina Müller (Waltraute) u.a.

Besuchte Aufführung: 11. Oktober 2015 (Premiere)

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Für Siegfried besitzt der von Alberich verfluchte Ring des Nibelungen ewige Macht. Auch Hagen, Halbbruder des Fürsten Gunther, möchte den Ring besitzen. Als es Siegfried an den Rhein zu Gunther verschlägt, verliert er unter dem Einfluß eines Zaubertranks jede Erinnerung an Brünnhilde, heiratet Gutrune und verspricht Gunther Brünnhilde zur Frau. Haßerfüllt wendet sich Brünnhilde gegen Siegfried und berichtet, daß sie quasi vermählt seien. Für seinen Betrug an Gunther tötet Hagen auf der Jagd Siegfried, doch Hagen erringt nicht den Ring, denn Brünnhilde stürzt sich mit dem Ring in den für Siegfried brennenden Scheiterhaufen. Die Flammen erfassen Walhall, die Götterdämmerung bricht an: Der Ring versinkt im Rhein und die Welt ist erlöst vom Fluch.

Aufführung

Die Vorstellung beginnt vor dem geschlossenen Vorhang, die Nornen klettern durch die schmalen Reihen des Zuschauerraums, barfuß im schwarzen Gewand und wickeln Tonbänder von Spulen ab. Der Vorhang zeigt in Patchwork viele Schilder, eines davon ist No Refugees welcome. Aus der Versenkung taucht eine Nische auf: Siegfried und Brünnhilde haben sich im Walkürenfelsen ein spießiges Eigenheim mit Fernseher, Kühlschrank und Couch geschaffen. Den bayrischen Landburschen im Karohemd und Lederhose zieht es in die Welt der Gibichungen, der Nerds, der Designer-Ausstattung, der Video-Ballerspiele. Der Bühnenboden kann hochkant gestellt werden und bietet darauf, darunter oder abrutschend Platz für Hagens Männer oder Statisten als Flüchtlinge. Darunter kommt auch der ausgetrocknete Pool der Rheintöchter hervor, die in furchtbar-farbenfrohen Strandkleidchen mit Strumpfhosen durch eine grüne Landschaft tippeln.

Im Schlußbild diktieren Brünnhilde und die Rheintöchter per Twitter und BR-Kamerateam eine neue Weltordnung, während die untoten Gibichungen sich den Feuerschein auf den Displays ihrer Mobiltelefone ansehen.

Sänger und Orchester

Musikalisch ist es durchaus spannend zu sehen, wie sich das Ensemble dieser Produktion entwickelt: An erster Stelle ist Vincent Wolfsteiner (Siegfried) zu nennen. Er ist wieder einen Schritt vorangekommen in seiner Entwicklung zum Heldentenor, er hat keine Probleme hohe Töne zu treffen, besonders im Zitat des Waldvögeleins. Zudem liefert er in den Dialogen mit Brünnhilde eine überzeugende Charakterisierung eines tumben, unbedarften Naturburschen. Man kann dabei nicht sagen, daß sich Rachael Tovey (Brünnhilde) in diesen Dialogen zurücknimmt. Sie ist ein dramatisch-jugendlicher Sopran, in Sachen Lautstärke erreicht sie ein manchmal schmerzhaftes Furioso-Fortissimo, hält aber dabei die Gesangslinie. Antonio Yang (bislang der Wotan-Wanderer) gibt erstmals den Alberich und zeichnet ihn mit abgrundtiefer Bösartigkeit. Aber als tief grundierter Baßbariton verfügt er nicht nur über finstere Töne, sondern auch über ein strahlend helles Timbre und bleibt immer wortverständlich. Ekaterina Godovanets gibt der Gutrune eine jugendlich naive Ausstrahlung, verfügt über eine klare Höhe und ebensolche Tiefe – etwas mehr Leuchtkraft wäre aber wünschenswert. Roswitha Christina Müller gestaltet mit ihrem weichen Mezzo die Waltraute als verzweifelte Mahnerin, neigt aber bei längeren Phrasen zum Tremolieren. Jochen Kupfer ist der Hausbariton und sein Mozart-Figaro-Graf war eine herausragende Leistung. Der Sprung von Mozart zu Wagner als Gunther ist jedoch sehr weit. Er versucht, jede Note, jede Phrase voll auszusingen, die Dynamik in der Harmonik der Romantik will sich nicht recht einstellen. So bleibt er über weite Passagen nervös zurückhaltend, versucht die Rolle zu gestalten, doch bleiben Emotionen auf der Strecke. Erst im Finale Hagen, was tust Du? kann er mit Kraft überzeugen. Ähnliches gilt für Woong-Jo Choi als Hagen, der wunderschön singt, dem Ideal der unendlichen Melodie sehr nahe kommt, im Tonumfang scheinbar keine Grenzen kennt, aber der die Dämonie dieser Rolle völlig abgeht. Marcus Bosch führt die Staatsphilharmonie Nürnberg solide, aber leider stellenweise viel zu laut (deckt dabei auch Soloinstrumente und Solisten zu) – außerdem wartet das Blech mit einigen Unsauberkeiten auf. Das relativ flotte Tempo kommt den romantischen Klangempfindungen sehr entgegen (eineinhalb Stunden für den ersten Akt). Allerdings fehlt manchmal die Abstimmung: Für Jochen Kupfer (Gunther) wäre gerade in den ersten beiden Akten eine konstruktive Zusammenarbeit hilfreich gewesen.

Fazit

Die gesamte Produktion ist eine Aneinanderreihung halbherziger bis unverständlicher Regieeinfälle, von der sinnlos brutalen Vergewaltigung Brünnhildes durch Siegfried bis zu den Flüchtlingen, die vom Bühnenbild zerquetscht oder von Hundings Mannen mit Bierflaschen verprügelt werden.

Musikalisch ist diese Götterdämmerung auf der Höhe der Zeit, dank eines sehr guten Ensembles und einem sehr flotten, spannungsgeladenen, manchmal zu lauten Dirigat von Markus Bosch. Das Publikum gab am Schluß einen kurzen und schmerzlosen Pflichtbeifall ab, Bravos für die Solisten, einige Buh-Rufer für das Regieteam.

Oliver Hohlbach

Bild: Ludwig Olah

Das Bild zeigt: Weltuntergang; Weltenbrand per Mobiltelefon (man beachte die wiederauferstanden Siegfried, Gunther und Hagen)

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