THEODORA – Paris, Théâtre des Champs-Élysées

von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Oratorium in drei Akten, Libretto: Thomas Morell nach Robert Boyle, UA: 16. März 1750 London, Royal Theatre, Covent Garden

Regie: Stephen Langridge, Bühne/Kostüme: Alison Chitty, Licht: Fabrice Kebour Choreographie: Philippe Giraudeau

Dirigent: William Christie, Chor und Orchester Les Arts Florissants

Solisten: Katherine Watson (Theodora), Stéphanie d’Oustrac (Irene), Philippe Jaroussky (Didymus), Kresimir Spicer (Septimus), Callum Thorpe (Valens)

Besuchte Aufführung: 10. Oktober 2015 (Premiere)

THEODORA -

THEODORA –

Kurzinhalt

Der römische Statthalter Valens in Syrien beschließt den Geburtstag des Kaisers Diokletian mit einem grossen Weiheopfer für Jupiter zu feiern. Schwere Strafen erwarten alle, die nicht daran teilnehmen wollen. Der Gardeoffizier Septimus ist beauftragt das durchzusetzen. Der Soldat Dydimus, insgeheim selbst Christ, plädiert für Toleranz den Christen gegenüber, doch der Machthaber ist unerbittlich. Als Theodora, ein frommes Mädchen der herrschenden Klasse sich zu Christentum bekennt, wird sie von der christlichen Gemeinde und ihrer Vorsteherin Irene freundlich aufgenommen. Sie weigert sich dann auch, ihre neue Religion zu verleugnen, wird verhaftet. Zur Strafe soll sie nicht getötet, sondern als Prostituierte den Soldaten ausgeliefert werden. Es gelingt Dydimus, der Theodora liebt, mit Septimus’ Hilfe ins Gefängnis einzudringen und Theodora zu überreden, mit ihm Kleider zu tauschen, um sich zu retten. Dydimus wird dafür zum Tode verurteilt. Um Dydimus zu retten, stellt sich daraufhin Theodora dem Statthalter, der nun beide zum Tode verurteilt.

Aufführung

Die Geschichte der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian im antiken Syrien gleicht erstaunlich der Christenvorfolgung in Syrien in unserer heutigen Zeit. Es erscheint daher naheliegend und einleuchtend, daß Stephen Langridge und sein Team das Geschehen des Oratoriums in eine moderne Diktatur verlegt hat. Die Machthaber sind zwar in der Inszenierung eine mondäne, korrupte Oberschicht, aber die übrigen Merkmale einer Schreckensherrschaft, d.h. Einschüchterung, Festnahme, Hinrichtung, sexuelle Versklavung, das Verbrennen heiliger Bücher etc sind vorhanden.

Die Oberschicht ist in glitzernden, langen, schwarzen Abendkleidern und Smoking gekleidet, die Christen in einfache helle Leinengewänder. Das Militär trägt Uniform mit Gewehren oder Pistolen. Das Bühnenbild ist in ständiger Bewegung durch ein geschicktes Hin- und Herschieben von hohen einfachen Steinfassaden, was ständig neue grössere oder kleinere Räume schafft. Bald ist es eine Orgien-Tafelrunde, bald stimmungsvoll die nächtliche Christengemeinde bei Kerzenlicht, bald ein Kerker oder eine Kaserne. Mit vielen kleinen Regiedetails wird der Geschichte des Oratoriums Leben eingehaucht. Beleuchtung und Choreographie unterstreichen diese Versuche wirkungsvoll.

Sänger und Orchester

Katherine Watson singt mit bewunderswert klarer Stimmführung die Theodora und bewältigt mühelos die Melismen ihrer Rolle. Sie hat eine starke, etwas herbe Sopranstimme, die in Angels, ever bright and fair (1. Akt, 5. Szene) besonders ausdruckvoll zur Geltung kommt. An manchen anderen Stellen hingegen hätte man sich eine weichere, lyrischere Interpretation gewünscht. Philippe Jaroussky (Didymus) spielt, wie man es bei ihm gewöhnt ist, auf seinen Stimmbändern wie ein großer Virtuose auf einem Instrument. Doch die Magie dieser hervorragenden Kontratenorstimme kommt hier nur selten voll zur Geltung, noch am ehesten in Sweet rose and lily (2. Akt, 5. Szene). Man hat nicht das Gefühl, daß er sich in seiner Rolle ganz wohl fühlt. Dennoch ist das Duett der beiden tragisch Liebenden To thee, thou glorious son of worth (2. Akt, 5. Szene) wunderschön. Sehr beeindruckend ist Stéphanie d’Oustrac als Irene mit warmen, vollen Klangfarben und ruhig getragenem Legato, wie in As with rosy steps the morn advancing (1. Akt, 4. Szene). Callum Thorp kraftvolle, sonore Baßstimme ergibt den unerbittlichen Statthalter. Kresimir Spicer singt und spielt Septimus, den rauhen Krieger mit dem fühlenden Herz. Sein schön timbrierter Tenor glänzt besonders in der Bravourarie Dread the fruit of Christian folly (1. Akt, 5. Szene). And last, but not least, sei der hervorragende Chor Les Arts Florissants erwähnt, der in dem ganzen Geschehen eine ausschlaggebende Rolle spielt. William Christie dirigiert Soli, Chor und Orchester mit dem ihm üblichen musikalischen Feingefühl.

Fazit

Händel vorletztes Oratorium, das einzige, das einen christlichen Stoff des Neuen Testaments behandelt, ist von einer sehr ernsten, intensiven, fast etwas düsteren Atmosphäre geprägt. Bei aller musikalischen Schönheit ist hier nichts mehr von dem strahlendem Glanz und Pomp eines Judas Maccabeus oder eines Salomon übrig geblieben. Das Théâtre des Champs Elysées hat dieses selten gegebene Werk nun in einer musikalisch wie szenisch sehr schönen Aufführung dem Publikum zugänglich gemacht. Es wurde jubelnd aufgenommen.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Vincent PONTET

Das Bild zeigt: Theodora (Katherine Watson) in der Mitte, Irene (Stéphanie d’Oustrac) li. von ihr, Chor

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