ANDREA CHENIER – Erfurt, Theater

von Umberto Giordano (1867-1948), Dramma di ambiente storico in vier Bildern, Libretto: Luigi Illica, UA: 28. März 1896 Milano, Teatro alla Scala

Regie: Guy Montavon, Bühne: Edoardo Sanchi, Kostüme: Roswitha Thiel

Dirigent: Manlio Benzi, Philharmonisches Orchester und Opernchor des Theaters Erfurt, Choreinstudierung: Andreas Ketelhut

Solisten: Marc Heller (Andrea Chénier), Kartal Karagedik (Gérard), Macarena Valenzuela (Maddalena de Coligny), Marisca Mulder (Bersi), Stephanie Müther (Gräfin von Coigny/Madelon), Nils Stäfe (Roucher), Gregor Loebel (Haushofmeister/Kerkermeister Schmidt/Dumas), Juri Batukov (Fouquier-Tinville), Mate Solyom-Nagy (Mathieu), Robert Wörle (Incredibile), u.a.

Besuchte Aufführung: 30. Mai 2015 (Premiere)

Stéphanie Müther (La Contessa di Coigny / Madelon), Macarena Valenzuela  (Maddalena di Coigny)

Stéphanie Müther (La Contessa di Coigny / Madelon), Macarena Valenzuela (Maddalena di Coigny)

Kurzinhalt

Auf einem Ball der Gräfin de Coigny sorgen Verse, die der Dichter Andrea Chénier vorträgt, für Aufregung. Er greift darin den Adel und seinen ausschweifenden Lebensstil an. Der Diener Gérard, der Maddalena; die Tochter des Hauses, heimlich liebt, bricht mit einer Gruppe Revolutionäre in das Fest ein. Er wird zurückgeschlagen und entlassen. Obwohl Chénier mit den revolutionären Ideen sympathisiert, wird er aufgrund seiner Kontakte zum Adel bespitzelt. Sein Freund Roucher rät ihm zur Flucht. Der Dichter weigert sich wegen der Liebesbriefe einer geheimnisvollen Unbekannten, die er kennenlernen will. Sie entpuppt sich als Maddalena de Coigny. Es kommt zu einer Liebesszene, die vom Incredibile beobachtet und an den mittlerweile zum Revolutionsführer aufgestiegenen Gérard verraten wird. Im Duell mit Chénier wird Gérard verwundet. Nach seiner Genesung läßt er den Dichter verhaften und stellt ihn vor das Tribunal. Maddalena setzt sich für seine Rettung ein, kann aber das Todesurteil nicht verhindern. Während Andrea Chénier im Kerker auf seine Hinrichtung wartet, besticht Maddalena einen Wärter, sie anstelle einer verurteilten Delinquentin aufs Schafott zu schicken. Unter falschem Namen geht sie an der Seite ihres Geliebten in den Tod.

Aufführung

Ein wahrlich opulentes Bühnenbild führt den Zuschauer in die Zeit der Französischen Revolution. Er blickt im ersten Bild in einen Festsaal, der mit barocken Mustern verziert ist. Blumen regnen herab und verstärken den authentischen Eindruck, bis die höfische Gesellschaft von der hungernden Landbevölkerung mit Knüppeln angegriffen wird. Die Wände fahren mannshoch nach oben, zerbrochene Spiegel (teilweise in Form des Messers einer Guillotine) ersetzen die Blumen. Auf Sitzbänken können einzelne Personen oder ganze Personengruppen wie auf Schaukeln nach oben gezogen werden und hintereinander versetzt gruppiert werden. Die sehr farbenfrohen Kostüme „bei Hofe“ könnten den Gefährlichen Liebschaften der Spitzel aus Les Miserables entnommen sein. Gleiches gilt für die Uniformen der Revolutionäre, Richter, Kerkermeister und Soldaten.

Sänger und Orchester

Marc Heller in der Titelrolle des Andrea Chenier ist ein strahlender Tenor für das italienische Fach, der seine Rolle mit viel Verve gestalten kann. Die „Bravourarie“ Come un bel dì di Maggio (4. Bild) gelingt ihm ohne hörbare Anstrengungen. Sein Gegenspieler ist Kartal Kragedik als Gérard. Mit spielerischer Leichtigkeit meistert er alle Klippen einer der schwierigeren Verismo-Partien. Zur Gestaltung der Vielschichtigkeit dieser Rolle zwischen Haß, Liebe und Verzicht, in Nemico della patria (3. Bild) verfügt er über Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen auch im tieferen Bereich, auch wenn er sich „nur“ als Bariton bezeichnet. Macarena Valenzuela ist als Maddalena ein ausdrucksstarker, jugendlicher Sopran, der seinen Gefühlen etwas eindimensional nachkommt. Mitfühlend berichtet sie von La mamma morta. Stephanie Müther ist diese Mutter mit vollmundigem und ausdrucksstarken tiefem Mezzo (etwa zwischen Mezzo und Alt). Marisca Mulder (Bersi) kann als dramatischer Sopran glänzen, auch wenn stimmliche Schärfen manchmal unüberhörbar sind. Ihre Arie (2. Bild) Vivere in fretta erregt sehr viel Aufmerksamkeit. Juri Batukov kann dem dominant-bösartigen Ankläger Fouquier-Tinville mit seinem Charakterbariton viel abgewinnen. Er klingt in der Höhe sicher, gurgelndes Pathos hat er manchmal in der Tiefe. Auch die kleineren Rollen wie Mate Solyom-Nagy (Mathieu), Nils Stäfe (Roucher) und Gregor Loebel (er findet in einer Dreifachrolle Haushofmeister/Kerkermeister Schmidt/Dumas eine ideale Symbiose zwischen Aussprache und musikalischer Gesangslinie) sind dem italienischen Wohlklang verpflichtet. Dieser italienische Wohlklang ist im Orchester irgendwo verlorengegangen, das Philharmonische Orchester unter Manlio Benzi musiziert energisch und dem Drama folgend vorwärtsdrängend, aber das Gefühl für das Drama fehlt. Gewohnt sicher in jeder Situation ist der Opernchor – auch wenn man verteilt auf der Bühne steht oder höfische Tänze aufführt.

Fazit

Dem Theater Erfurt muß man dankbar sein, dieses Meisterwerk des italienischen Verismo auf den Spielplan zu setzen. Zusammen mit dem Staatstheater Nürnberg (dort war die Premiere vor zwei Jahren) konnte eine sehr aufwendige Ausstattung realisiert werden, die die Zeit der Französischen Revolution wiederauferstehen läßt. Lediglich die „Schaukelaufzüge“ bleiben merkwürdig. Den hohen musikalischen Anforderungen werden besonders die drei Hauptdarsteller mehr als gerecht. Lediglich der italienische Dirigent Manlio Benzi läßt jedes Gefühl für Italianità vermissen, die Aufführung klingt wie ein Spätwerk der deutschen Romantik. Das während der Vorstellung besonders während der Arien etwas lethargische Publikum feiert am Ende doch alle Beteiligten sehr freundlich.

Oliver Hohlbach

Bild: Lutz Edelhoff

Das Bild zeigt: Ball bei der Gräfin

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