THE RAKEʾS PROGRESS – DIE KARRIERE EINES WÜSTLINGS – Leipzig, Oper

von Igor Strawinsky (1882-1971), Oper in drei Akten und einem Epilog Libretto: Wystan Hugh Auden und Chester Kallman nach William Hogarth. UA: 11. September 1951 Venedig, Teatro La Fenice

Regie: Damiano Michieletto, Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Carla Teti, Licht: Alessandro Carletti

Dirigent: Anthony Bramall, Gewandhausorchester und Chor, Choreinstudierung: Alessandro Zuppardo

Solisten: Marika Schönberg (Anne Trulove), Norman Reinhardt (Tom Rakewell), Tuomas Pursio (Nick Shadow), Karin Lovelius (Baba the Turk), Sandra Janke (Mother Goose), Dan Karlström (Sellem), Milcho Borovinov (Trulove), Sejong Chang (Wärter)

Besuchte Aufführung:  5. April 2014 (Premiere)

Leipzig The Rakes ProgressfKurzinhalt

Die Karriere eines Wüstlings erzählt vom Aufstieg und Fall des Tom Rakewell, eines Tunichtguts, der den Bund mit dem Teufel eingeht. Tom ist verlobt mit Anne Trulove und träumt von einem unbeschwerten Leben, das nicht den soliden Vorstellungen seines Schwiegervaters entspricht. Wie gerufen erscheint Nick Shadow, um zu verkünden, daß Tom ein beträchtliches Vermögen von einem unbekannten Onkel geerbt hätte und sofort nach London reisen müsse. Shadow stellt sich ihm als Diener zur Seite und macht ihn mit den Lastern des Großstadtlebens vertraut. Anne reist ihm nach und wird Zeugin seiner bevorstehenden Heirat mit der bärtigen Jahrmarktssensation Baba. Tom verspekuliert nach und nach sein gesamtes Vermögen, Shadow offenbart sich ihm als Mephisto und fordert Rakewells Seele als Lohn für seine Dienste. Noch einmal kann dieser sich durch den Gedanken an seine Liebe befreien; doch Shadow schlägt ihn mit Wahnsinn; er endet im Irrenhaus und stirbt nach einem letzten Besuch von Anne.

Aufführung

Das italienische Regieteam um Damiano Michieletto verlegt das ursprünglich im 18. Jahrhundert angesiedelte Sittengemälde in die heutige Zeit. Die Eröffnungsszene in Truloves‘ Garten wird zum Schrebergartenidyll. Das zentrale Londoner Bühnenbild besteht aus einem riesigen, blau gekachelten Gold-Pool, in dem die moderne Spaßgesellschaft sich zwischen Gummipuppen und Schwimmtieren allen Exzessen dieser Welt hingibt; im Bühnenhimmel leuchten die Sieben Todsünden (ohne den Geiz) in Neon-Reklame-Lettern. Die Kostüme fügen sich in das grelle Ambiente: Lack, Leder, Strapse, Nadelstreifen und Trikots. Eine Moulin-Rouge-Kulisse, die sich schnell in Nichts auflöst; die Leuchtreklame erlischt, der Swimmingpool, vermoost, wandelt sich zum finsteren Hinterhof und wird am Ende durch hochgefahrene Wände zur beklemmenden Szenerie des Irrenhauses.

Sänger und Orchester

Das Gewandhausorchester wird Strawinskys Hommage an Mozart, Händel und Purcell, vermischt mit Verdi und der Musiksprache des 19. Jahrhunderts, in all seinen Facetten gerecht. Geradezu traumwandlerisch führt Anthony Bramall durch diese neoklassizistische Partitur: energisch, aber mit verhaltenen Tempi und einer zurückhaltenden Begleitung der Gesangssolisten. In den Orchesterintroduktionen der einzelnen Akte, den Belcanto-Passagen und pastoralen Szenen, in der Arien- und Rezitativbegleitung gestaltet Bramall einen berauschenden Strawinsky-Klang. Marika Schönberg singt und spielt die Rolle der treuen Anne Trulove ausdrucksvoll und intensiv in Farbe, Phrasierung und Tonmalerei. Sie trifft den Belcanto-Ton in I go to him. Love cannot falter – Ich gehe zu ihm. Liebe kann nicht wanken. (Schluß 1. Akt) – auch wenn sie den eindringlichen Effekt des hohen C als Schluß von Arie und Akt verspielt – ebenso wie den Mozart-Klang und begegnet stilistisch uneinheitlichen Arien wie Quietly night, O find him and caress – Still, du Nacht, ach finde und liebkose ihn (3. Szene/1. Akt) differenziert und vokal biegsam. Der britische Tenor Norman Reinhardt ist eine Idealbesetzung des Titelhelden. Ein Tom Rakewell, der erschüttert. Reinhardts Stimme ist geschmeidig, fein glänzend und schmerzlich schön in How dark and dreadful is this place – wie dunkel und furchtbar ist es hier. Nicht minder eindrucksvoll verkörpert Tuomas Pursio den Teufel mit stimmlicher Vitalität und lässiger Nonchalance. Er hinterläßt intensive Bilder als Teufelsgeiger, in Nebelschwaden tanzend. Die wütend punktierten Rhythmen zum Höhepunkt der Kartenspiel-Szene (3. Akt) entfaltet er kraftvoll und mit vibrierender Resonanz. Auch in den kleinen Rollen werden große Stimmen aufgeboten: virtuos und farbenreich Milcho Borovinov (Trulove) als Baß, agil und rasant der Tenor Dan Karlström (Sellem), Sandra Janke ist eine klangvolle Mother Goose. Mezzosopranistin Karin Lovelius singt die an sich spröde, plappernde Rolle des androgynen Türkenweibes nuancenreich, mit gekonnt falscher Stimme und sehr voluminös. Der Chor der Oper Leipzig ist in jedem Akt eine Bereicherung, besonders eindrucksvoll in der finalen Szene der Anstalt.

Fazit

Diese Produktion wurde vom Leipziger Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen. Die drastische Parabel auf die heutige Spaßgesellschaft funktionierte einwandfrei und bescherte dem Publikum pralle Bilder und erschütternde Momente. Für musikalische Höhepunkte sorgte eine erstklassige Sängerriege, die auch darstellerisch und dank einer stringenten Personenführung sehr überzeugend war. Bramall und das Gewandhausorchester spielten glänzend, transparent und bis in die Instrumentalsoli ungeheuer eindrucksvoll. Trotz der sehr gewagten Adaption ist hier eine Symbiose von szenischem und musikalischem Konzept gelungen.

Norma Strunden

Bild: Kirsten Nijhof

Das Bild zeigt: Tuomas Pursio (Nick Shadow) und Ensemble Oper Leipzig

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