WOZZECK – Darmstadt, Staatstheater

von Manfred Gurlitt (1890-1972), Musikalische Tragödie in 18 Szenen und einem Epilog, Libretto: Manfred Gurlitt nach dem Fragment von Georg Büchner, UA: 22. April 1926 Bremen, Stadttheater

von Alban Berg (1885-1935), Oper in drei Akten, Libretto: Alban Berg nach dem Fragment von Georg Büchner, UA: 14. Dezember 1925 Berlin, Staatsoper und den Linden

Regie: John Dew, Bühne: Dirk Hofacker, Kostüme: José-Manuel Vázquez, Licht: John Dew, Dieter Göckel, Dirk Hofacker, Heiko Steuernagel

Dirigent: Martin Lukas Meister, Orchester und Chor des Staatstheater Darmstadt, Choreinstudierung: Markus Baisch

Wozzeck (Gurlitt)

Solisten: David Pichlmaier (Wozzeck), Anja Vincken (Marie), Thomas Mehnert (Hauptmann), Lasse Penttinen (Doktor), Minseok Kim (Andres), Oleksandr Prytolyok (Tambourmajor)

Wozzeck (Berg)

Solisten: Ralf Lukas (Wozzeck), Joel Montero (Tambourmajor), Minseok Kim (Andres), Peter Koppelmann (Hauptmann), Thomas Mehnert (Doktor), Yamina Maamar (Marie) u. a.

Besuchte Aufführung: 27. Oktober 2013 (Premiere)

Wozzeck Manfred Gurlitt | Oper nach dem Dramenfragment Woyzeck von Georg Büchner | Premiere 27.10.2013 | Staatstheater Darmstadt Musikalische Leitung Martin Lukas Meister Inszenierung John Dew Bühne Dirk Hofacker Kostüme José-Manuel Vázquez ChoreinstudierVorbemerkung

In diesem Jahr können zwei Jubiläen gefeiert werden: Vor 200 Jahren wurde Georg Büchner, Autor des Woyzeck, geboren; erst 100 Jahre später, 1913, kam das Fragment zur Uraufführung. Das Staatstheater Darmstadt ehrte den Jubilar mit zwei Woyzeck-Opern an einem Abend: Alban Bergs bekannte Vertonung und die fast zeitgleich entstandene – aber im Schatten der Bergschen Fassung stehende – Version von Manfred Gurlitt.

Kurzinhalt

Der einfache Soldat Franz Wozzeck arbeitet als Barbier bei seinem Hauptmann, um seine Geliebte Marie und ihr gemeinsames Kind finanziell zu unterstützen. Da auch dies nicht zum Überleben reicht, bietet er sich (in Bergs Fassung) dem Doktor für medizinische Versuche an. Hauptmann und Doktor schikanieren Wozzeck nicht nur physisch und psychisch, sondern verhöhnen ihn auch wegen Maries Untreue. Diese hat heimlich eine Affäre mit dem Tambourmajor begonnen. Geplagt von Todesvisionen und dem Betrug Maries beschließt Wozzeck, seine Geliebte umzubringen. Nachts führt er Marie in den Wald und ersticht sie. Wozzeck ertrinkt beim Versuch, sich vom Blut zu reinigen.

Gurlitts Epilog zeigt Wozzecks Leiche auf dem Seziertisch.

Bei Berg widmet sich die Schlußszene dem alleingelassenen Kind.

Aufführung

Zwei Opern, aber eine Handlung: Dieser Aufgabe stellten sich Bühnenbildner, Kostümbildner und Regisseur. Die Lösung bestand in zwei gänzlich verschiedenen Szenerien, die aber ähnlich funktionierten. In Gurlitts Oper, die zuerst gespielt wurde, setzte das Team die Drehbühne ein. Eine wandlungsfähige Betonwand konnte mit ihrer Hilfe verschiedene Positionen einnehmen und trennte so die 18 schnell aufeinander folgenden Szenen. Das Licht charakterisierte: neblig-grünes Licht beleuchtete die Waldszene, grell bunte Farben das Tanzlokal.

Spielte sich dies alles in der horizontalen Ebene ab, kam bei der Inszenierung der Oper Bergs die Vertikale zum Tragen. Statt der Dreh- wurde nun die Hebebühne genutzt, um die kurzen Szenen voneinander zu unterscheiden. Bezeichnend war die Darstellung des Sees: Sowohl Teile des Bühnenbodens, als auch des Schnürbodens ahmten die Wellenbewegungen der Fluten nach. Die Kostüme orientieren sich zunächst an der Kleidung des Biedermeier, der Entstehungszeit des Textes, dann – in der Berg-Oper – an der Mode der 20er-Jahre, der Entstehungszeit der Komposition.

Wozzeck Alban Berg | Oper nach dem Dramenfragment Woyzeck von Georg Büchner | Premiere 27.10.2013 | Staatstheater Darmstadt Musikalische Leitung Martin Lukas Meister Inszenierung John Dew Bühne Dirk Hofacker Kostüme José-Manuel Vázquez Choreinstudierung MSänger und Orchester

Obwohl beide Opern aus der gleichen Zeit stammen, ist ihre Musiksprache doch vollkommen unterschiedlich. Stellen die Werke für sich genommen schon hohe Anforderungen an die Musiker; sich an einem Abend solch unterschiedlichen Klangwelten zu widmen, erforderte es darüber hinaus Mut und Konzentration. Diesen Mut und auch die Konzentration brachte das Darmstädter Orchester unter Martin Lukas Meister auf. Nuancenreich sezierten sie die Klangeffekte der Bergschen Musik, kammermusikalisch zurückhaltend blieb das Ensemble bei Gurlitt. Nur selten übertönte das Orchester die Sänger.

Anja Vincken als Marie sang die lyrischen Passagen zwar kräftig, blieb in den melodramatischen aber oft unverständlich. David Pichlmaiers Interpretation des Wozzeck beeindruckte durch die Flexibilität der Stimme, aber auch durch sein dramatisches Spiel.

Stimmgewaltiger ging es bei Berg zu: Hier brillierte Yamina Maamar mit ihrem warmen Sopran. Durchsetzungsstark, manchmal auch stählern hart zog ihre Marie alle Aufmerksamkeit auf sich. Dem setzte Ralf Lukas seinen sonoren Bariton entgegen. Mal verzweifelt kraftvoll, meist aber hoffnungslos brüchig, zeigte er ein vielschichtiges Psychogramm des Soldaten Wozzeck. Amüsant karikierten Peter Koppelmann und Thomas Mehnert Hauptmann und Doktor, Joel Montero ließ in seinem kurzen Auftritt als Tambourmajor seinen schneidigen Tenor hören. Auch Minseok Kim, der als einziger in beiden Opern die gleiche Rolle (Andres) verkörperte, setzte in seinen wenigen Einsätzen angenehme Akzente.

Fazit

Der Abend war eine Herausforderung für alle Beteiligten – auch für das Publikum, das sich zweimal hintereinander mit einem nahezu identischen Text auseinandersetzen mußte. Doch das Wagnis hat sich gelohnt, die musikalische Leistung war grandios und das Regiekonzept überzeugend. Begeistert beklatschte das Publikum Musiker, Sänger und Regieteam.

Jelena Rothermel

Bild: Barbara Aumüller

Das Bild 1 (Gurlitt) zeigt: David Pichlmaier (Wozzeck), Anja Vincken (Marie), Oleksandr Prytolyuk (Tambourmajor), Opernchor

Das Bild 2 (Berg) zeigt: Ralf Lukas (Wozzeck), Yamina Maamar (Marie)

Getagged mit: , ,
Veröffentlicht unter Darmstadt, Staatstheater, Opern
Aida Triumphmarsch, live Arena di Verona