MACBETH – Essen, Aalto-Theater

von Giuseppe Verdi (1813-1883), Oper in vier Akten, Libretto: Francesco Maria Piave und Andrea Maffei, UA 14. März 1847 Florenz

Regie: David Hermann, Bühne/Kostüme: Christoph Hetzer

Dirigent: Tomáš Netopil, Essener Philharmoniker, Chor des Aalto Theaters

Solisten: Tommi Hakala (Macbeth), Gun-Brit Barkmin (Lady Macbeth), Alexey Sayapin (Macduff), Liang Li (Banquo) u.a.

Besuchte Aufführung: 19. Oktober 2013 (Premiere)

"Macbeth" - Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi Aalto Opernhaus Essen Premiere am 19.Oktober 2013 ______________________________ Tommi Hakala (Macbeth) Gun-Brit Barkmin (Lady Macbeth)Kurzinhalt

Schottland im frühen Mittelalter: Die Feldherren Macbeth und Banquo treffen auf eine Gruppe geheimnisvoller Frauen (Hexen?), die ihnen Großes prophezeien: Macbeth werde nach einer steilen Karriere König, Banquo aber Vater von Königen. Als Macbeth kurz darauf befördert wird, scheint sich sein Teil der Prophezeiung zu erfüllen. Macbeths Frau rät, dem Schicksal etwas nachzuhelfen und den derzeitigen König Duncan zu töten. Gesagt, getan. Auch Banquo muß sterben, damit er keine zukünftigen Könige zeugen kann. Als der Adlige Macduff Verdacht schöpft, läßt Macbeth kurzerhand dessen gesamte Familie ermorden. Aber das Ende naht: Duncans Sohn Malcolm und Macduff ziehen mit einem englischen Herr gegen Macbeth, der in der Schlacht bei Birnam unter Macduffs Schwert fällt. Lady Macbeth hat in der Zwischenzeit, dem Wahnsinn verfallen, Selbstmord begangen.

Aufführung

Schwarz ist die vorherrschende Farbe auf der Bühne für dieses vielleicht düsterste Werk Verdis. Markante Akzente setzt die gelegentliche blutrote Ausleuchtung der Hinterbühne. Die Ausstattung kommt mit einer eisernen Brücke im Zentrum, einem für Projektionen und Szenenwechsel genutzten Würfel und einem Sarkophag aus, der zu einem Wasserbecken oder einem Tisch umfunktioniert werden kann. Die Kostüme sind modern, nur die Haartracht der Männer deutet den archaischen Originalschauplatz an. Die Hexen treten als körperlose Stimmen auf und werden durch Naturgewalten wie einen vom Sturm entwurzelten Baum visualisiert.

Für die Handlung von zentraler Bedeutung sind Kinder: Schon während des Orchester-Vorspiels begegnen sich Macbeth und seine Frau an einem Grab: dem ihres Sohnes, wie sich im Laufe des Abends herausstellt. Der tote Sohn taucht an zentralen Stellen der Handlung immer wieder auf, stellt sich Macbeth sogar in den Weg. Bei Macbeths Vision im dritten Akt hat sich das Kind vervielfacht, ist zu einer stummen Horde geworden, die den Mörder in die Enge treibt. Versöhnlich ist dagegen das Ende: Der tödlich verletzte Macbeth streckt die Hand nach seinem Sohn aus und erreicht ihn, bevor er stirbt.

Sänger und Orchester

Tomáš Netopil, neuer Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker, gelingt mit seiner ersten Premiere ein fulminanter Einstieg: eine pulsierende, sich in fast schroffen Ausbrüchen Luft machende Spannung, dazu, im Kontrast, düstere Melancholie, und ein stets fein ausgewogenes Klangbild ohne die vor allem bei deutschen Orchestern oft notorische Blechlastigkeit: Selten nehmen außerhalb Italiens Dirigent und Musiker eine Verdi-Partitur(zumal aus der frühen Schaffensperiode) so ernst.

Für die weibliche Hauptrolle wünschte sich Verdi bekanntlich eine „häßliche Stimme“. Die hat Gun-Brit Barkmin (Lady Macbeth) wahrhaftig nicht, aber sie weiß, daß diese Partie mit purem Schöngesang nichts zu tun hat. Es ist faszinierend, wie sie ihre hochexpressive Stimme zu dämonischen Farben in La luce langue – Das Licht schwindet oder qualvoll erstickten Tönen in Una macchia è qui tuttora – Dieser Fleck ist immer da greifen läßt. Ein Glücksfall für die Aufführung ist auch Tommi Hakala in der Titelpartie, der Macbeth von Anfang an als gebrochenen, traumatisierten Charakter darstellt. Seinem dunklen, bis zuletzt kraftvollen Bariton liegt der pathetische Machtgestus der Figur in ebenso wie ihre nicht nur unterschwellige Verletzlichkeit in Pietà, rispetto, amore – Gnade, Respekt, Liebe. Den prächtigen musikalischen Gesamteindruck bestätigen Liang Li (Banquo) mit rabenschwarz timbriertem, aber sensiblem Baß sowie der bestens aufgelegte – und zeitweise im Zuschauerraum plazierte – Chor des Aalto Theaters. Etwas zurückstecken muß der junge Tenor Alexey Sayapin (Macduff): Die Arie Oh figli miei – Oh meine Kinder singt er klangschön und stilvoll, seine Stimme ist allerdings (noch) zu klein, um sich im Ensemble durchzusetzen.

Fazit

Musikalisch wie szenisch hat der Abend eine suggestive Kraft, die manchen Zuschauer auch nach dem letzten Vorhang nur schwer loslassen dürfte. Daß für den Schluß die harte, abrupt endende Fassung ohne Finalchor gewählt wurde, trägt wesentlich dazu bei. Regisseur David Hermann und sein Bühnenbildner Christoph Hetzer setzen das blutrünstige Werk in atemberaubende Bilder und mit Sinn für perfektes Timing um. Auch die tiefenpsychologische Deutung der Figuren überzeugt: Hier zeigt sich, daß Hermann nicht nur die Oper, sondern auch die Vorlage, Shakespeares Stück, sehr genau studiert hat. Besser hätte die neue Spielzeit in Essen nicht starten können!

Eva-Maria Ernst

Bild: Matthias Jung

Das Bild zeigt: Tommi Hakala (Macbeth), Gun-Brit Barkmin (Lady Macbeth)

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