KLEIDER MACHEN LEUTE – Stralsund, Theater Vorpommern

von Alexander Zemlinsky (1871-1942), Musikalische Komödie in einem Vorspiel und zwei Akten, Libretto: Leo Feld nach der Novelle von Gottfried Keller, UA: 2. Oktober 1910 Wien, Volksoper

Regie: Horst Kupich, Bühne/Kostüme: Christoph von Büren, Dramaturgie: Katja Pfeifer

Dirigent: Golo Berg, Philharmonisches Orchester Vorpommern

Solisten: Bragi Bergthórsson (Wenzel Strapinski), Dirk Löschner (Schneidermeister), Thomas Rettensteiner (Amtsrat/Kutscher), Liubov Belotserkovskaya (Nettchen), Alexandru Constantinescu (Melchior Böhni), Tye Maurice Thomas (Adam Litumlei), Doris Hädrich (Frau Litumlei), Johannes Richter (Polykarpus Federspiel), Christina Winkel (Frau Häberlein), Bernhard Leube (Wirt), u. a.

Besuchte Aufführung: 9. März 2013 (Premiere)

Kurzinhalt

Der arme Schneider Wenzel Strapinski besitzt nichts als einen feinen Mantel und eine Pelzmütze, die er sich selbst geschneidert hat. Er trennt sich von seinen Gesellen und begibt sich auf Wanderschaft. Ein Kutscher nimmt ihn mit und präsentiert ihn im Dorf Goldach als Graf Strapinski aus Polen. Alle Bewohner des Dorfes machen ihm zu seiner Überraschung den Hof. Er gewinnt die Liebe des heftig umworbenen Nettchens, die ihn kurzerhand zu ihrem Verlobten ausruft. Sein Nebenbuhler Melchior Böhni bemerkt seine zerstochenen Finger und stellt Nachforschungen an. Als er Strapinski schließlich mit Hilfe eines Puppenspiels entlarvt, rechtfertigt sich dieser damit, dass er sich selbst nie als Graf ausgegeben hat, und daß die Bewohner sich selbst lächerlich gemacht haben. Nur an Nettchen sei er schuldig geworden. Er will sich von ihr verabschieden, doch sie macht sich nichts aus dem Schwindel und heiratet ihn trotzdem.

Aufführung

Wie auch schon in den vergangenen Produktionen inszeniert das Theater Vorpommern Zemlinskys Werk mit einem Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Oper zieht. Diesmal steht das Motto Soll ich Dir meine Briefmarkensammlung zeigen? über allem, die Briefmarke wird zum Symbol der Anbiederung, sie schmückt Wände, Kleider und Notenständer und dient sogar als Genußmittel. Das Bühnenbild, ein schlichter gestufter Backsteinbau, wird dadurch interessant, daß das Orchester hineinplaziert ist, nicht frontal zum Publikum, sondern schräg seitlich. Der Dirigent steht an der linken Seite der Bühne. Durch die Anordnung der Sänger vor dem Orchester ergeben sich in dem kleinen Haus akustische Vorteile.

Sänger und Orchester

Diese Vorteile nutzen alle Sänger für sich aus, um die Musik dynamisch und abwechslungsreich zu gestalten. Bragi Bergthórsson (Wenzel Strapinski) glänzt in der Titelrolle mit variablem, umfang- und facettenreichem Tenor. Seine Bühnenpartnerin Liubov Belotserkovskaya (Nettchen) sieht nicht nur sehr hübsch aus, sondern sie besticht auch durch stimmlichen Gestaltungsreichtum und warmen, ausdrucksstarken Sopran. Nur ihre Textartikulation könnte deutlicher sein. Kernig und kraftvoll präsentiert sich Alexandru Constantinescu (Melchior Böhni), der außerdem im zweiten Akt die Gelegenheit erhält, sein Talent als Pianist unter Beweis zu stellen. Mit voluminösem Bariton überzeugt auch Thomas Rettensteiner (Amtsrat/Kutscher), der in Stimmgewalt lediglich vom sehr klangvollen tiefen Baß von Tye Maurice Thomas (Adam Litumlei) übertroffen wird. Johannes Richter (Polykarpus Federspiel) zeigt mit hellem, beweglichem Tenor gute schauspielerische Fähigkeiten, ebenso wie Jonathan Boudevin (Sohn Häberlein) und Yuji Natsume (Sohn Pütschli-Nievergelt). Auch die anderen Sänger spielen ihre Rollen mit Hingabe, fallen dabei stimmlich weder positiv noch negativ auf. Insgesamt profitiert die Vorstellung vom großen schauspielerischen Einsatz aller Beteiligten, denen es gelingt, ihre Freude am Auftritt dem Publikum zu vermitteln. Das gilt in besonderer Weise für die Mitglieder des Chores, die die vielen kleinen Nebenrollen der Oper besetzen und von Anna Töller wie immer hervorragend vorbereitet waren.

Das Orchester erhält als Bestandteil des Bühnenbildes erhöhte Aufmerksamkeit. Unter dem souveränen Dirigat von Golo Berg treten selten Unsicherheiten auf, und auch die sonst gelegentlich problematische Intonation ist ohne bedeutenden Makel. Die Enge des kleinen Orchestergrabens bei der spätromantischen Besetzung zu vermeiden, ist eine Idee, die sich auszahlt. Dank Monitortechnik funktioniert die Abstimmung mit den Sängern ausgezeichnet, obwohl sie meist mit dem Rücken zum Orchester stehen.

Fazit

Wieder einmal scheut sich das Team vom Theater Vorpommern nicht, neue Wege zu beschreiten und gute Ideen zur Förderung der eigenen Möglichkeiten umzusetzen. Es ist nicht unbedingt entscheidend, wie umfangreich das finanzielle Budget für eine Produktion ist, solange das am Hause vorhandene Potential wirksam eingesetzt wird. Dabei spielt das persönliche Engagement eine wichtige Rolle, und davon besitzt das kleine Theater gerade erfreulich viel. So entstand eine durchweg gelungene, vor Spielfreude strotzende Aufführung, die vom zahlreich erschienenen Stralsunder Publikum verdientermaßen mit langanhaltendem Applaus belohnt wurde.

Anna-Juliane Peetz-Ullman

Bild: Gunnar Luesch/MuTphoto

Das Bild zeigt:  Liubov Belotserkovskaya (Nettchen), Bragi Bergthórsson (Wenzel Strapinski) v. l. n. r.

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