DIE ZAUBERIN – Erfurt, Theater

von Peter Tschaikowsky (1840-1893), Oper in vier Akten. Libretto:  Ippolt V. Schpazinski, in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln, UA: 1887 St. Petersburg

Regie: Tatjana Gürbaca, Bühne/Licht: Klaus Grünberg, Kostüme: Marc Weeger, Silke Willrett

Dirigent: Johannes Pell, Philharmonisches Orchester und Opernchor des Theaters Erfurt, Choreinstudierung: Andreas Ketelhut

Solisten: Juri Batukov (Fürst Nikita), Olga Savova, (Fürstin Eupraxia Romanovna), Markus Petsch (Prinz Juri), Vazgen Ghazaryan (Mamyrov), Stéphanie Müther (Nenila), Florian Götz (Ivan Zuran), Ilia Papandreou (Kuma), Sebastian Pilgrim (Foka), Daniela Gerstenmeyer (Polja), Marwan Shamiyeh (Balakin), Nils Stäfe (Potap), Saya Lee (Lukasch), Dario Süß (Kitschiga), Jörg Rathmann (Paisi/Kudma)

Besuchte Aufführung: 17. Juni 2012 (Premiere am 2. Juni)

Kurzinhalt

Die junge Witwe Nastasia, genannt Kuma, betreibt außerhalb der Stadt eine Gastwirtschaft, in der fröhliches Treiben herrscht. Mamyrov, der unbeliebte Schreiber des Fürsten, bezichtigt sie der Zauberei und will deren unmoralische Wirtschaft schließen. Der Fürst Nikita kontrolliert Kumas Wirtschaft, doch diese wickelt den Fürsten um den Finger und gibt Mamyrov der Lächerlichkeit preis. Dafür weckt Mamyrov die Eifersucht der Fürstin, da der Fürst Kuma zu seiner Geliebten machen will. Kuma aber hat sich in Prinz Juri verliebt. Als dieser bei seinen Eltern in Ungnade fällt, weil er sich für ungerecht behandelte Bürger einsetzt, überzeugt er Kuma, gemeinsam mit ihm zu fliehen. Doch aus Eifersucht vergiftet die Fürstin Kuma und der Fürst tötet seinen Sohn.

Aufführung

Tatjana Gürbaca verlegt die Handlung in eine surreale und absurde Traumwelt: Kumas Wirtschaft ist ein weiß gekachelter mit Graffitis beschmierter Kühlraum, in dem sich Bierkästen stapeln. Ein Tapeziertisch bildet die Theke. Der zweite Akt spielt im Eßzimmer des Fürstenhauses, der Tisch dient auch als Schreibtisch für allerlei Akten, bis die Bierkisten den grauen Vorhang durchbrechen und das wütende Volk eindringt. Kumas Wohnung ist ein seelenloser Kubus in einer Plattenhaussiedlung mit einem weißen Eßtisch. Als sich Kuma und Prinz Juri verlieben, gerät er in Schräglage.  Zum großen Showdown trifft man sich bei einer Varieté -Zaubervorstellung bei der sich der Mönch Paisi in einen Zauberer, den Teufel und den Tod verwandelt. Kuma stirbt bei der geteilten Jungfrau, Prinz Juri wird von Fürst Nikita mit der Trennplatte aus der geteilten Jungfrau erstochen. Die Kostüme zeigen ein Rußland unserer Tage, Kuma trägt einen schwarzen Pelz-Feder-Hut. Das Volk besteht auch aus einem Eisbären, einem nackten Fantomas, Buddhisten, Mönche, Blumenkindern, Autonomen und Militanten.

Sänger und Orchester

Liebling des Abends ist die  technisch brillante Sopranistin Ilia Papandreou (Kuma) mit ihrer sehr sicheren Höhe. Die Koloraturen gelingen ihr klar und lyrisch. Juri Batukov (Fürst Nikita), kann die vielschichtige Rolle mit seinem Charakter-Bariton mitreißend gestalten. Seine einschmeichelnde Stimme ist in der Höhe sehr sicher, jedoch liegt die Partie für ihn streckenweise etwas zu tief. Olga Savova (Fürstin) ist ein Gast vom Mariinski-Theater und hat daher kein Problem, der „russischen Seele“ Leben einzuhauchen. Ihr lyrischer Mezzo gewinnt an Volumen und bewegt sich in Richtung eines dramatischen Soprans. Markus Petsch (Prinz Juri), ist ein Tenor mit sicherem baritonalen Fundament, in der Höhe hat er jedoch deutliche Probleme. Auch technisch wollen ihm dort die russischen Klangbilder nicht gelingen. Vazgen Ghazaryan (Mamyrov), ist ein volumenstarker Baß. Leider bleibt er zu blaß um dem intriganten Minister Mamyrov dämonische Tiefe zu verleihen. Stephanie Müther mit ihrem vollmundigen tiefen Mezzo (Nenila) ist eindeutig unter Wert besetzt, während der hauseigene Charaktertenor und Faktotum Jörg Rathmann (Paisi) als Teufel und Zauberer den Schlußakt als heimlicher Publikumsliebling an sich reißt. Als Paradebeispiel steht er für die vielen Nebenrollen, die aus dem Ensemble heraus einheitlich gut besetzt werden konnten. Auch der Chor agiert wie gewohnt sehr souverän. Johannes Pell gelingt es, das Philharmonische Orchester Erfurt auf eine Reise durch die russischen Klangwelten einzustellen und mitzunehmen. Für den Zuhörer wurden die brillanten Kompositionseinfälle Tschaikowskys hörbar und zu einem Abend geformt, in dem die russische Seele kochte.

Fazit

Die Zauberin – besser Die Bezaubernde – mag hierzulande nahezu unbekannt sein. Jedoch beweist diese Produktion, daß Tschaikowsky auch hier für Qualität steht, nämlich für Leidenschaft, für einfühlsame russische  Melodien, für brillante Orchestrierung und für perfekte Ensembleszenen. Der Dank des Publikums für diese Ausgrabung kannte keine Grenzen, die Sänger erhielten für ihre großartige Ensembleleistung (Einstudierung in russischer Sprache!) den entsprechenden Applaus, ebenso der Dirigent und das Orchester für die musikalische Ausgestaltung der russischen Volksseele.

Oliver Hohlbach

Bild: Lutz Edelhoff

Das Bild zeigt: Das Volk trifft sich gerne auf ein Bier bei Ilia Papandreou (Kuma).

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