ALESSANDRO – Karlsruhe, Badisches Staatstheater (Händel-Festspiele)

von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Dramma per musica in drei Akten, Libretto: Paolo Rolli, UA: 5. Mai 1726, London, King’s Theatre Haymarket

Regie Alexander Fahima, Bühne/Kostüme: Claudia Doderer,  Dramaturgie: Bernd Feuchtner

Dirigent: Michael Form, Deutsche Händel-Solisten

Solisten: Lawrence Zazzo (Alessandro), Yetzabel Arias Fernandez (Rossane), Raffaella Milanesi (Lisaura), Martin Oro (Tassile), Andrew Finden (Clito), Sebastian Kohlhepp (Leonato), Rebecca Raffell (Cleone)

Besuchte Aufführung: 17. Februar 2012 (Premiere)

Kurzinhalt

König Alexander befindet sich im Jahr 327 v. Chr. auf einem Feldzug in Indien. Nach dem Sieg über das indische Volk der Osydraker kann sich Alexander um seine Favoritinnen Rossane und Lisaura kümmern. Beide sind eifersüchtig aufeinander und buhlen um die Gunst Alexanders. Zunächst kann sich dieser nicht entschließen, welche von beiden er vorziehen sollte. Schließlich verzichtet Lisaura und Alexander empfiehlt ihr außerdem, sich dem indischen König Tassile zuzuwenden. Sie folgt seinem Rat und Tassile ist darüber sehr froh. Rossane und Alexander werden danach ein glückliches Paar.

Aufführung

Die Bühne zeigt beidseitig eine Holzwand. Den Bühnenhintergrund nehmen zwei unterschiedlich große Leinwände ein. Eine weitere Papierleinwand wird vom Schnürboden am Opernanfang heruntergelassen. Auf diese werden zum Zuschauer hinkriechende Ungeheuer wie ein Krokodil, King Kong mit weitgeöffnetem Maul und fletschenden Zähne oder eine Riesenspinne, eine Tarantel u.a. gezeigt. Auf diese stürzen sich Alessandro und seine drei Krieger in schwarzen Rüstungen mit heruntergelassenem Visier und zerfetzen dabei die Papierleinwand. Alessandros Favoritinnen, Rossane erscheint in einem weißen Kleid, Lisaura in einem togaähnlichen Gewand. Diese Kleidung der beiden ändert sich einige Male im Verlauf der Oper, bis Rossane am Ende ihre Arien im schwarzen, schulterfreien Abendkleid singt. Die Bühne bleibt für die Länge der Oper, über vier Stunden, unverändert, allenfalls ändert sich der Fußboden, der einmal einen Bretterrost und zum Opernende einen roten, teppichähnlichen Belag aufweist. Manchmal wird auch eine Seitenwand hereingefahren, die die Bühne ein wenig unterteilt. Für den gesamten zweiten Akt bleibt der Gazevorhang herabgelassen, auf den denn Ornamente projiziert werden, die einige Male die Figuren dahinter verschwinden lassen.

Sänger und Orchester

Die Deutschen Händel-Solisten legen unter Michael Form ein energiegeladenes Musizieren hin. Die häufigen, äußerst langsamen Tempi sind dem Ablauf leider nicht sehr zuträglich, ja, sie lassen einem die Zeit ziemlich lang erscheinen. Auch verlangt die Koordination mit den Solisten manchmal größere Sorgfalt. Einzelne Solisten, wie der Blockflötist oder die Flötistin, machen einen ausgezeichneten Eindruck sowohl in der Dynamik, als auch in der großen Genauigkeit ihres Spiels. Alessandros  Widersacher Andrew Finden (Clito), Sebastian Kohlhepp (Leonato), Rebecca Raffell (Cleone) zeigen in ihrem Gesang viel Musikalität, was noch durch ihre Tanzschritte unterstrichen wird, die beim Publikum ab und zu Heiterkeit aufkommen lassen. Sie lockern das auf lange Strecken schwerflüssige Spiel angenehm auf.

Lawrence Zazzo (Alessandro) hat zu Anfang keinen so guten Start: In Tra le stragi – inmitten des Gemetzels sind die berühmten Trillerketten nicht klar und deutlich auszumachen, was dem heruntergelassenen Gesichtsvisier geschuldet ist. Ebenso reicht ihm manchmal der Atem nicht, um z.B. die Stelle bei den Worten: s‘immortalano ghli eroi – sich die Unsterblichkeit des Helden erringen die langen Passagen von Trillern und schnellen Noten ohne Zwischenatmen hinzulegen. Hat er sich beim Stechen mit seiner Lanze auf die Papierleinwand verausgabt? Denn im weiteren Opernverlauf werden die Akkuratesse seiner Koloraturen, insbesondere seine Triller, bei untadeliger Intonation, immer besser. Martin Oros Stimme als Tassile ist geschmeidig und hat viel Seele. Die Koloraturen sind gut austariert, doch leider ist die Artikulation sehr verschliffen. Auffallend virtuos und ausgewogen läßt sich Raffaella Milanesi (Lisaura) in ihrer Arie: Sì, m’è caro imitar quel bel fiore – ja ich liebe es, jene Blume nachzuahmen (3. Akt) hören. Die begleitende Blockflöte ist dabei so dynamisch und rhythmisch genau, daß sie beinahe der Sängerin den Rang abläuft. Von Anfang an füllt Yetzabel Arias Fernandez (Rossane) ihre Rolle mit großem Elan und intensiver Gestaltung aus, obwohl gerade bei ihr die mangelnde Personenführung von Alexander Fahima, eines Meisterschülers der Regisseur-Kaderschmiede der Hamburger Musikhochschule, besonders ins Auge fällt. Ihre Atemtechnik, ihre Intonationsgenauigkeit, der Wohllaut ihres Soprans und ihre Koloraturtechnik läßt nichts zu wünschen übrig. Den Vogel schießt sie ab mit Brilla nell’alma – in der Seele (3. Akt). Hier stimmt alles, die Artikulation und sogar die Begleitung des Orchesters, das mal nicht – wie sonst oft – die Gesangsstimme überlagert.

Fazit

Viel Applaus für die Sänger und Buhs gegenüber der Regie. Viereinhalb Stunden in ein viereckiges Zimmer zu starren ist nun nicht sehr unterhaltend, sondern eher ziemlich ermüdend.

Dr. Olaf Zenner

Bild: Markus Kaesler

Das Bild zeigt: Lawrence Zazzo (Alessandro)

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