Gera, Bühnen der Stadt – WALLENSTEIN

von Jaromir Weinberger (1896-1967), Musikalische Tragödie in sechs Bildern, Libretto: Milos Kares nach Schillers Wallenstein, Übersetzung: Max Brod, UA: 1937, Wien.
Regie: Matthias Oldag, Bühne: Thomas Gruber
Dirigent: Jens Troester, Philharmonisches Orchester Altenburg-Gera, Opernchor von Theater und Philharmonie Thüringen, Einstudierung: Nikolaus Müller
Solisten: Teruhiko Komori (Wallenstein), Franziska Rauch (Thekla), Nico Wouterse (Octavio Piccolomini, Dragoner), Vincent Wolfsteiner (Max Piccolomini), Elvira Dreßen (Gräfin Terzky), Günter Markwarth (Graf Terzky), Kai Wefer (Illo, Kapuziner), Olaf Plassa (Buttler), Peter Paul Haller (Graf Questenberg, Seni), Bernhard Hänsch (Oberst Wrangel, Wachtmeister), Marie-Luise Dreßen (Ein Mädchen), Michael Siemon (Gordon, Kürassier), Winfried Roscher (Jäger), u.a..
Besuchte Aufführung: 23.Oktober 2009 (Deutsche Erstaufführung)

Kurzinhalt
gera-wallenstein.jpgDie Oper ist eine gekürzte Fassung von Schillers Trilogie Wallenstein. Wallensteins Soldaten haben sich versammelt. Verroht kennen sie nur noch Mord, Beute und Vergewaltigung. Wallenstein sieht keine Hoffnung mehr für Frieden, der Krieg führte nur zu noch auswegloseren Konflikten – Europa ist am Ende. Einzige Chance ist der Übertritt zu den Protestanten und der Verrat am katholischen Kaiser. Der schwedische Gesandte Wrangel fordert Eger und Prag, Wallenstein würde König von Böhmen werden. Er zögert aber. Thekla und Max sind mittlerweile ein heimliches Liebespaar geworden, aber Wallenstein kann die unstandesgemäße Heirat nicht dulden. Octavio wird vom Kaiser zum Nachfolger Wallensteins bestimmt. Es gelingt ihm, Buttler zu seinem Gefolgsmann zu machen. Max wählt die Treue zum Kaiser, verläßt Thekla, führt die Pappenheimer in den Kampf und fällt. Thekla begeht Selbstmord, Wallenstein und sein Gefolge werden von Buttler getötet.
Aufführung
Es ist Max Brod hoch anzurechnen, daß er in der Rückübersetzung (die Komposition wurde ursprünglich in Tschechisch ausgeführt) die bekannten Zitate Schillers eingefügt hat – man „kennt eben seine Pappenheimer“. So kann man dem Verlauf besser folgen, auch dank der deutschen Übertitel. Es gibt ein dunkles Einheitsbühnenbild: Die Bühne steht unter Wasser, zwei Stege führen quer über hinüber. Eine Wasserschlacht schafft ein zwar wenig erklärbares, dafür aber eindrucksvolles Bild. So werden das Mädchen und der Kapuziner durch das Wasser geschleift und geschändet. Die Morde finden nicht auf der Bühne statt, sondern dahinter oder werden durch Abgänge dargestellt. Das Staatsbegräbnis am Schluß mit riesigen Lorbeerkränzen neben schwarzen Särgen erinnert an die Trauerfeiern unserer Tage.
Sänger und Orchester
Bemerkenswert an der Musik Weinbergers ist die Mischung aus Volksweisen und Soldatenchören – die nebenbei an die Choräle Bachs erinnern – im ersten Bild, der Pappenheimer Marsch und die düstere Trauermusik für Wallenstein am Schluß. Dazwischen herrscht Sprechgesang vor, immer wieder unterbrochen durch Rückgriffe auf mittelalterliche Klangbilder und die Musik für Thekla und Max. Vincent Wolfsteiner (Max) ist ein etwas zurückhaltender lyrischer Tenor mit strahlender Höhe. Franziska Rauch hingegen kämpft als Thekla manchmal mit der Intonation – für sie als lyrischen Sopran sind die dramatischen Gesangspassagen schwierig. Dagegen kann der Mezzo von Marie-Luise Dreßen Schönklang verbreiten. Der hauseigene Bariton Teruhiko Komori gestaltet die Titelfigur glänzend in Diktion und Stimmführung. Seine Gegenspieler Nico Wouterse (Octavio) und Olaf Plassa (Buttler) können eine dämonische Schwärze in den Klang ihrer Stimme integrieren. Besonders beachtlich ist, daß ein kleineres Haus zwanzig Rollen ausgezeichnet besetzen konnte – auch wenn mancher Sänger zwei Rollen übernehmen mußte. Allein die musikalisch mitreißende Leistung des Orchesters unter Jens Troester hätte eine Tonaufnahme verdient.
Fazit
Es ist visionär schon im Jahre 1937 ein solches Stück über Friedenssehnsucht und Kriegsmüdigkeit zu schreiben und in Wien uraufzuführen. Darin wird z.B. von einer europäischen Gesamtlösung gesprochen! Diese Oper hat uns auch heute noch viel zu sagen – genauso wie Wallenstein selbst. Diese deutsche Erstaufführung ist eine gelungene Fortsetzung der Opern-Ausgrabungen in Gera-Altenburg, wie unlängst der Scharlatan von Pavel Haas. Zum Besuch sei daher dringend geraten!
Es mag sein, daß Schillers Wallenstein nicht wirklich als Opernstoff geeignet ist. Gerade das zweite und dritte Bild, die eigentlich nur aus Dialogen bestehen, eignen sich kaum für eine Komposition. Daß es dennoch gelungen ist, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, wurde vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall belohnt.
Oliver Hohlbach

Bild: Stephan Walzl
Das Bild zeigt: Die Soldateska greift Zivilisten an und schreckt nicht davor zurück Kindersoldaten zu rekrutieren.

Veröffentlicht unter Gera, Landestheater, Opern
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