Die Frau ohne Schatten – Dresden, Semperoper

von Richard Strauss (1864–1949), Oper in drei Akten, Text von Hugo von Hofmannsthal

UA:  10. Oktober 1919,  Staatsoper Wien

Regie: David Bösch, Bühnenbild und Videodesign: Patrick Bannwart, Kostüme: Moanna Stemberger, Licht: Fabio Antoci, Videodesign: Falko Herold, Dramaturgie: Johann Casimir Eule

Dirigent: Christian Thielemann, Sächsische Staatskapelle Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Einstudierung: André Kellinghaus, Kinderchor der Semperoper Dresden, Einstudierung: Claudia Sebastian-Bertsch

Solisten: Camilla Nylund (Kaiserin), Eric Cutler (Kaiser), Evelyn Herlitzius (Amme), Andreas Bauer Kanabas (Geisterbote), Miina-Liisa Värelä (Baraks Frau), Oleksandr Pushniak (Barak, der Färber), Nikola Hillebrand (Hüter der Schwelle), u.v.a.

Besuchte Aufführung: 24. März 2024 (Premiere)

Kurzinhalt

Die Kaiserin der südöstlichen Inseln stammt aus dem Feenreich. Noch gehört sie nicht ganz zu den Menschen, denn sie wirft keinen Schatten und kann keine Kinder empfangen. Ihrem Gatten steht darum die Verwandlung in Stein bevor. Die Amme der Kaiserin, die sich insgeheim zum Ziel gesetzt hat, sie wieder zurück in das Feenreich zu bringen, gibt vor, ihr helfen zu wollen und macht sich mit ihr auf in die Menschenwelt zu dem Färber Barak und seiner jungen Frau. Auch sie haben keine Kinder, allerdings weil die Färbersfrau es so will. Die Amme versucht, der Färbersfrau ihren Schatten und damit ihre Fruchtbarkeit abzukaufen, doch die Kaiserin schreckt davor zurück, ihr Glück mit dem Leid anderer zu erkaufen. Sie empfindet Mitleid mit dem ehrlichen und sanftmütigen Barak, dessen Wunsch nach Kindern unerfüllt zu bleiben droht, wenn die Intrige der Amme aufgehen sollte, und dessen Frau sich ihm gegenüber immer feindseliger verhält. Die Kaiserin erlöst durch ihren Verzicht auf den Schatten der Färbersfrau ihren Mann, den Kaiser, und rettet die Ehe des Färberpaares. Ihr Vater, der Geisterfürst Keikobad, erfüllt ihr zudem ihren Wunsch, in die Menschenwelt hinüberzuwechseln und einen Schatten zu werfen. Die Amme verurteilt er dazu, unter den ihr verhassten Menschen leben zu müssen.

Aufführung

Das Bühnenbild ist spartanisch und symbolbeladen zugleich. Geister- und Menschenwelt unterscheiden sich von ihrer Farbgebung. Die Geisterwelt ist schwarz-weiß, die Menschenwelt bunt, wenn auch nicht in hellen, sondern in blassen und schmutzigen Farbtönen gehalten. Videoprojektionen, die exakt mit dem dramatisch-musikalischen Geschehen koordiniert werden und den Textinhalt verdeutlichen, spielen in beiden Welten eine wichtige Rolle. In den Projektionen werden einfache Mittel geschickt zur Textdeutung genutzt, etwa, wenn die weiße Silhouette der Kaiserin, die keinen Schatten wirft, mit dem schwarzen Schatten des Kaisers kontrastiert. Die Erscheinung eines Jünglings – oder vielmehr einer Gruppe von Jünglingen – wird mit Goldglitter und rosa Gewölk auf den Hintergrund projiziert. Doch nicht alles ist nur als Video zu sehen, sondern auch die Bühnenmaschinerie kommt in allen drei Akten zum Einsatz. Zum einen gibt es eine Fahrstuhlkabine, die zwischen Geister- und Menschenwelt hin- und herfährt. Und zum anderen den riesigen, die gesamte Bühne ausfüllenden Falken des Kaisers. Daneben werden wenige Requisiten effektiv genutzt. Das Bett von Kaiser und Kaiserin wird zum Kahn, den die Amme steuert, in der Mitte des bunkerartigen Färberhauses steht eine Tonne mit der Aufschrift „Giftig“, aus der die Amme und die Färberin diverse Gegenstände hervorzaubern oder darin verschwinden lassen. So wirft die Färberin im zweiten Akt ihren Ehering hinein, als sie Barak ihre erfundene Affäre gesteht, oder im ersten Akt Puppen, die ihre ungeborenen Kinder symbolisieren sollen, womit sie ihre Furcht vor der Mutterschaft zum Ausdruck bringt. Kinderwägen sind ebenfalls in allen Akten anzutreffen: Im zweiten feiert Barak seinen großen Einkauf mit Freunden und Kindern und schiebt einen mit Geschenken beladenen Kinderwagen in seine Werkstatt, die auch als Wohnzimmer dient. Im letzten Akt umringen gespenstische Gestalten mit leeren Kinderwägen die Kaiserin, als sie vor die abschließende Entscheidung gestellt wird, der Färberin ihren Schatten zu nehmen. Wie in der Musik wiederholen sich in dem begrenzten Vorrat von Requisiten und Projektionen immer wieder die gleichen Bilder und szenischen Mittel mit Variationen als eine Art visueller Leitmotive. Die Bildsprache ist deutlich, fast überdeutlich, etwa, als am Ende des zweiten Aktes das Bühnenbild in der Mitte in zwei Teile auseinandergerissen wird, in denen sich dann Barak und seine Frau getrennt voneinander im dritten Akt wiederfinden.

Sänger und Orchester

Es war der Abend Christian Thielemanns, der mit dieser Produktion seine letzte Dresdner Premiere als GMD der Sächsischen Staatskapelle dirigierte. Das Orchester, das wie kein anderes mit den Werken Richard Strauss‘ vertraut ist, brachte die an Farben und Nuancen unendlich reiche Partitur buchstäblich zum Leuchten, von den wuchtigen Tutti bis hin zu den bis ins kleinste Detail durchgestalteten Instrumentalsoli. Die Akzentuierungen und ständigen dynamischen Schattierungen sorgten für analytische Deutlichkeit. Das zum Ende des zweiten Aktes hin kulminierende Geschehen wurde als sich unaufhörlich steigerndes Duell zwischen Falkenmotiv und Leitmotiven aus dem Umfeld Baraks gestaltet, das in eine Katastrophe mündet. Die robusten Stimmen der Sänger erlauben Thielemann, das große Orchester kraftvoll einzusetzen.

Camilla Nylunds (Kaiserin) dramatischer Sopran bleibt selbst in den leisen Passagen metallisch und in den lauten Passagen schlank. Die hohen Spitzentöne setzte sie exakt und nachdrücklich, ohne zu forcieren. Zu Beginn des ersten Aktes zeigte sich bei ihr eine leichte Tendenz, mit ihrem Körper zu taktieren, die aber glücklicherweise schnell verschwand. Miina-Liisa Väreläs (Baraks Frau) dramatischer Sopran ist gänzlich anders geartet. Ihre Stimme hat mehr Tiefe und Körper und so wie ihre Rolle ein breiteres Ausdrucksspektrum. Ihre anspruchsvolle Partie, in der sich melancholische und unerbittliche, despotische und unterwürfige Gefühlsregungen miteinander abwechseln, gestaltete sie souverän und setzte die von der Regie vorgegebenen humorvollen Untertöne und kleinen Aktionen darstellerisch großartig um. Was neben der tadellosen musikalischen Wiedergabe bei diesen beiden Sängerinnen überraschte, war die Deutlichkeit der Textaussprache; lediglich im Melodram der Kaiserin im dritten Akt wurde ein Akzent bei ihr hörbar und bei den schwer laut auszusprechenden gehäuften sogenannten ich-Lauten (also dem -ch wie in „ich“) verschwanden Konsonanten mitunter. Die dritte tragende Rolle der Oper, die der Amme, war mit Evelyn Herlitzius bestmöglich besetzt, deren Auftritt in Dresden man wohl als eine Art Heimspiel bezeichnen darf. Ihre Stimme und darstellerische Agilität sind ein Phänomen. Sie steht seit über dreißig Jahren als Sängerin dramatischer und hochdramatischer Partien auf der Bühne, ohne daß ihrer Stimme nur die geringste Spur von Sprödigkeit oder Ermüdung aufweisen würde. Homogen in allen Registern und mit konstanter szenischer Präsenz – sie ist die letzte Figur, die beim Fallen des Vorhangs am Ende der Oper zu sehen ist – machte sie ihre Partie zur heimlichen Hauptrolle dieser Produktion.

Verglichen mit den weiblichen Hauptrollen sind die männlichen Hauptfiguren psychologisch wesentlich schlichter angelegt. Oleksandr Pushniak erweist sich mit seiner Verkörperung des unbeholfenen, naiven Barak als Idealbesetzung. Man nimmt ihm seine mit einer gehörigen Portion Schwerfälligkeit gepaarte Gutmütigkeit ab. Seine ausgeglichene, runde Stimmgebung verströmt Sicherheit und läßt seinen Barak als einen zuverlässigen, geduldigen, wenn auch sturen Charakter erscheinen. Eric Cutler (Kaiser) hatte stimmlich keine Schwierigkeiten mit seiner Tenorpartie, wenn auch die Textaussprache etwas deutlicher sein könnte. Andreas Bauer Kanabas (Geisterbote) und Nikola Hillebrand (Hüter der Schwelle) sangen und spielten ihre kurzen Rollen geradlinig und würdevoll.

Fazit

Diese neue Dresdner Produktion des vielschichtigsten Werkes von Strauss und Hofmannsthal war – man darf wohl sagen: erwartungsgemäß – musikalisch glänzend. Das Orchester und sein Noch-GMD Christian Thielemann, der zu Beginn der nächsten Spielzeit an die Staatsoper Berlin wechselt, haben Erfahrung mit diesem großbesetzten Werk, und die Sänger, die man für dieses Produktion verpflichten konnte, waren – wie ebenfalls in Dresden üblich – erste Wahl. Die Inszenierung kam beim Premierenpublikum gut an, obwohl sie nicht unbedingt schöne, dafür aber Bilder von großer Klarheit bietet. Hinzu kamen szenische Einfälle, die das Werk intelligent mit einer Prise Humor kommentieren, ohne es lächerlich zu machen. Im Gegenteil: Das moderne Kunstmärchen Hofmannsthals über Liebe, Geburt und Ehe wird durch die Bilder genauso wie durch Strauss‘ Musik ins Monumentale gesteigert. Musik und Inszenierung ziehen also an einem Strang.

Dr. Martin Knust

Bild: Ludwig Ohla

Das Bild zeigt: Camilla Nylund (Kaiserin)

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