Die Soldaten – Köln, Oper (Staatenhaus)

von Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) Oper in vier Akten, Libretto: Komponisten nach dem gleichnamigen Schauspiel von Jakob Michael Reinhold Lenz (1776)

Dirigent: François-Xavier Roth, Gürzenich Orchester Köln

Inszenierung: Carlus Padrissa (La Fura dels Baus), Bühne: Roland Olbeter, Kostüme: Chu Uroz, Licht: Andreas Grüter, Video: Marc Molinos, Alberto de Gobbi, Klangregie: Paul Jeukendrup, Choreographie: Mireia Romero Miralles, Dramaturgie: Georg Kehren,

Solisten: Frank van Hove (Wesener, ein Galanteriehändler in Lilli), Emily Hindrichs (Marie, seine erste Tochter), Judith Thielsen (Charlotte, seine zweite Tochter), Kismara Pessatti (Weseners alte Mutter), Nikolay Borchev (Stolzius, Tuchhändler in Armentières), Dalia Schaechter (Stolzius‘ Mutter), Sharon Kempton (die Gräfin de la Roche), Alexander Kaimbacher (der junge Graf, ihr Sohn), Alexander Fedin (der Bediente des Grafen de la Roche), Martin Koch (Desportes, ein Edelmann), Miroslav Stricevic (Obrist, Graf von Spannheim), John Heuzenroeder (Pirzel, ein Hauptmann), Oliver Zwarg (Eisenhardt, ein Feldprediger), Miljenko Turk (Haudy, Offizier), Wolfgang Stefan Schwaiger (Mary, Offizier), Katerina Giannakopoulou (Andalusierin), Silke Natho (Madame Roux, Inhaberin des Kaffehauses) u.a., Annika Wiessner / Tanja Baumgart (Marie-Double/Frauenzimmer), Volker Eckhardt (Leibjäger des Barons Desportes), sowie Mitglieder des Herren- und Extrachores der Oper Köln und Gäste (Offiziere und Fähnriche)

Besuchte Aufführung: 29. April 2018 (Premiere)

Vorbemerkung

Es gibt Opern, die erheitern, und Opern, die erschüttern. Beide dienen im weitesten Sinne der Unterhaltung des Publikums. Nur ganz wenige transzendieren sich und ihre Gattung und öffnen damit neue geistige Räume, sprengen die vorgefundene Form und definieren sie damit zugleich neu. Wagners Tristan ist so ein Werk, oder Pelléas et Mélisande von Debussy und Wozzeck von Alban Berg. Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann reihen sich ein in diese Riege visionärer Meisterwerke, die nicht mehr erheitern oder erschüttern (obwohl diese Gefühle tatsächlich auch empfunden werden), sondern tiefere, unaussprechbarere Schichten des Seins berühren, die dem Menschen normalerweise unzugänglich sind.

Die Soldaten, komponiert 1957-1965, sind mit zwei Stunden Spielzeit nicht besonders lang, aber sie enthalten allein auf technischer Ebene eine Reihe bahnbrechender Ideen, die dieses schwierige Werk erst heute den Intentionen des Komponisten näher realisierbar machen. Dazu gehören neben dem Einsatz von Tonband, Elektronik und Videoprojektionen vor allem die Idee der Simultanszenen, wo die Handlung auf mehreren Bühnen verteilt an verschiedenen Orten des Raums stattfindet, meist auch noch auf verschiedenen zeitlichen Ebenen spielend.

Musikalisch spiegelt sich dies durch an mehrere Stellen des Aufführungsraums verteilte Nebenorchester bzw. Instrumentengruppen wider, die auch noch in verschiedenen Tempi spielen, oft auch noch stilistisch sehr heterogen. Auch im immens riesigen Hauptorchester treten immer wieder stilistische Anachronismen bzw. Heterogenismen zutage: gregorianische und protestantische Choräle, Jazz-Combos, Dodekaphonie, Aleatorik, Serialismus… All diese heutzutage verfügbaren Mittel setzt der Komponist je nach Bedarf ein, oft auch noch collagenhaft übereinandergetürmt und scheinbar chaotisch durcheinanderspielend. Die Bandbreite reicht von dieser allerhöchsten musikalischen Komplexität jedoch auch hin bis zum einfachen, einstimmigen Ton, wie der Schußszene, wo am Ende das D in einfachstem, brutalem Rhythmus gnadenlos immer und immer wieder gehämmert ertönt.

Die manchmal gleichzeitig auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen spielenden Szenen und die polystilistischen musikalischen Techniken spiegeln die geistige Haltung Zimmermanns wider, daß der Zeitablauf nicht linear sei, wie im Alltag empfunden, sondern kugelförmig in sich gekrümmt, Vergangenheit und Zukunft mit dem Brennpunkt in der Gegenwart. Mit der musikalisch-szenischen Realisation eines solchen philosophischen Gedankens erweist Zimmermann sich als geistiger Visionär, als Musikphilosoph im besten Sinne in der Nachfolge Gustav Mahlers, der ebenfalls manchmal philosophische Gedanken in seinen Symphonien verwirklichte.

Diese musikphilosophische Haltung spiegelt sich wiederum in der Handlung wider (siehe unten), in welcher das Schicksal von Einzelpersonen in einer bestimmten historischen Zeit als Gleichnis für das zeitlose menschliche Allgemeinschicksal gedeutet wird.

Kurzinhalt

Marie, die Tochter des angesehenen Kaufmanns Wesener läßt sich mit dem sie umwerbenden Offizier Desportes ein, der sie jedoch später wieder fallen läßt. Stolzius, ihr Verlobter, kann sie nicht festhalten. Marie gerät durch eine Intrige in eine gesellschaftliche Abwärtsspirale, die sie am Ende nach einer Vergewaltigung von Desportes‘ Jäger als Straßenmädchen und Bettlerin enden läßt, wo sie nicht einmal ihr eigener Vater wiedererkennt. Desportes wird durch Stolzius umgebracht, der sich gleich darauf selbst vergiftet.

Erläuterungen  zur Handlung

Die umrißhafte Inhaltsangabe bildet den roten Handlungsfaden durch die Oper. Sie ist jedoch – wie schon erwähnt – an vielen Stellen durch das Einzelschicksal, bzw. die konkrete schicksalshafte Verkettung der Individuen, szenisch-kantatenhaft in das allgemeine Kollektivschicksal der Menschheit überhöht. Dabei bleibt Zimmermann nicht nur subtil, sondern auch präzise. Oft ist als treibende Kraft von Maries gesellschaftlichem Abstieg die männliche Gewalt gegen die Frau bemerkt worden, doch Zimmermann spart in den Szenen von Stolzius und seiner Mutter, bzw. der Gräfin und ihrem Sohn nicht mit der ganz anderen Gewalt von Frau gegen den Mann. Gewalt ist eines der Schlüsselelemente im Miteinander-Agieren der Hauptpersonen, niemand wird davon verschont.

Die philosophisch-moralisierenden Worte, Predigten und Gebete des Hauptmanns Pirzel und des Feldpredigers Eisenhardt gehen unter und bleiben wirkungslos. Das Ende verdichtet sich zum allgemeinen Untergang der Menschheit, im leblosen Marschieren der Soldaten, Maries Ende in der Gosse und schließlich im Atomblitz bzw. der Atomwolke in der ursprünglichen Intention des Komponisten.

Erläuterungen zur Aufführung

Allein die szenischen Anforderungen von Zimmermanns Hauptwerk stellen jedes Opernhaus vor beinahe kaum zu bewältigende Herausforderungen. Denn für gewöhnlich ist das Geschehen auf der Bühne vor Publikum und Orchester positioniert. Zimmermann jedoch verteilt die Handlung oft auf mehrere Bühnenbilder, läßt an mehreren Stellen gleichzeitig spielen. Hier erwies sich das Staatenhaus als idealer Ort, hier konnte die künstlerische Leitung nun in einem quasi neutralen Raum darangehen, die Vision des Komponisten das totale Theater Wirklichkeit werden zu lassen.

Umgestaltung des Zuschauerraums

Der Aufbau der Zuschauerränge war leicht ansteigend, der Bühnenraum vorne jedoch völlig vom Riesenorchester besetzt. Hier legte sich die Bühne leicht erhöht als rundes, breites Band um den gesamten Zuschauer- und Orchesterraum und konnte dadurch leicht den Simultanszenen genügend Raum bieten. Gleichzeitig bot sich dadurch auch die Möglichkeit, die an sich getrennten Bühnenschauplätze szenisch miteinander zu verbinden und gleichzeitig auch den Zuschauerraum auch noch zu integrieren, was mehr als einmal geschah. Eine ununterbrochen umlaufende Videowand begrenzte die kreisförmige Bühne und bot auch noch Platz für die Videoprojektionen, die Zimmermann vorgesehen hatte.

Für das Publikum stellte sich nun die Herausforderung, nicht nur einer Handlung vorne, sondern auch an beiden Seiten und möglicherweise noch rückwärts, zu folgen. Daher waren die Sitze drehbar und nur mit minimaler Rückenlehne ausgestattet, was einerseits sehr hilfreich war, andererseits wiederum durchaus gewöhnungsbedürftig.

Aufführung

Die Kostüme der Sänger und Schauspieler waren „historisch-historisierend“ gestaltet, was sich mit der teilweise wörtlich übernommenen altertümelnden Sprache von Lenz‘ originalem Schauspiel deckte. Die dadurch entstehenden anachronistischen Spannungen zu den experimentellen Videoprojektionen und den durch eine Diskokugel unterstützten Lichteffekten entsprach wiederum die Polystilistik auf der musikalischen Ebene.

Man kann sich fragen, ob manche inszenatorischen Einfälle, wie die zu Ende am Galgen hängenden,

sich in obszönen Zuckungen windenden Soldaten tatsächlich bis ins Detail Zimmermanns Intentionen entsprachen. Insgesamt wurde der apokalyptische Geist des Werkes jedoch so eindringlich umgesetzt, daß von einem Zimmermann sehr nahen Inszenierung gesprochen werden muß. Es zeigte sich darüber hinaus auch eine sichere Beherrschung des Regiehandwerks. Die Schußszene besonders war in ihrer, den gesamten Bühnenraum nutzende und ständig sich steigernden Intensität, von einer ungeheuren, packenden, zwingend Wirkung! Einzig der Lichteffekt am Ende, übernommen von der Uraufführung 1965, wirkte nach dem Lichtblitz auf der Leinwand etwas veraltet.

Strukturelle Hinweise

Nicht nur der inszenatorische, sondern auch der musikalische Teil dieser Oper ist exorbitant schwer und setzt die Ausführenden einem fast nicht endend scheinenden Feuerwerk an Herausforderungen aus. Dies war mit einer der Gründe, daß die ursprünglich, für 1960 angesetzte Uraufführung erst nach schweren Kämpfen fünf Jahre später stattfinden konnte. Zimmermann verlangte damals an manchen Stellen nicht nur mehrere Bühnen und mehrere Szenen gleichzeitig, sondern auch noch mehrere, im Raum verteilte Orchestergruppen, die in verschiedenen musikalischen Stilen und auch noch verschiedenen Tempi (durchaus schwer zu bewältigende Passagen) spielen sollten! Erst nachdem der Komponist die entsprechenden Stellen mit durchgehenden Taktstrichen so umschrieb, daß ein Dirigent sie alleine dirigieren konnte, rückte eine Aufführbarkeit in erreichbare Nähe. Auch ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung zeugte die Anwesenheit von drei Hilfsdirigenten noch vom Ausnahmestatus dieses Werks!

Sänger und Orchester

Doch die Mühe und der Aufwand hatten sich gelohnt! François-Xavier Roth und das verstärkte Gürzenich-Orchester zeigten sich den Schwierigkeiten nicht nur gewachsen, sie konnten auch überzeugend die ungeheure Expressivität des Werks übermitteln.

Das galt auch für die Sänger, allen voran die durch die Titelpartie enorm in Anspruch genommene Emily Hindrichs, die manchmal vielleicht mit einem ein wenig zu starken Vibrato sang, was aber bei dem oft bewußt überzeichneten Ausdruck des Stücks kaum auffiel. Überragend mit souveränem Ausdruck in ihren wenigen Szenen zeigten sich auch Frank van Hove als Maries Vater, Nikolay Borchev als Stolzius und Martin Koch in seiner Rolle als Desportes. Manche Stimmen fielen dagegen sowohl ausdrucks- als auch lautstärkenmäßig etwas ab, wie John Heuzenroeder als Hauptmann Pirzel oder Wolfgang Stefan Schwaiger als Offizier Mary. Alles das verschlang jedoch die maßlose Expressivität des Werks, spiegelte sich darin doch oft die Machtlosigkeit der dargestellten Figuren.

Insgesamt zeigte das ganze Ensemble ein unglaublich hohes Niveau und eine hohe Treffsicherheit, besonders angesichts von Gesangspartien, die manchmal übergangslos von schwierigsten Intervallsprüngen in gesprochenes Wort bis hin zum Flüstern wechseln.

Hut ab vor dieser Leistung!

Fazit

Man kann ob der apokalyptischen Atmosphäre und Anlage des Gesamtwerkes streiten, ob B.A. Zimmermann mehr Realist oder Pessimist war. Tatsächlich scheint hier jedoch eine ungemein sensible Natur all das in der Welt wahrgenommene Leid in einem Werk gesammelt und wie in einem Brennspiegel fokussiert zu haben, und zwar auf allen ihr zur Verfügung stehenden musikalischen, szenischen und handlungsorientierten Ebenen.

Zum kompositorischen Genie gesellte sich hier nun ein durchaus gleichgestelltes, interpretatorisches und inszenatorisches Genie.

Immer wieder wurde der Blick des Zuschauers von den vielen Bühnen und Texttafeln hin zur Mitte des Geschehens, dem Dirigenten François-Xavier Roth, gelenkt, der nicht nur eine ungeheure Konzentration und Energie, sondern auch Sicherheit ausstrahlte. Die drei Hilfsdirigenten hatten an keiner Stelle Mühe, seinen Schlag an ihre Instrumentengruppen weiterzugeben.

Des weiteren verdient das verstärkte Gürzenich-Orchester ein ganz großes Lob, nicht nur ob ihrer sicheren und souveränen Handhabung dieser schwierigen Musik, sondern besonders ob ihres Feuers und der Leidenschaft beim Musizieren! Hier übertrug sich der Geist des Dirigenten sehr klar auf die Musiker und in Folge auch auf das Publikum.

Die Regie zeigte in manchen Details einige Krankheiten und Manierismen unserer Zeit, siehe etwa die oben angesprochene Schlußszene. Auch wirkten manche Videoprojektionen etwas obskur und nicht ganz streng im Dienste der Verständlichkeit, jedoch immer im Dienste des Ausdrucks. Das leidenschaftliche Schauspiel der Sänger trug seines dazu bei, daß der Zuhörer und Zuschauer an diesem letzten Sonntag des Aprils 2018 ein rundum von allen Seiten her gelungenes Ganzes zu hören und sehen bekamen.

Ein sehr langer, frenetischer Schlußapplaus und Ovationen waren der Lohn für die Mühen, die Dirigent, Regisseur, Musiker und Veranstalter auf sich genommen hatten, um Zimmermanns Vision zu verwirklichen. Sie haben es geschafft!

Philipp Kronbichler

Bilder: Paul Leclaire

Bild 1: Gürzenich-Orchester Köln, Musikalische Leitung: François-Xavier Roth

Bild 2: Mitglieder des Herren- & Extrachores der Oper Köln und Gäste (Offiziere und Fähnriche), Emily Hindrichs (Marie)

Veröffentlicht unter Köln, Bühnen der Stadt, Opern
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