MÉDÉE – Zürich, Opernhaus

von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704), lyrische Tragödie in fünf Akten, in französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Libretto: Thomas Corneille, UA: 4. Dezember 1693 Paris, Académie Royale de Musique

Regie: Andreas Homoki, Bühne: Hartmut Meyer, Kostüme: Mechthild Seipel, Licht: Franck Evin Dramaturge: Werner Hintze und Fabio Dietsche

Dirigent: William Christie, Orchester La Scintilla der Oper Zürich und Musiker Les Arts Florissants, Chor der Oper Zürich, Choreinstudierung: Jürg Hämmerli

Solisten: Stéphanie d’Oustrac (Medea), Reinoud Van Mechelen (Jason),  Nahuel Di Pierro (Kreon), Mélissa Petit (Krëusa), Ivan Thirion (Oronte), Carmen Seibel (Nerine)

Besuchte Aufführung: 22. Januar 2017 (Premiere)

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Kurzinhalt

Thessaliens König Akastos forderte für die Ermordung seines Vaters die Auslieferung der Medea. Königstochter Medea und der Held Jason flüchteten mit ihren Kindern nach Korinth, wo sie beim König Kreon Zuflucht finden. Dennoch verliebt sich Jason in seine Tochter Prinzessin Krëusa. König Kreon begrüßt diese Verbindung und willig ihrer Heirat ein, obwohl des Königs Verbündeter Oronte, Krëusas Verlobte, diese bald zu heiraten erwartet. Der König von Korinth ordnet Medeas Verbannung an, um die Heirat von Krëusa und Jason zu ermöglichen. Medeas Vertraute Nerine informiert sie stets über die Neuigkeiten am Hofe. So erfährt Medea von Jasons Absichten und sie klärt den Verrat an Oronte auf. Vor der Abreise beschwört sie die Geister der Unterwelt ihr zu dienen. Trotzdem vermögen ihre Zauberkünste die Herzen der Liebenden wie auch das des Königs nicht zu bewegen. Medeas Forderung an Krëusa sofort Oronte zu heiraten, bleibt unerfüllt. Der rasendem Wahnsinn verfallene Kreon tötet Oronte und sich selbst. Medea rächt sich an Jason. Sie tötet ihre eigenen Kinder und vergiftet die Prinzessin Krëusa. Die Dämonen setzen den Palast in Brand.

Aufführung

Zu Beginn erscheint auf der Bühne eine Cricket Mannschaft in weiß-grünem Trikot. Jason wird mit dem Lorbeerkranz geschmückt und bekommt ein Pokal, seine Kinder laufen mit ihm. Medea steht abseits und scheint verlassen und einsam zu sein. Sie trägt ein rotes Wickelkleid. Die Bühne ist leer in Weiß und dunklem Grau. Ihr schräger Boden hat ein Gefälle zum Publikum hin, die Tiefe beträgt einige Meter. Die Decke ist vertikal beweglich und stellt ein zweites Stockwerk dar. Sie wird immer wieder so tief abgesenkt, daß man darunter nicht stehen kann. Stets flüchten die Schauspieler rechtzeitig nach vorne oder seitlich hinter die Kulissen. Oftmals öffnet sich die hintere Wand. Ebenso wird im hinteren Bereich eine rote Treppe gezeigt, auf der die Künstler einmal seitlich und ein anderes Mal frontal agieren.

Die Kostüme sind teils schlicht einfarbig, teils aufwendig angefertigt. Die Künstler sind in Turnschuhen, Schuhen mit Absätzen, Stiefeln oder zwischendurch barfuß zu sehen. Im dritten Akt treten die Rache und die Eifersucht als zwei schwarze Personen auf, sie tragen karierte Hosen wie Zirkusclowns. Die Kleidung der Dämonen ist mit afrikanischen Stoffen sehr bunt gestaltet, die Choreographie entspricht afrikanischem Stil, ihre schwarzen Masken sind mit aufgesetzten Totenköpfen dekoriert. Durch das Anheben des zweiten Stockwerks, kann Krëusa die Stoffbahn des roten Wickelkleides bis zur unteren Bühne hinabwallen lassen.

Sänger und Orchester

Das Orchester der Oper Zürich La Scintilla mit Les Arts Florissants erzeugte auf historischen Musikinstrumenten einen dem Gesang sich anschmiegenden, angenehmen Klang. Die Chöre waren deutlich in der Aussprache und außerdem klangstark. Neben der vielfältigen pantomimischen und schauspielerischen Aktionen sangen die Solisten ihre Rollen musikalisch überzeugend auf ausgeglichenem hohen Niveau. Stéphanie d’Oustrac gab eine leidende Medea, die emotional wie auch stimmlich im Laufe des Abends diverse Facetten zu präsentieren vermochte. Nach der liebevollen Bekennung der zarten Gefühle in Quel prix de mon amour – welcher Lohn für meine Liebe zeigte sie eine racheerfüllte farbenfrohe Entschlossenheit mit ihrem beweglichen Mezzosopran in der Geisterbeschwörung sowie ein ergreifendes Piano in Dieu du Cocyte et des Royaumes sombres – Gott des Kokytos und der Unterwelt (3. Akt).

Bei Reinoud Van Mechelen (Jason) war es nicht immer eindeutig zu erkennen, welche Gefühle ihn tatsächlich bewegten. Anfangs fehlende Körperspannung und Unsicherheit Medea gegenüber verflüchtigte sich im Laufe des zweiten Akts. Bald kam es zu kostbaren, musikalischen Momenten, wie in Ah! disons-le cent fois – Ah! sagen wir es hundertmal im Duett mit Mélissa Petit (Krëusa). Krëusas Rolle gestaltete sich anfangs ebenso stockend, wirkte etwas gezwungen und unsicher. Erst mit dem Einsatz ihrer Stimme konnte sie sich in der Bühnenpräsenz besser entfalten, während sie immer mehr die Rolle der Liebenden Prinzessin verkörperte. Mélissa Petits Sopran war von einer klaren weichen Klangfarbe und jedenfalls absolut durchsetzungsstark. Den königlichen Vater Kreon sang Nahuel Di Pierro, der schauspielerisch erst einen schwachen Herrscher, dann einen komischen Wahnsinnigen zum besten gab. Sein emotionaler tiefer Baß intonierte sehr genau und sein leichtes Vibrato war gut angepaßt. Der leidenschaftliche, stimmlich perfekte Tenor Ivan Thirion (Oronte) mußte mit verschlossenen Augen in einer länger andauernden peinlichen Sequenz den Betrogenen gestalten.

Fazit

Die musikalische Besetzung erntete stürmischen Beifall, jedoch wurde das Regieteam deutlich ausgebuht. Letzteres eine große Enttäuschung für alle, die in die Oper gehen, um sich an einer Oper und der entsprechenden Darstellung erfreuen wollen. Stattdessen mußte man eine Zirkusshow bewundern, wobei die große Kunst darin bestand, die Künstler zu bestaunen, wie gut sie auf einem schrägen Boden, engen Pfaden, steilen ungesicherten Treppen usw. akrobatisch balancierend kunstvoll zu singen vermögen. Diese starke Verunstaltung des Werks ist sehr bedauerlich und lenkte natürlich unnötig von der Musik ab. Die Anspielungen auf den afrikanischen Kontinent bei der Ausstattung der Dämonen lieferte einen rassistischen Beigeschmack. Jedweder Respekt gegenüber dem Werk Charpentiers wurde hier ruiniert.

Auch die Kostümgestaltung zeigte, daß der Regisseur kein Konzept im Kopf hatte: sie war örtlich unbestimmt und vom Libretto vollkommen losgelöst. Wer dieser merkwürdigen Gestaltung folgen konnte, konnte das Gefühl einer Komik kaum unterdrücken: sowohl Sängerinnen wie Sänger mußten zuerst eine komische, stumme Rolle pantomimisch gestalten, um sich später, mit Hilfe ihrer Stimme und des edlen Gesangs aus dieser aufgepfropften peinlichen Lage zu retten.

Ruta Akelyte Hermann

Bild: Toni Suter und Tanja Dorendorf

Das Bild zeigt: Chor und Statisten der Oper Zürich (Dämonen), links Stéphanie d’Oustrac (Médée), rechts Mélissa Petit (Krëusa)

Veröffentlicht unter Opern, Zürich, Opernhaus
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